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Dann stand auf einmal die Mauer

Von REINER BURGER
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13. August 2021 · Einen Bundestagswahlkampf wie vor 60 Jahren hatte die Republik noch nicht erlebt. Für die SPD trat Willy Brandt als „deutscher Kennedy“ gegen den greisen Bundeskanzler Konrad Adenauer an. Doch dann kam der 13. August 1961. Und alles war anders.

Der Sonderzug, in dem Willy Brandt in der heißen Phase vier Wochen vor der Bundestagswahl unterwegs war, hatte am 13. August 1961 zwischen vier und fünf Uhr morgens gerade Hannover erreicht, als ein Bahnbeamter dem Regierenden Bürgermeister eine Botschaft aus Berlin ins Abteil brachte. Absender: Heinrich Albertz, Chef der Senatskanzlei. „Der Osten schließt die Sektorengrenze“, las Brandt, hellwach und zugleich betäubt. Sofort setzte der SPD-Kanzlerkandidat seine Kampagne vorübergehend aus, um nach West-Berlin zu eilen. „Am Flughafen Tempelhof empfingen mich Albertz und Polizeipräsident Stumm“, schreibt Brandt in seinen „Erinnerungen“, die er Anfang 1989 veröffentlichte, also nur wenige Monate vor dem Fall der Mauer. „Wir fuhren zum Potsdamer Platz und ans Brandenburger Tor und sahen überall das gleiche Bild: Bauarbeiter, Hindernisse, Betonpfähle, Stacheldraht, Militärs der DDR. Im Rathaus Schöneberg entnahm ich den Meldungen, dass rings um die Stadt sowjetische Truppen in Bereitschaft gegangen seien und Walter Ulbricht den mauerbauenden Einheiten bereits gratuliert habe.“

  • Ein von den westberliner Behörden an der Sektorengrenze zu Ostberlin aufgestelltes Schild erinnert am 6. Oktober 1961 an die Aussage des DDR-Staatschefs Walter Ulbricht vom 15. Juni 1961.
  • Und es wird doch gebaut: In den Morgenstunden des 18. Augusts 1961 wird von Ost-Berliner Bauarbeitern die Mauer an der Sektorengrenze ausgebaut.
  • Willy Brandt erinnerte sich später: „Wir (...) sahen überall das gleiche Bild: Bauarbeiter, Hindernisse, Betonpfähle, Stacheldraht, Militärs der DDR.“
  • Um ein Uhr morgens am 13. August 1961 begann das SED-Regime, die Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin hermetisch abzuriegeln. Später wurde die Mauer ausgebaut – wie hier im September 1961.
  • Die Mauer stabilisierte die DDR – und demaskierte sie gleichzeitig.
  • Ein von den westberliner Behörden an der Sektorengrenze zu Ostberlin aufgestelltes Schild erinnert am 6. Oktober 1961 an die Aussage des DDR-Staatschefs Walter Ulbricht vom 15. Juni 1961. Foto: Picture-Alliance
  • Und es wird doch gebaut: In den Morgenstunden des 18. Augusts 1961 wird von Ost-Berliner Bauarbeitern die Mauer an der Sektorengrenze ausgebaut. Foto: Picture-Alliance
  • Willy Brandt erinnerte sich später: „Wir (...) sahen überall das gleiche Bild: Bauarbeiter, Hindernisse, Betonpfähle, Stacheldraht, Militärs der DDR.“ Foto: Picture-Alliance
  • Um ein Uhr morgens am 13. August 1961 begann das SED-Regime, die Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin hermetisch abzuriegeln. Später wurde die Mauer ausgebaut – wie hier im September 1961. Foto: Picture-Alliance
  • Die Mauer stabilisierte die DDR – und demaskierte sie gleichzeitig. Foto: Picture-Alliance

