https://www.faz.net/-gum-9n4fg

Deutschland beim ESC : S!sters am Ende

Die S!sters beim Finale des Eurovision Song Contests 2019 in Tel Aviv Bild: AP

Der deutsche Beitrag beim ESC landet mal wieder auf einem der letzten Plätze. Was haben die S!sters falsch gemacht? Und warum suchen sie die Fehler bei anderen?

          Sie haben es nicht mitbekommen. Die S!sters waren auf der Toilette, als Moderatorin Bar Refaeli bekanntgab: „Deutschland, es tut mir leid: null Punkte.“ Es war das vernichtende Televoting-Ergebnis. Sonst wurden die jeweils genannten Delegationen auf ihrer Couch im Green Room gezeigt, ihre entsetzten oder vor Glück strahlenden Gesichter. Doch die beiden deutschen Sängerinnen waren nicht da, also blieb die Kamera auf die Moderatoren gerichtet. Später sagte Laura Kästel, man habe vorher schon erkennen können, an den 32 Jury-Punkten, dass da nicht mehr viel zu erwarten sei. Warum also nicht auf die Toilette gehen? Später ergänzt Carlotta Truman noch: „Wir haben 1000 Prozent gegeben.“

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Professionell geht anders. Man stellt sich auch seinen Niederlagen, das sollte bei jedem Wettbewerb selbstverständlich sein. „Vielleicht ist gerade eher Liebeskummer in als unsere Message“, sagte die 26 Jahre alte Carlotta Truman mit Blick auf den Gewinnertitel „Arcade“ und ihr Lied „Sister“ im Interview mit dem NDR nach ihrer großen Pleite. Im Lied der S!sters, die in Tel Aviv abgeschlagen auf Platz 24 landeten, geht es darum, dass sich zwei Schwestern (im Sinne von Personen) streiten und wieder versöhnen, eine Art Frauen-Power-Botschaft, denn gemeinsam ist man stärker. Erste Zeile: „Ich bin es leid, immer zu verlieren.“

          Aber nein, Liebeskummer hat nicht gerade Konjunktur: Im Lied „Arcade“ des diesjährigen ESC-Gewinners Duncan Laurence geht es um eine sehr persönliche Geschichte, um einen geliebten Menschen, der sehr jung starb und nie das Glück hatte, wahre Liebe zu erfahren. Und auf Platz zwei des diesjährigen Eurovision Song Contest kam Mahmood aus Italien mit seinem Lied „Soldi“, das davon handelt, wie Geld eine Familie zerstören kann. Beide haben ihre Lieder selbst geschrieben.

          Ist es typisch Deutsch, die Fehler immer bei anderen zu suchen? Wir haben doch nichts falsch gemacht, man mochte unser tolles Lied einfach nicht, unsere tollen Stimmen, unsere tolle Inszenierung. Ist halt so. Die letzte Frage des Interviewers lautete: „Was nehmt ihr mit aus der ganzen Geschichte?“ – „Also, Hummus ist unheimlich lecker, wusste ich vorher nicht, und Katzen sind toll.“ Was für eine flapsige Antwort. Doch es wurde am Ende auch noch ernsthaft: Musik verbinde. „In diesem Wettbewerb gab es keine Hautfarben, keine Religionen, es war einfach nur Musik.“ Sie hätten gelernt, sie selbst zu sein. „Man bekommt etwas für die Zukunft mitgegeben, und das ist etwas ganz Besonderes.“

          Die Lippenbewegungen der eingeblendeten S!sters waren nicht synchron zu dem, was die Künstlerinnen dann tatsächlich sangen.

          Immerhin. Das wird doch der Ernsthaftigkeit der Veranstaltung gerecht. Der ESC ist eben nicht ein fröhlicher Ausflug in den Süden, sondern harte Arbeit. Das muss man verinnerlichen. Und die Reise kostet ja auch viel Geld. Was lief sonst noch schief bei den S!sters? So einiges. Eine viel gestellte Frage in Tel Aviv war: Sind das wirklich Schwestern? Und wenn nicht, warum heißen die dann so? Letztlich haben die deutschen Zuschauer entschieden, das kurzfristig zusammengecastete Duo mit „Sister“ nach Tel Aviv zu schicken. Zuvor aber hatte der NDR über Monate sechs andere Kandidaten aufgebaut, mit einem eigens organisierten Songwriting Camp, zu dem 25 internationale Songwriter eingeladen wurden. Das alles wurde in den Wind geschrieben, weil man so von dem Lied „Sister“ überzeugt war, dass man noch schnell die „Retortenschwestern“ aus der Taufe hob.

          Die Botschaft kam nicht an

          Dass das Lied „Sister“ eine Botschaft hat, haben die wenigsten verstanden. Doch das dürfte Mahmood ähnlich gegangen sein, allerdings blendete er die Übersetzung seiner maßgeblichen Zeilen groß auf der LED-Leinwand ein. Beim ESC spielt Glaubwürdigkeit eine nicht zu unterschätzende Rolle. Künstlern, denen es gelingt, vorher von sich reden zu machen, werden danach bemessen. Siehe Conchita Wurst, die, als sie 2014 auf der Bühne in Kopenhagen „Rise Like A Phoenix“ sang, verstanden wurde. Da besang einer offensichtlich sein eigenes Schicksal.

