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Klimafreundlicher Seetransport : Segel statt Schweröl

  • -Aktualisiert am

Verfaulen, feucht werden oder von Insekten befallen werden könnte der Kakao auf einem Segelfrachter. Auf einem Containerschiff könnte all das nicht passieren, Und trotzdem: Das Modell lohnt sich. Bild: © Saskia Poelman

Wann ihre Ware ankommt, wissen die Kunden des Importeurs Sune Rosforth nie so genau. Denn er verschifft lieber mit dem Segelboot als mit dem Containerschiff. Manchen Waren tut das sogar gut.

          Meeresluft statt Emissionen. Seemannsgeschichten statt Werbeslogans. Wind und Wetter statt Lieferdaten. Wer den dänischen Importeur Sune Rosforth fragt, warum er Wein aus dem französischen Loiretal mit einem Segelboot nach Kopenhagen kommen lässt, erhält vieles, nur keine einfachen Antworten. Gemeinsam mit Olivier Cousin, einem befreundeten Weinproduzenten und Seemann aus dem Anjou, habe er schon lange darüber gesprochen, dessen Wein „über den Fluss bis vor unsere Haustür zu transportieren“, erzählt Rosforth, der als Inhaber des Weinimportgeschäfts Rosforth & Rosforth Restaurants in Kopenhagen mit edlen Tropfen versorgt.

          2011 schlug das Schicksal zu: Olivier Cousin brachte zwei seiner Erntehelfer in den Hafen von Brest. Sie wollten auf einem Segelschiff den Atlantik überqueren und stießen auf die „Tres Hombres“ – einen 32 Meter langen Frachter ohne Motor, der Kakaobohnen aus der Karibik abholen und nach Europa bringen sollte. Die Idee gefiel Olivier Cousin so gut, dass er der „Tres Hombres“ kurzentschlossen 120 Weinflaschen mit auf den Weg gab.

          Das Unterfangen, diese an seinen New Yorker Importeur zu liefern, scheiterte zwar an den hohen Kosten im amerikanischen Hafen – einer Summe aus Einfuhrsteuern, Hafen- sowie Zollgebühren. Als die „Tres Hombres“ neun Monate später aber nach Brest zurückkam, war bald eine alternative Destination für den Wein gefunden: Rosforths Lager in Kopenhagen. „Ich bin mit meiner Familie in den Zug nach Brest gestiegen“, berichtet der Däne Rosforth, „dort haben wir 8000 Weinflaschen von verschiedenen Produzenten aus dem Loiretal an Bord der ,Tres Hombres‘ geladen.“

          „Das Wichtigste ist, dass die Qualität passt“

          Am Morgen des 19. Juli 2012 löste der Segelfrachter abermals die Leinen. Der Wind war ihm wohlgesonnen: Einen Monat später konnten in Kopenhagen die ersten 300 bestellten Flaschen abgeladen werden. Nicht irgendwo, sondern im renommierten Sterne-Lokal „Noma“. „Da es nur ein paar hundert Meter von unserem Weinkeller entfernt ist, zogen wir das Schiff durch den Kanal vors Restaurant“, gerät Sune Rosforth ins Schwärmen: „Ein Koch kam uns mit Häppchen entgegen. Im Gegenzug öffneten wir eine Flasche unserer wertvollen Fracht. Der Wein hatte den Atlantik überquert. Er schmeckte nach purem Leben.“ Was wie Seemannsgarn klingt, war der Anfang einer Partnerschaft: Über 10.000 Flaschen und somit zehn Prozent von Rosforths Wein kommen seither jährlich per Segelfrachter nach Kopenhagen.

          Ganz schön schwer: Die „Avontuur“ wird in Mexiko mit Rum beladen.

          Dass es nicht mehr sind, liegt eher an den Lieferrouten als am Willen des Geschäftsmanns. „Für viele mag die Unberechenbarkeit negativ sein, für mich ist sie eine Bestätigung dafür, dass der Mensch von der Natur abhängt und nicht umgekehrt“, freut sich Rosforth. „Wenn mich die Leute fragen, wann der Wein kommt, antworte ich: Er wird kommen. Wann, das hängt vom Wind ab. Ich finde das wunderschön.“

          Warten darf zurzeit auch der österreichische Chocolatier Josef Zotter: Zum ersten Mal werden 1,5 Tonnen Bio-Kakaobohnen per Segelschiff aus Nicaragua nach Hamburg und per Zug weiter in die Schokoladenfabrik ins steirische Bergl geliefert. „Das Wichtigste ist, dass die Qualität passt“, sagt der Unternehmer. Die Spannung ist groß, „dass der Kakao nicht verfault, feucht oder von Insekten befallen ist. Container sind geschlossen, da tut man sich leichter.“ Dass seine Bedenken unnötig sind, lassen erste Fotos der verschifften Ware vermuten.

          „Wer wird den Schaden zahlen, den wir anrichten?“

          Entspannt sieht der Schokoladenhersteller hingegen den ungewissen Liefertermin. „Kakao wird zweimal im Jahr geerntet, der Liefertermin ist eine Logistikfrage, keine Zeitfrage.“ Kakao sollte ohnehin ein Jahr lagern, bevor er verarbeitet wird, sagt der Unternehmer, der jährlich 100 bis 150 Tonnen Bohnen erhält. „Bisher haben wir den Kakao einen Monat früher bekommen und dann gelagert. Wenn er länger unterwegs ist, ist das ein natürliches Goodie und erspart Lagerkosten.“

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