Der Bundestagswahlkampf vor 60 Jahren war ein Wahlkampf wie kein anderer seit Gründung der Bundesrepublik. Nach ihrer programmatischen Runderneuerung in Godesberg Ende 1959 traten die Sozialdemokraten erstmals als ernsthafte Konkurrenz für die Union an. Und mit Willy Brandt, dem beliebten Regierenden Bürgermeister von Berlin, hatte die SPD einen Kandidaten, der zu diesem Programm passte und den sie obendrein im Kontrast zum greisen Kanzler Konrad Adenauer mit modernsten Wahlkampfmethoden gezielt als „deutschen Kennedy“ aufbauen konnte – ein junger, attraktiver Familienvater, telegen, sprach- und weltgewandt. Wie aus einem Sitzungsprotokoll des CDU-Parteivorstands vom Juli 1960 hervorgeht, sprach Adenauer von einem „Angstgegner“ und warnte davor, „die Bedeutung dieser Figur“ zu unterschätzen.

An der Grenze: Willy Brandt besichtigt am 13. August 1961 in der Nähe des Brandenburger Tors den Mauerbau.
An der Grenze: Willy Brandt besichtigt am 13. August 1961 in der Nähe des Brandenburger Tors den Mauerbau. Foto: bpk / Herbert Fiebig

Brandts bundespolitische Blitzkarriere war untrennbar mit der geteilten Stadt verbunden. Anfang Oktober 1957 war Brandt zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt worden, dem Vorposten der freien Welt in der sowjetischen Einflusszone. International bekannt geworden war Brandt aber schon im November 1956, als es ihm gelungen war, nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn bei einer Demonstration aufgebrachter Berliner zu deeskalieren.  Sein Amt als „Regierender“ nutzte Brandt dann konsequent, um sich als außenpolitisch versierter Mann von Welt zu profilieren. Kurz nachdem der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow Ende 1958 das Berlin-Ultimatum stellte, das auf einen Abzug der Westalliierten aus ihren Sektoren und die schrittweise Einverleibung Berlins in die DDR abzielte, erstattete Brandt dem NATO-Rat in fließendem Englisch Bericht. Als eine Art Sonderbotschafter der geteilten Stadt und heimlicher deutscher Neben-Außenminister reiste er in der Folgezeit um die Welt. In Washington traf er sich zu Unterredungen mit Präsident Dwight D. Eisenhower und Außenminister John Foster Dulles. Es folgten Auftritte in New York, Philadelphia und Boston. In Fernseh- und Radiorunden verstand es der Regierende Bürgermeister, sich ebenso gut in Szene zu setzen wie vor Studenten in Harvard. Das Wall Street Journal prophezeite Brandt „eine glänzende Zukunft“.

An den Wahlplakaten, hier in Frankfurt, war alles neu.
An den Wahlplakaten, hier in Frankfurt, war alles neu. Foto: Lutz Kleinhans

Hilfe von Axel Springer

Als er 1959 im Rahmen einer „Politischen Weltreise für Berlin“ abermals die USA besuchte, empfingen ihn die New Yorker mit einer Konfettiparade. Die New York Times würdigte den Sozialdemokraten als „aufrechten Kämpfer gegen den Kommunismus“. Im Bundestagswahljahr 1961 empfing der neu gewählte Präsident John F. Kennedy den Regierenden Bürgermeister noch vor Bundeskanzler Adenauer. Mit Kennedy habe ihn sofort „ein Gefühl der Geistesverwandtschaft“ verbunden, äußerte Brandt einige Jahre später. Man habe auf Anhieb den richtigen Ton getroffen, sei sich einig gewesen, „über die Verteidigung traditioneller Werte hinaus an neue Horizonte in den Entwicklungen unserer Völker zu denken“.

Im politischen Wettbewerb mit Adenauer hatte Brandt einen weiteren Vorteil. Ihm kam zupass, dass ihm der „hochbegabte und überaus erfolgreiche“ Verleger Axel Springer „eher freundlich zugetan war“, wie sich der Sozialdemokrat 1989 erinnerte. „Adenauer lehnte er ab; dass die deutsche Einheit in den Kanzlerhänden nicht gut aufgehoben sei, war sein fester Glaube.“ Springer beließ es nicht bei Freundlichkeiten, seine Zeitungen bauten den Sozialdemokraten aus Berlin systematisch auf. Mehrere Homestorys mit Frau Rut und den beiden Söhnen Peter und Lars an der Seite trugen dazu bei, dass Brandt immer populärer wurde. Im Februar 1960 veröffentlichte das Springer-Blatt Berliner Morgenpost erste Auszüge aus Brandts Autobiografie „Mein Weg nach Berlin“. Der Lebensbericht, von dem gleichzeitig Übersetzungen in den Vereinigten Staaten, Schweden, Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Italien, Frankreich und Japan auf den Markt kamen, wurde von den Medien als Bewerbung um die SPD-Kanzlerkandidatur gewertet.

