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Denksport : Ein Volk unter Zugzwang

  • -Aktualisiert am

Obwohl in der Lobby des Hotels mehrere Schachbretter standen, wollte niemand gegen mich spielen.

8.e3-d4x Sc6-d4x 9.Se2-d4x Sf5-d4x 10.O-O O-O 11.Lc1-e3 Sd4-c6 12.Ta1-c1 d7-d6 13.Dd1-d2 Lc8-e6 14.b2-b3 Dd8-a5

Am Rande der Konferenz lernte ich den Künstler Zack Demirchyan und den Drehbuchautor Armen Mouradyan kennen. Die beiden hatten ihren Schach-Trickfilm vorgestellt. Wir verließen die Tagung und gingen zusammen Barbecue essen. Zack bestellte uns eine Flasche russischen Wodka. Mit seiner Halbglatze und der getönten Brille sah er aus wie ein gutgelaunter Mallorca-Tourist, der zu viel Zeit an der Hotel-Bar verbracht hatte. Er erzählte mir, dass Schach mehr als nur Teil des armenischen Lebens sei: „Wir haben das im Blut, das ist eine Art Religion.“ Armen Mouradyan pflichtete ihm bei: „Wenn du einem armenischen Baby die Wahl zwischen Mutterbrust und Schachbrett gibst, entscheidet es sich immer für Schach.“

Wir bestellten eine zweite Flasche Wodka und beschlossen, das „Infiniti“ zu besuchen – die einzige Bar, die wir im Umkreis mehrerer Kilometer auf Google-Maps finden konnten.

Das „Infiniti“ erwies sich als Stripclub. Wir waren die einzigen Gäste, und bald saß eine der Tänzerinnen auf meinem Schoß. Sie trug langes blondgefärbtes Haar, und ihr Parfum roch gut. Sie war sehr warm und ihre Haut seidenpapierzart. Elegant und kaum spürbar hockte sie auf meinem Oberschenkel. Ich war betrunken und hatte gleich Gefühle für sie.

Armenien sei im Aufbruch, sagt die Tänzerin im Stripclub: Kapitale Jerewan.

„Findest du es nicht komisch, dass wir uns so kennenlernen?“, fragte ich.

„Wieso?“

„Ich soll dafür zahlen, dass wir uns unterhalten.“

„Das ist in Armenien normal“, sagte sie, zuckte mit den Schultern und lächelte mich an.

„Spielst du Schach?“, wollte ich wissen.

Anstatt zu antworten, fragte sie, woher ich komme. Ich sagte es ihr und erklärte, dass ich auf der Suche nach einem armenischen Schachtalent sei, um es zu besiegen. Doch für den armenischen Nationalsport schien sich hier niemand zu begeistern. Sie erzählte, dass sie mal in Deutschland studiert habe und jetzt Geld spare, um ein Business im Tourismussektor zu eröffnen, denn Armenien sei im Aufbruch. Dann kam eine ältere Dame und behauptete, unsere Gesprächszeit sei abgelaufen.

15.Tc1-c2 Le6-f5 16.Tc2-c1 Tf8-d8 17.Tf1-d1 Sc6-e5 18.Sc3-d5 Da5-d2x 19.Td1-d2x Td8-d7 20.h2-h3 h7-h5 21.f2-f4 Se5-c6

Das Ziel: Keine Schach-Analphabeten mehr im Land

Inzwischen war ich seit vier Tagen in Armenien und hatte noch keine Partie gespielt. Ich beschloss, eine armenische Schule zu besuchen. Seit 2012 lernt jedes Kind in der Grundschule Schach. In die Wege geleitet hatte diese Bildungsreform der mittlerweile abgesetzte Präsident Sersch Sargsjan. Man hat ihm Korruption vorgeworfen. Nach wie vor aber ist er Vorsitzender des armenischen Schachbunds, die Schachspieler halten ihm die Treue. Er hat ein großes Ziel: Irgendwann soll es in Armenien keinen Schach-Analphabeten mehr geben. Schach als Markenzeichen eines Landes im Wandel. Armenien hat laut Weltschachbund FIDE 33 aktive Großmeister und 20 aktive Internationale Meister; 2006, 2008 und 2012 gewann das Männerteam bei der Schacholympiade Gold.

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