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Alba Berlin ohne Cheerleader : Andere entscheiden, was Frauen tun dürfen

Damit ist es vorbei: „Alba Dancers“ beim Einlaufen der Spieler ihres Teams. Bild: Imago

Ein Basketball-Bundesligist trennt sich von seinen Cheerleaderinnen; diese passten „nicht mehr in unsere Zeit“. Was ist davon zu halten? Wenig, meint unsere Autorin.

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          Basketball-Bundesligist Alba Berlin hat am Freitag mitgeteilt, man werde mit Beginn der neuen Saison auf seine Cheerleader verzichten, nach 25 Jahren. Der Verein sei „zu der Überzeugung gekommen, dass das Auftreten junger Frauen als attraktive Pausenfüller bei Sportevents nicht mehr in unsere Zeit passt“, wurde Albas Geschäftsführer Marco Baldi zitiert.

          Warum diese Entscheidung? An der Performance kann es kaum liegen. Die „Alba Dancers“ wurden mehrmals als bestes europäisches Tanzteam ausgezeichnet. Auch in der BBL, also der Basketball-Bundesliga, wurden sie zu den besten Cheerleadern gekürt. Die Sportlerinnen sind mehr als fit, erbringen eine anspruchsvolle athletische Leistung, finden sich auf oberstem nationalem Niveau, genau wie die Basketball spielenden Männer. Ist der Tanzsport weniger wert? Die Pressemitteilung deutet darauf hin, dass sich Zuschauer beschwert haben könnten: „Bei unseren Heimspielen ist der Eindruck entstanden, dass Frauen bei Alba vor allem für die tanzende Pausenunterhaltung zuständig sind, während Männer Basketball spielen.“ Cheerleader-Trainerin Valesca Stix dagegen sagte der dpa: „Ich kann verstehen, wenn man sich umorientieren möchte, aber die Begründung finde ich persönlich falsch.“

          Jetzt gibt es viele, auch Feministinnen, die die Entscheidung begrüßen, selbst wenn es die Trainerin nicht tut. Auch wenn es ungeschickt erscheinen mag, den Frauen das Tanzen auf bestimmten Events gleich zu verbieten, kann frau sich doch freuen, dass sie nicht mehr halbnackt vor Menschen herumturnen muss, die eigentlich zum Basketballgucken gekommen sind – sich jetzt aber als Pausenfüller auch mal die Tänzerinnen geben. Es ist wichtig, jungen Mädchen Alternativen aufzuzeigen zum Sexy-sein und Sexy-Gucken und Sexy-Tanzen, keine Frage (gleichwohl die Cheerleaderinnen auch sehr viel mehr als das machen). Der Verein greift hier, folgt man dieser Argumentation, gewissermaßen ein, um der Verbreitung sexistischer Stereotype Einhalt zu gebieten.

          Die Tradition, in knappen Outfits zu tanzen, ist zudem eine alte. Die Kultur, dass starke Männer starken Sport machen und auf Sex reduzierte Frauen sie in knappen Outfits an-cheeren, anfeuern, ist eine gewachsene. Es lohnt sich durchaus, darüber nachzudenken, ob das heute so sein muss. Sicher ist: Wenn hier Männer mittanzen würden, gar ähnlich gekleidete Männer, dann gäbe es die Diskussion so nicht. Und überhaupt: Warum nicht einfach Menschen tanzen lassen?

          Auch könnte man darauf verweisen, die Alba Dancers könnten doch auf Sportevents nur für Cheerleading auftreten, wie es die jüngeren Tänzerinnen, die „Albambinis“, von nun an tun werden. Das Publikum dürfte dann – jedenfalls in Deutschland – aber sehr viel kleiner sein.

          In der Halbzeitshow des Super Bowl 2020 werden, wie gerade bekanntgegeben wurde, Jennifer Lopez und Shakira auftreten. Es werden also zwei Frauen in der Pause unterhalten, tanzen und singen, während davor und danach Männer spielen. Sicherlich wäre es wünschenswert, dass es ein ähnliches Interesse an Frauenteams und Sportlerinnen gäbe. Und es stimmt: Der Verdacht liegt nahe, dass die Cheerleaderinnen zwar nicht nur, aber eben auch deswegen gerade bei männlichen Fans sehr beliebt sind, weil sie so toll aussehen (und Shakira und J-Lo vielleicht auch).

