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Beruf des Schäfers : Eine Idylle steht vor dem Aus

Erhalt der Artenvielfalt oder Fehlanreiz? – Steffen Carmin mit einigen seiner etwa 250 Coburger Fuchsschafe. Bild: Helmut Fricke

Alle reden vom Wolf, aber Schäfer haben viel wichtigere Probleme: Spottpreise für Wolle und Fleisch sowie fehlenden Nachwuchs. Ein Besuch auf der Heide.

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          Auch an der Mosel hat es zuletzt wenig geregnet, daher frisst sich die Schafherde durch gelbliches, recht trockenes Gras. Nur ein Reißen und Kauen ist zu hören, ansonsten sind die Tiere still. Heute kam der Schäfer Steffen Carmin mit seiner Herde auf die kleine Wiese hier zwischen einem Wäldchen und einer Landstraße in den Hügeln oberhalb des Stroms. In den kommenden Tagen wird er weiterziehen, so wie er das seit April und noch bis zum Oktober entlang einer Perlenkette von verwilderten Flächen macht.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Carmin ist ein großer Mann mit Hut, in der Hand trägt er einen langen Stock. Damit fängt er ein Tier, das sich verletzt hat. Das Schaf schaut verdutzt, es dreht und windet sich, vergeblich. Carmin setzt es zum Untersuchen auf die Hinterbeine. Es hat einen ziemlich dicken Bauch. Tragend?, fragt der Besucher. „Nein, einfach nur fett“, antwortet der Schäfer, der nicht besonders redselig ist.

          Ob er oft Besuch habe? „Zu oft.“ Der Jagdaufseher habe bestimmt drei Stunden mit ihm gesprochen in den vergangenen zwei Tagen. Warum? „Ich steh da und kann nicht weg.“ Warum er seinen Beruf schätzt? „Weil man da so viel allein ist.“

          Die Schafe fressen sich langsam in Richtung des kleinen Wäldchens. Carmin pfeift einmal, und die Hunde wissen, was zu tun ist. Sie treiben die Tiere wieder auf die Wiese. Dann warten sie auf weitere Befehle. Aber der Schäfer schweigt.

          Bei einem Thema aber wird er redseliger. Dem Wolf. Denn auch hier in Rheinland-Pfalz gibt es wieder Wölfe, angeblich auch ein Paar im Nachbarkreis. Das bedeutet: Im kommenden Jahr wird ein Rudel da sein, und im Jahr darauf werden Tiere weiterziehen, auch zu Carmin und seinen Schafen. Natürlich sei das eine Bedrohung, sagt der Schäfer. Aber der Wolf sei bei weitem nicht das wichtigste Thema. „Dieser Berufsstand stirbt. Da kann man einfach nicht sagen, dass der Wolf unser Problem ist.“

          Jeder Zweite ist kurz vor der Rente

          Nach Angaben des Bundesverbands der Berufsschäfer ging die Zahl der hauptberuflichen Schäfer in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich zurück. Zwischen 2010 und 2016 sank die Zahl von rund 1130 auf knapp 990. Aktuelle Zahlen gibt es keine. Doch die Entwicklung wird sich wohl verschärfen: Etwa die Hälfte der verbliebenen Schäfer wird dem Verband zufolge in den kommenden zehn Jahren in Rente gehen, das Durchschnittsalter liegt bei rund 60 Jahren. Der Sprecher und Vorsitzende des Verbands, Günter Czerkus, malt ein düsteres Bild seines Berufsstandes. Die Schäferei in Deutschland sei in einer kritischen Phase, weil die Produkte kaum etwas kosteten, weil ein Teil der Arbeit nicht honoriert würde und weil die Bürokratie überbordend sei. „Wenn innerhalb der nächsten Jahre nichts passiert, sind wir an einem point of no return“, warnt Czerkus.

           „Wolle ist ein Abfallprodukt“: Lämmer.

          Carmin ließ kürzlich seine Schafe scheren. Das ist aufwendig. Eine Art Trichter muss aufgebaut werden, in den die Tiere hineinlaufen sollen. Dutzende Leute sind beteiligt, darunter zwei Scherer. Die nehmen 2 bis 2,50 Euro pro Tier. Carmin aber bekommt nur einen Euro pro Kilo Wolle, wenn überhaupt – und ein Schaf gibt etwa drei Kilo. „Absolute Nullnummer“, sagt Carmin. „Wolle ist ein Abfallprodukt.“ Das Schäferhandwerk sei „kaputt“.

          Der Preis fürs Fleisch stürzt ab

          Denn auch vom Lammfleisch kann er nicht leben. Seine 250 Schafe kaufte er Mitte März. Seitdem wurden 80 Lämmer geboren. Für die bekommt er etwa 2,50 Euro pro Kilogramm. Noch vor einem Jahr lag der Preis immerhin bei drei Euro. Dabei essen die Deutschen mehr Lammfleisch als früher, bei einem insgesamt sinkenden Fleischkonsum. Czerkus, vom Verband, spricht von „großen Absatzproblemen“ der Schäfer derzeit in Deutschland, die sich durch den Import von Tausenden Lämmern monatlich aus anderen EU-Staaten erklärten.

          Seit langem drängen die Schäfer daher auf eine andere Finanzierung und demonstrieren regelmäßig, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. An diesem Sonntag wieder einmal in Berlin. Dort soll eine Schafsherde durch den Tiergarten und das Hansaviertel getrieben und ein großer Haufen Schafswolle am Hansaplatz abgelegt werden. Es gehe darum, darauf aufmerksam zu machen, dass die Wolle nichts koste, sagt Czerkus. Er wird selbst nicht dabei sein, denn er hat einen Betrieb zu führen – und derzeit keine Vertretung. Die Demonstration ist angemeldet unter dem Titel „Erhalt der Hirtenkultur, Erhalt der Artenvielfalt, Erhalt der Welt“.

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