Die Stimme Berlins: Willy Brandt redet bei einer Protestkundgebung westberliner Bürger zum Mauerbau.
Die Stimme Berlins: Willy Brandt redet bei einer Protestkundgebung westberliner Bürger zum Mauerbau. Foto: SZ Photo

Nach der herben Niederlage der Genossen bei der Bundestagswahl Mitte September 1957 war Brandt rasch zum sozialdemokratischen Hoffnungsträger geworden. Mit ihrem biederen Chef Erich Ollenhauer hatte die SPD abermals keine Chance gehabt gegen Kanzler Adenauer, dessen Union die absolute Mehrheit erreicht hatte. Es war ein Desaster für die Sozialdemokraten. Umso erstaunlicher, dass sie nur wenige Wochen brauchten, um einen dramatischen Reformprozess einzuleiten und sich rasch auf einen Machtwechsel 1961 zu konzentrieren. Im November 1959 schloss die SPD mit dem Godesberger Programm ihre Wandlung von einer klassenkämpferischen Weimarer Traditionskompanie zu einer modernen Volkspartei ab. Der aktuelle Niedergang der deutschen Sozialdemokratie erklärt sich auch dadurch, dass sie mittlerweile wieder hinter „Godesberg“ zurückgefallen ist. Heute scheinen für führende Genossen Genderfragen, identitätspolitische Diskurse und Verstaatlichungsphantasien wichtiger zu sein als der Anspruch, die SPD als Volkspartei zu erhalten und weiterzuentwickeln. Ihrem Spitzenkandidaten Olaf Scholz legen sie damit immer neue Steine in den Weg.

Genau umgekehrt war das vor sechs Jahrzehnten zu Beginn des sozialdemokratischen Aufstiegs. Damals wurden Hürden umstandslos beseitigt. Am 30. Juni 1960 bekannte sich Herbert Wehner ohne vorige Absprache mit anderen Mitgliedern der Parteiführung in einer, wie sich Brandt noch an seinem Lebensabend erinnern sollte, „fulminanten Bundestagsrede“ zur von Adenauer betriebenen Westintegration und kassierte den erst wenige Monate zuvor verkündeten sozialdemokratischen „Deutschlandplan“ für eine Neutralisierung des gesamten Landes. Nach diesem „doppelten Salto mortale“, wie der Historiker Gregor Schöllgen es beschreibt, war die SPD auch außenpolitisch in der Wirklichkeit angekommen. Für  Brandt war endgültig das Terrain bereitet – er war schon lange vor seiner Zeit als Regierender Bürgermeister in der fortwährend angefochtenen Frontstadt Berlin von einer konsequenten Westbindung überzeugt gewesen. Im November 1960 wurde Brandt offiziell SPD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl im Folgejahr. Die Partei hatte sich, wie der Spiegel schrieb, für „das in der Berlin-Krise zu Münzwert gelangte Porträt Willy Brandts“ entschieden.