          Allein, das ist ihr Bier. Ihre Entscheidung. Ihr Körper, ihr Leben, ihr Sport, ihre Präsentation des Ganzen. Und wenn sie es vielleicht sogar schön finden, dass einige Männer (und Frauen) sie sexy finden, na und? Ist es Sache des Vereins, darüber zu richten?

          Eine Tänzerin der „Alba Dancers“ beim Basketball Eurocup im März 2019

          „Wir wollen zukünftig noch stärker fördern, dass Frauen im Basketball als Spielerinnen sichtbar und zu Vorbildern werden“, heißt es weiter in der Pressemitteilung von Alba Berlin – und das ist ein ehrenwertes Anliegen. Dass Tanzsport weiblich, Ballsport männlich konnotiert ist, ist selbstredend eine Sache, die man ändern könnte und sollte (hier schreibt übrigens eine Basketballspielerin). Also, Frauensport fördern: Ja, ja, ja! Gerne, danke, darauf einen cheer!

          Die Frage ist nur, was die Cheerleaderinnen denn damit zu tun haben. Können sie etwas dafür, dass sich kein Schwein die spannenden Spiele der Frauenteams anschauen mag? Muss man hier eine Hierarchie zwischen zwei Sportarten aufmachen? Und können tolle Tänzerinnen etwa kein Vorbild sein? Die können auch selbstbestimmt sein, selbstbewusst und genau das tun, auf das sie gerade Lust haben – oder? Man kann sich lösen von der Vorstellung, dass Frauen nur sexy sein wollen, um Männer anzuheizen. Vielleicht sollten die Cheerleaderinnen demnächst nur noch bei Frauenspielen auftreten. Das könnte den Basketballspielerinnen sogar ein größeres Publikum bescheren. Die Sportarten stünden gleichberechtigt nebeneinander – mit gleichberechtigt geringer Zuschauerzahl, leider.

          Emanzipation sieht anders aus

          Dass die Tänzerinnen leicht bekleidet sind, so leicht, dass es wohl um mehr geht als die reine Gymnastiktauglichkeit des Outfits, ist unbestritten. Doch: Es ist die Entscheidung der Sportlerinnen, wie sie aussehen und tanzen und ob sie dabei einem – auch das kann man feststellen – recht heteronormativen und durch den meist männlichen Blick sexualisierten Bild von Weiblichkeit entsprechen wollen. Niemandem, vor allem keiner Sportlerin, ist geholfen, wenn Männer oder Vereine oder die Gesellschaft jetzt wieder Frauen vorschreiben, was sie zu tragen, wie sie sich zu geben haben. Und die hochprofessionellen Tänzerinnen ganz auszuschließen, diskreditiert höchstens deren sportliche Leistung. Emanzipation sieht anders aus. Und Gleichberechtigung sowieso.

          Zurück zum Ausgangspunkt der Geschichte: Wie Trainerin Stix mitteilte, hat sich das Alba-Cheerleader-Team schon aufgelöst. Während jüngere Tänzerinnen in andere Teams gingen, würden sich die älteren einen neuen Sport suchen.

          Für die Tänzerinnen, die lange und erfolgreich zusammen tanzten, ist das Ende wohl ein trauriges. Eine von ihnen, Annie, postete auf ihrem Instagramkanal eine Videomontage mit den Endszenen ikonographischer Serien wie „Friends“ und „Die Nanny“, unterlegt mit dem inneren Monolog eines jungen Arztes, der zum Abschluss von „Scrubs“ noch einmal durch die Klinik geht. Annie hat sich selbst hineingeschnitten in diese Szenenfolge, wie sie ein letztes Mal auf den Sitzen der Mercedes-Benz-Arena sitzt und mit einem Pompom in der Hand noch einmal durch die Halle geht. Das Licht ausmacht.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

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