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Aufstieg zur Oberwalderhütte im Kärntner Glocknergebiet Bild: Martin Benninghoff

Gletschersterben in den Alpen : Viel bringt wenig

Der Mai hat noch einmal viel Schnee in die Alpen gebracht – die Wandersaison startet im Juni vielerorts mit Verzögerung. Aber freuen sich darüber wenigstens die arg geschundenen Gletscher?

          Die zweite Junihälfte bricht an – und damit der alpine Sommer zum Wandern und Bergsteigen. Eigentlich ist der Aufstieg zur Oberwalderhütte im Kärntner Glocknergebiet, der mit 2973 Metern zweithöchsten Hütte des Österreichischen Alpenvereins, zu Beginn nichts als ein Spaziergang – wenn auch in hochalpiner Umgebung im Angesicht von Österreichs höchstem Berg, dem Großglockner. Der Gamsgrubenweg, der an einer Stichstraße der berühmten Großglockner-Hochalpenstraße startet, schlängelt sich Fahrwegbreit den Bergrücken entlang. Man passiert feuchte, aus dem Fels gesprengte Tunnel, die Steigung ist kinderwagenfreundlich. Es ist warm, der Sommer ist im Hochgebirge angekommen.

          Doch am fünften Tunnel ist Schluss, er ist gesperrt. Zwei Balken und ein Schild hindern am Weitergehen, den Boden überzieht eine meterdicke Eisschicht. Selbst mit Bergschuhen wäre das Weitergehen ein rutschiges Unterfangen. Wer jetzt weiter will, muss den gesperrten Tunnel umklettern. Das sollte man nicht ohne hochalpine Erfahrung versuchen. Am besten aber hätte man noch ein Paar Steigeisen dabei. Steile Schneefelder, dazu die Gefahr herabstürzender Schneebretter und Gesteinsbrocken – für den normalen Spaziergänger endet hier die Tour, das hier ist nunmehr das Metier entsprechend ausgerüsteter Alpinisten. Es ist zwar immer noch warm, aber der schneereiche Winter wirkt hier plötzlich noch besonders stark nach.

          Normalerweise sind die Spuren des Winters zu dieser Zeit schon weitgehend verschwunden, nicht nur im Tunnel auf rund 2500 Metern, auch weiter oben: Viele Alpenvereinshütten öffnen rund um den 15. Juni, manche wie die Oberwalderhütte auch früher. Doch als Hüttenwirt Bernd und sein Mitarbeiter Hubert am 25. Mai aufstiegen, sahen sie das Haus kaum, weil es vier Meter tief eingeschneit war. Auf der benachbarten Rudolfshütte messen die Fachleute der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) sogar einen neuen Rekord: 3,42 Meter Schnee, der letzte Höchststand wurde dort im Juni 1980 gemessen: 3,10 Meter.

          Hoffen auf einen Kälteeinbruch im Juli

          Viele Wanderwege stecken auch Mitte Juni noch im Schnee, Flüsse sind angeschwollen, unter brüchigen Schneebrücken gurgeln reißende Bergbäche. Insgesamt ist die Vegetation zurück, weshalb Bauern ihre Kühe teilweise noch nicht auf die Hochalmen gebracht haben. Das Schmelzwasser, das allerorten herabfließt, setzt die Hänge in Bewegung, die Alpen hier am Hauptkamm scheinen dieses Mal besonders zu ächzen und gurgeln. Gegenüber, an der Mayerl-Rampe am Großglockner, rauscht eine Lawine herunter. Doch bei allen Nachteilen für Landwirte und auch für alpinistisch weniger kompetente Touristen: Rettet der schneereiche Winter und Frühsommer wenigstens die darbenden Gletscher, die der Klimawandel seit Jahrzehnten abschmelzen lässt?

          Die Oberwalderhütte thront auf einer Felskuppe inmitten eines Gletschermeeres, der Pasterze, Österreichs größtem Gletscher. In den vergangenen Jahrzehnten hat der Gletscher gewaltig an Masse verloren, ein großer Gletschersee ist entstanden. Manche spotten, die Bergführer sollten hier lieber umschulen und einen Bootsverleih aufmachen. Alleine in den letzten fünf Jahren hat die Pasterze rund 16 Prozent ihrer Eismasse verloren, die extrem heißen Sommer 2015, 2017 und 2018 kosteten jährlich fast zwei Meter Eisdicke. Doch die Antwort ernüchtert: Der viele Schnee im Mai und bis in den Juni hinein tut den geschundenen Gletschern zwar gut, weil ein schneearmer Winter schlimmer wäre – mehr aber auch nicht.

          Laut ZAMG hat die Schneemenge des Winters nur einen geringen Einfluss auf die Entwicklung der Gletscher, weil die Witterung im Sommer viel wichtiger sei als die im Winter. Kommt es zum Beispiel im Juli oder August zu einem Kälteeinbruch, der in den Höhenlagen Neuschnee auf die Gletscher bringt, nutzt das dem Gletscher mehr als ein schneereicher Winter. Eine frische weiße Schneedecke im Hochsommer reflektiert die Sonnenstrahlen und kann das Eis bis zu einer Woche vor der Hitze und damit vor dem Schmelzen bewahren. Ein Effekt, den manche Tourismusgebiete zu imitieren versuchen, indem sie Gletscher im Sommer mit bestimmten Folien abdecken. Gletschereis ohne Neuschnee ist hingegen dunkler und schmilzt unter der sengenden Sonne schneller.

          Was bleibt also? Hoffen auf einen Kälteeinbruch im Juli – zumindest aus Sicht der Gletscher wäre das eine gute Sache. Ob die Touristen damit glücklich wären, steht allerdings auf einem anderen Blatt.  

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