„Wir schaffen es“

Brandt bewunderte den drei Jahre jüngeren Kennedy. 1960 hatte er zwei Vertraute zur Beobachtung des Präsidentenwahlkampfs in die USA geschickt. Im Bundestagswahlkampf verbreitete die SPD die Broschüre „Vertrauen“, auf deren Titelblatt Brandt und Kennedy abgebildet waren. Zudem nutzten die Sozialdemokraten zur Optimierung ihrer Kampagne nun endlich auch intensiv demoskopische Befunde. Mehrfach ließ die Parteiführung Brandts Popularitätswerte messen – mit überaus ermutigenden Resultaten: Im April 1961 war der Herausforderer demnach genauso bekannt wie Kanzler Adenauer. Um Brandts Bildpräsenz zu optimieren, gab es auch Untersuchungen zu Posen, aus denen die Wahlkampfleitung den Schluss zog, dass der Spitzengenosse keinesfalls als lächelnder Star in Siegerhaltung inszeniert werden dürfe. Signet, Slogan und Stil – alles war neu an den Plakaten der SPD. Während die CDU noch immer auch gezeichnete Porträts im Stil der Weimarer Republik verwendete, setzten die Sozialdemokraten komplett auf Fotos. In der Farbgestaltung konzentrierten sie sich auf Blau, um jegliche sozialistischen Assoziationen zu vermeiden. Die Slogans lauteten „Voran mit Willy Brandt“, „Wohlstand ist für alle da!“ und „Wir schaffen es“ – was wie ein Vorgriff auf Barack Obamas „Yes we can“ aus dem Jahr 2008 klingt.

Im Weißen Haus: Der amerikanische Präsident John F. Kennedy empfängt Willy Brandt im März 1961 zu einem Gespräch in Washington.
Im Weißen Haus: Der amerikanische Präsident John F. Kennedy empfängt Willy Brandt im März 1961 zu einem Gespräch in Washington. Foto: ASSOCIATED PRESS

Obwohl Brandts wichtigstes Argument die Außenpolitik war, sollte sich die Kampagne zunächst auf innenpolitische Themen konzentrieren. In ihrem Wahlkatalog, selbstbewusst „Regierungsprogramm“ genannt, hatte die SPD Ende April 1961 für die „argumentative Phase“ ihrer Kampagne zehn „Gemeinschaftsaufgaben“ benannt: Volksgesundheit, Städtebau, Verkehrsinfrastruktur, Bildungsfragen, Breitensport, Absicherung der Rentner, Regelung der Kriegsopferfragen, sozialer Wohnungsbau, Familienförderung und Umweltschutz. Statt mit ideologischen Bekenntnissen versuchte es die Godesberg-SPD mit einem programmatischen Potpourri. Nahezu alles schien der Kanzlerkandidat Brandt im Wahlkampf 1961 für möglich zu halten, er sprach vom „blauen Himmel über der Ruhr“, warb für die „Volksaktie“, stellte Familien verbilligte Darlehen und Rentnern staatlich subventionierte Fernsehgeräte in Aussicht. Alles schien ihm recht, um Ludwig Erhards Wohlstandsversprechen zu toppen. Selbst viele Genossen mokierten sich über den „Neckermann-Katalog“ an sozialen Wohltaten. Doch Brandt glaubte, die Bundesbürger seien von den andauernden Krisen um Berlin genervt, sie sehnten sich nach guten Nachrichten.

Am Abend nach der Wahl: Willy Brandt am 17. September 1961 im Hörfunkstudio in Berlin
Am Abend nach der Wahl: Willy Brandt am 17. September 1961 im Hörfunkstudio in Berlin Foto: Max Scheler / Max

Zu welchen Verrenkungen Brandt um des Erfolgs willen fähig gewesen sei, schreibt sein ihm sonst sehr zugeneigter Biograf Hans-Joachim Noack, habe sich auf dem Höhepunkt der SPD-Kampagne im Wahlkampf 1961 gezeigt. Auf einer „Deutschlandfahrt“ präsentierte sich Brandt nach amerikanischem Vorbild stehend in einem cremefarbenen Mercedes-Cabriolet. „Dass der schnieke Sozialdemokrat dabei einen silbergrauen Homburg trägt, der auf der annähernd dreißigtausend Kilometer langen Strecke mehrmals ersetzt werden muss, weil er die Hüte unentwegt grüßend durchschwitzt, verleiht seiner aufdringlichen staatsmännischen Aura einen leicht operettenhaften Touch.“

Derweil verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den USA und der Sowjetunion und damit die Lage Berlins im Zeitraffer. In den vergangenen Jahren waren immer mehr meist jüngere und gut ausgebildete Personen über West-Berlin und das „Tor zum Westen“ aus dem selbsternannten Arbeiter- und Bauern-Staat geflohen. 1961 schlug der Flüchtlingsstrom endgültig in einen Massenexodus um. Das „Berlin-Problem“ war zur akuten Überlebensfrage der SED-Diktatur und zum Problem für ihre Schutzmacht geworden. Die Sowjetunion wähnte sich dem Westen seinerzeit durch erfolgreiche Experimente mit Interkontinentalraketen und durch Sputnik-Erfolge im Weltall haushoch überlegen. Nun wollte Chruschtschow mit der Berlin-Frage weltpolitisch in die Offensive kommen. Wie Walter Ulbricht kam auch er zu dem Schluss: Die DDR ist nur durch eine Mauer zu retten.

