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Wald-Bestattungen : Zurück zur Natur

Vielerorts etabliert, in Sulzbach umstritten: Friedwald - in diesem Fall in Wehen nahe Wiesbaden Bild: Marcus Kaufhold

Ein Baum als letzte Ruhestätte kommt dem Trend zu einer preiswerten Bestattung entgegen. Zwar erinnert fast nichts an den Toten, doch eine Grabstelle im Wald ist auch einfach schön.

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          Die Pastorin ist verunsichert. „Soll ich nicht doch lieber meinen Talar überziehen? Irgendwie fühle ich mich komisch in meiner schwarzen Jacke.“ Es sei schließlich eine Amtshandlung. Förster Rüdiger Müller stimmt ihr zu. Und so holt Ulrike Decker-Horz aus dem Koffer ihres Motorrads das schwarze Gewand. „Eigentlich wollte die Tochter des Verstorbenen nur, dass ich dabei bin“, erzählt die Pfarrerin der evangelischen Gemeinde Wiesbaden Nordenstadt. „Ich sollte auch gar nichts sagen. Aber ich finde, das geht nicht. Also mache ich das jetzt einfach.“

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Zu Grabe getragen wird ein Mann von Anfang 60. Etwa 20 Personen geben ihm das letzte Geleit. Den Ältesten unter ihnen fällt der Weg durch den Wald sichtlich schwer. Es dauert, bis auch der letzte an dem kaum 30 Zentimeter großen Erdloch vor einer schönen alten Buche angekommen ist. Das Loch ist mit einer Baumscheibe zugedeckt und mit Tannenzweigen dekoriert. Obendrauf steht die helle Urne, daneben eine Vase mit Sonnenblumen. „So befehlen wir ihn der Gnade Gottes an und geben seine Asche in Gottes Acker“, sagt Decker-Horz. „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.“

          Ein kleines Schild mit Namen sowie Geburts- und Sterbedatum

          Auf ein Zeichen der Pfarrerin versenkt der Förster die Urne im Waldboden, dann geht er still zur Seite. Später wird er auch noch die Sonnenblumen hineingeben, den einzigen Blumenschmuck an diesem Tag, und das Loch zuschaufeln. Fast nichts erinnert dann noch an den Toten – außer ein kleines Schild mit seinem Namen sowie Geburts- und Sterbedatum, das Förster Müller ein paar Tage später an die Buche nageln wird.

          Der Friedwald Hirschwiese in der Stadt Taunusstein, die sich mit mehr als 52 Prozent Waldanteil im 67 Quadratkilometer großen Stadtgebiet wohl zu Recht als „Stadt im Grünen“ bezeichnen darf, wurde vor gut zwei Jahren eröffnet. Inzwischen sind einige hundert Bäume verkauft. „Das Interesse“, sagt Müller, „ist so groß, dass wir schon erweitern mussten.“ Platz gibt es noch genug auf dem 22 Hektar großen Gelände, das der Kommune gehört und vom Landesbetrieb Hessen-Forst bewirtschaftet wird. In Maßen muss auch dieser Wald noch geernet werden.

          Statt Grabstein: Förster Müller befestigt ein Schild mit den Namen von Toten

          Gerade erst wurden Dutzende Kiefern abgeholzt, die nach Meinung Müllers sowieso nicht in einen mitteleuropäischen Mischwald gehören. Auf der Freifläche sollen bald Buchen wachsen. In den Wald eingeladen zu einer Führung hat an diesem Tag das Unternehmen Friedwald GmbH, um seine alternative Bestattungsform vorzustellen. Das Konzept entwickelt und kommerzialisiert hat der Schweizer Ingenieur Ueli Sauter schon vor 20Jahren. Übertragen auf deutschen Boden hat die Friedwald-Idee die Rechtsanwältin Petra Bach vor 13 Jahren.

          2001 wurde der Friedwald im Reinhardswald bei Kassel als erster Bestattungswald überhaupt in Deutschland eröffnet. Inzwischen gibt es einen Friedwald an 50 Standorten mit einer Fläche von mehr als 2500 Hektar – und als Anbieter auch einen Konkurrenten: die Ruheforst GmbH. Sie betreiben die zunehmende Zahl der Wälder, denn laut Gesetz darf der Träger eines Friedhofs nur eine Kommune, eine Einrichtung öffentlichen Rechts oder eine religiöse Gemeinschaft sein, kein privates Unternehmen.

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