          Duncan Laurence, Netta, Salvador Sobral, Jamala, Conchita – die meisten Gewinner auch der vergangenen Jahre hatten einen Song, der ihnen wichtig war, für den sie brannten, den sie mit einem Mut und auch einer Leidensbereitschaft vortrugen, dass die Welt um sie herum vergessen war. Mal ging es um das Schicksal der Großmutter, mal um das eigene, mal war es nur eine Liebesballade wie bei Sobral. Aber die hatte ihm die Schwester geschrieben. Zudem hatten die fünf Künstler eine Inszenierung, die bis ins Detail stimmig ist. Sieht man sich die Generalproben, das Halbfinale und das Finale von Conchita Wurst an, erkennt man fast keine Unterschiede. Sie ist perfekt, ohne kalt dabei zu wirken, sie spult es nicht runter. Jedes Mal denkt man, sie singt es zum ersten und einzigen Mal für ihr Publikum. Selbst Sobral in seiner viel zu großen Jacke und mit seinen merkwürdigen Bewegung überzeugte, weil er genau so ist, wie er sich darbot.

          Bei den S!sters fehlte diese Perfektion. Sie sangen nicht synchron mit den eingeblendeten Gesichtern, ihre riesigen LED-Lippen bewegten sich also nicht passend zum Gesang am Samstagabend. Selbst wenn es nicht so war, wie es schien: Das kann einen ganzen Auftritt zerstören. Denn es gibt nur zwei Mal drei Minuten, die alles entscheiden – zum einen bei der zweiten Generalprobe am Freitagabend, wenn die Juroren abstimmen, zum anderen beim eigentlichen Finale. Bei 26 Teilnehmern muss man in Erinnerung bleiben. Da zudem nur zehn Länder jeweils Punkte bekommen können (von eins bis acht plus zehn und zwölf), gehen 16 Länder bei jedem Voting leer aus. So konzentrieren sich die Punkte gefühlt auf immer dieselben Kandidaten, was sich durchs Jury-Voting inzwischen etwas geändert hat. Mit null Punkten fährt eigentlich niemand mehr nach Hause. Da muss schon alles schief gehen.

          Der ESC ist eine hochtechnisierte Angelegenheit. Jeder Kamerawinkel ist exakt vorher festgelegt, wer eine Sekunde zu spät kommt, hat schon verloren. Der Schwede Måns Zelmerlöw hat mit seinem imaginären Freund, dem kleinen Lichtfigürchen, sicher lange hart trainiert, bevor er diese Perfektion auf der Bühne erreichte, als er in Wien sein „Heroes“ sang. Ein festgefügtes Programm gibt Sicherheit, die deutsche Delegation indes neigt dazu, während des laufenden ESC immer noch wieder etwas umzustellen und mit wichtigen Details erst spät fertig zu werden – zum Beispiel in diesem Jahr, was Kleider, Haare, Make-up anging.

          Weniger Probezeit für die Deutschen

          Das kann mal funktionieren, gibt Künstlern aber nicht unbedingt Sicherheit. Auch an Michael Schultes Auftritt im vergangenen Jahr wurde noch in den Tagen von Lissabon viel gefeilt, er aber ruhte in sich, und er hatte sein Lied dabei, „You Let Me Walk Alone“, in dem er den Tod seines Vaters verarbeitet. Zusammen mit der Inszenierung ergab das ein rundes Bild, das überzeugte.

          Noch ein Problem: Die Deutschen haben weniger Probenzeit als viele andere Länder. Die Big Five, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und das Vereinigte Königreich, reisen sogar später an, weil sie nicht durchs Halbfinale müssen. Die erste Woche proben daher nur die Halbfinalisten und haben noch drei Generalproben extra. Ist das womöglich auch ein Grund, dass sich die „großen Fünf“ schwerer tun? Die vergangenen Jahre lagen stets die Besten aus den Vorrunden vorne, Deutschland genauso meist abgeschlagen am Ende des Feldes wie Spanien und das Vereinigte Königreich.

          Es gibt kein Patentrezept auf einen ESC-Sieg. Doch dass es besser gehen könnte, zeigt Schweden. Seit dem Jahr 2000 hatte das Land 14 Top-Ten-Plätze, zehn ihrer Sänger kamen sogar auf Platz fünf und besser, zwei Mal gewann Schweden. Das Land ist nicht erst seit Abba vom ESC begeistert. Es gibt eine lange Tradition des Schweden-Pop, und ein aufwendiges Auswahlverfahren, das Melodifestivalen, das über mehrere Runden geht. Wer da durchkommt, ist für den großen Wettbewerb bestens gewappnet.

          Was noch gegen die S!sters spricht? Dass sie Frauen sind. Zumindest könnte es so scheinen. Nach Lena schnitt Deutschland nur zwei Mal gut ab, 2012 war es Roman Lob mit „Standing Still“ (Platz acht) und im vergangenen Jahr Michael Schulte (Platz vier). Und beim ESC in diesem Jahr kommt erst auf Platz acht die erste Frau: Tamara Todevska aus Nord-Mazedonien. Vor ihr nur Männer (und das norwegische Trio Keiino). Zufall?

          Weitere Themen

          Eine Girlband für Kim Jong-un

          Nordkorea : Eine Girlband für Kim Jong-un

          Der nordkoreanische Diktator hält zwar an der Machtpolitik seiner Vorväter fest, setzt aber neue ästhetische Akzente: im Pop. Exklusiver Vorab-Auszug aus dem Buch „Der Spieler. Wie Kim Jong-un die Welt in Atem hält“.

          Topmeldungen

          Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.
          Die Union hat in Dresden die Kohle im Blick

          Union und Kohleausstieg : „Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

          Die Verunsicherung unter den Bergleuten war groß, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst einen Ausstieg aus der Kohle 2030 ins Spiel brachte. Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht nun, am Kohle-Ausstiegstermin 2038 nicht mehr zu rütteln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.