Kennedys Affront

Ermutigt sah er sich durch die im Mai 1961 von der NATO übernommenen „Three Essentials“ bezüglich Berlins: erstens die Freiheit der Bevölkerung West-Berlins, ihr eigenes politisches System zu wählen; zweitens die Anwesenheit westlicher Truppen; drittens der ungehinderte Zugang zur Stadt von Westen auf der durch sowjetzonale Gebiete führenden Autobahn sowie auf Luft- und Wasserwegen. Die Bewegungsfreiheit zwischen den Berliner Sektoren war also kein essentieller Bestandteil des Status quo mehr. Chruschtschow deutete das als Signal: Die Sowjetunion kann in ihrem Machtbereich in Deutschland nach Belieben verfahren, solange West-Berlin nicht gefährdet ist. Um ein Uhr morgens am 13. August 1961 begann das SED-Regime, die Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin hermetisch abzuriegeln. Bei Sonnenaufgang war die Abschottung, die die DDR gleichzeitig stabilisierte und demaskierte, beinahe komplett.


„Fortan hilft es nicht mehr: man muss im Wahlkampf über Politik sprechen.“
F.A.Z., August 1961

Alles war auf einen Schlag anders. „Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als könne dieser Wahlkampf mit tiefsinnigen Erörterungen bestritten werden, ob der eine Kanzlerkandidat zu jung oder der andere zu alt sei und ob Rentnern gratis zu Fernsehgeräten verholfen werden soll oder nicht“, kommentierte die F.A.Z. „Fortan hilft es nicht mehr: man muss im Wahlkampf über Politik sprechen.“

Was Willy Brandt am 13. August auf dem Potsdamer Platz und am Brandenburger Tor sah, wo SED-Betriebskampftruppen und die Nationale Volksarmee mit Presslufthämmern das Pflaster aufschlugen und Stacheldrahtrollen verlegten, das verschlug ihm die Sprache. Erschüttert war Brandt auch darüber, dass die Westmächte ihre Militärpräsenz nicht verstärkten. Das Verhalten der Verbündeten und vor allem Kennedys enttäuschte den Regierenden Bürgermeister zutiefst. Dem Präsidenten schrieb er einen geharnischten Brief, aus dem er bei einer Großversammlung vor dem Schöneberger Rathaus zitierte. Wenig später wurde das Schreiben samt Kennedys Antwort von interessierter Seite veröffentlicht, um Brandt als außenpolitischen Dilettanten bloßzustellen. Auch sickerte durch, der Präsident nehme es nicht hin, von „diesem Bastard“ in den deutschen Wahlkampf hineingezogen zu werden. Der Affront schadete Brandt nicht. Im Gegenteil.

Was die SPD-Kampagnenplaner bewusst aus ihrem Konzept ausgespart hatten, war unversehens zum zentralen Thema der Schlussphase im Wahlkampf 1961 geworden: die Außenpolitik. Brandt gewann durch seine Präsenz im Zentrum der Krise – die als erstes „Fernsehereignis“ in der Geschichte Deutschlands gilt – weiter an politischer Statur und profilierte sich als überparteilicher Kämpfer für die Freiheit. Kanzler Adenauer dagegen kam erst am 22. August nach Berlin – also neun Tage nach dem Mauerbau und drei Tage nach dem amerikanischen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson.

Im Mittelpunkt: Brandt am Tag der Bundestagswahl 1961 mit den Söhnen Peter und Lars beim Rudern auf dem Schlachtensee in Berlin
Im Mittelpunkt: Brandt am Tag der Bundestagswahl 1961 mit den Söhnen Peter und Lars beim Rudern auf dem Schlachtensee in Berlin Foto: Picture-Alliance

Bei der Bundestagswahl am 17. September mussten CDU und CSU erstmals seit 1949 Verluste hinnehmen, blieben mit 45,5 Prozent aber klar stärkste Kraft. Die SPD unter Brandt verbesserte sich um 4,4 Punkte auf 36,2 Prozent. Es war ein schöner Erfolg. Doch man konnte es drehen und wenden wie man wollte: Die SPD hatte noch immer keine Machtoption im Bund. Am 18. September 1961 trat Brandt gegen vier Uhr morgens mit geröteten Augen, eine Zigarette nach der anderen rauchend, vor die Presse. Wegen seines Einsatzes in den Berliner Krisentagen hatte sich Brandt mehr erhofft, „dabei aber übersehen, dass die Wähler bei allem Respekt vor seiner Haltung in solchen Zeiten Experimente scheuen und auf Bewährtes setzen“, urteilt Gregor Schöllgen. 

Epochale Gestalt

Nach der Niederlage war der SPD-Kanzlerkandidat ausgebrannt. Schwer zu schaffen machte ihm noch lange die gegnerische Kampagne. Während er in Berlin verdienstvoll an vorderster Front gegen den Mauerbau stand, schürten Konrad Adenauer und andere Spitzen der Union mit Andeutungen Zweifel an seiner vaterländischen Gesinnung. Brandt war vor den Nationalsozialisten ins Ausland geflüchtet und hatte seinen Geburtsnamen Herbert Frahm abgelegt. Einen Tag nach dem Mauerbau sprach Adenauer in einer Wahlkampfrede von „Herrn Brandt alias Frahm“.

Brandt beim Deutschland-Treffen der SPD im August 1961 in Nürnberg mit Käte Strobel und Carlo Schmid
Brandt beim Deutschland-Treffen der SPD im August 1961 in Nürnberg mit Käte Strobel und Carlo Schmid Foto: SPD

Mit der Niederlage vom September 1961 habe für Brandt eine persönliche Talfahrt begonnen, die sich über einige Jahre hingezogen und bei der Bundestagswahl 1965 ihren Tiefpunkt erreicht habe, konstatiert Schöllgen. Kurz danach gab Brandt bekannt, dass er Parteivorsitzender und Regierender Bürgermeister von Berlin bleiben, aber 1969 nicht noch einmal als SPD-Spitzenkandidat antreten wolle. Nur etwas mehr als ein Jahr später wurde Brandt dann Außenminister einer Großen Koalition. Und nach der Bundestagswahl 1969 wurde er der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Seine Kanzlerschaft währte nur bis 1974. Gleichwohl zählt der konservative Historiker Hans-Peter Schwarz den Sozialdemokraten zu den Jahrhundertfiguren. „Eine solche Gestalt überragt zugleich die Vielzahl der Konkurrenten auf dem politischen Feld“ und „durchschreitet die Geschichtsepochen des wechselhaften Jahrhunderts, sie aber doch zugleich prägend“, schreibt Schwarz. „So wie nur Adenauer vor ihm den Weg deutscher und europäischer Geschichte von der Reichsgründung durch Bismarck bis ins Jahrzehnt der Weltraumfahrt und des Vietnamkrieges durchschritten hat, überdauerte auch Brandt die Epochenfolge, und zusehends erschien er dabei selbst als eine epochale Gestalt.“

Am Ende seines langen politischen Lebens schloss sich für Brandt mit dem Fall der Mauer der Kreis. Die von der Wiedervereinigung vollkommen überraschte „Anerkennungspartei“ SPD, so formuliert es Schwarz, habe es ihm zu verdanken, dass sie „nach einigem Sträuben doch wieder den Anschluss an die Entwicklung fand“.

Ein Beitrag aus dem neuen Magazin, welches am 14. August 2021 der F.A.Z. beiliegt.


Kunsthäuser am Sachsenwald Wo schon Bismarck die Bäume umarmte
Franka Potente über „Home“ „Ich möchte Menschen heilen“

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 13.08.2021 12:02 Uhr

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