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Wahl in Amerika : Clinton liegt bei Testwahl in Harry’s Bar deutlich vorn

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Strohwahl: In dieser umfunktionierten Whiskeykiste werden die Stimmzettel gesammelt. Einmal pro Woche wird ausgezählt. Bild: AFP

Seit 90 Jahren stimmen Amerikaner in Harry’s Bar in Paris vor den Präsidentschaftswahlen über ihre Favoriten ab. Nur zwei Mal lag das Ergebnis daneben.

          „Auf Hillary Clinton, die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten!“ In Harry’s New York Bar in Paris stößt eine Gruppe von Amerikanern auf ihre Favoritin an. Clinton Präsidentin? Trotz Email-Affäre und steigender Umfragewerte für Donald Trump? „Aber ja, sie gewinnt, da steht es doch“, sagt eine Frau und zeigt auf die Glastafel über der Bar. 371 Stimmen für Clinton, 129 für Trump, ist dort zu lesen. So lautet das vorläufige Votum der amerikanischen Gäste, die in Harry’s Bar alle vier Jahre über den künftigen Präsidenten abstimmen. Nur zwei Mal in gut 90 Jahren lagen sie daneben.

          „Das Ergebnis ist repräsentativ“, sagt Barbesitzer Franz-Arthur MacElhone. Der 27-Jährige ist der Urenkel von Harry MacElhone, Namensgeber der Bar in der Rue Daunou unweit der Pariser Oper. „Bei uns stimmen nicht nur Exil-Amerikaner ab, die traditionell die Demokraten unterstützen. Unter unseren Gästen sind auch viele Reisende aus den Vereinigten Staaten, und die sind oft für Trump.“

          Wer sich als amerikanischer Bürger ausweisen kann, darf seinen Stimmzettel in eine weiß gestrichene Whiskykiste einwerfen, die zur Wahlurne umfunktioniert wurde. Einmal in der Woche wird ausgezählt. Als Harry MacElhone die sogenannte „Straw Vote“ (Strohwahl) 1924 einführte, gab es noch keine Briefwahl. „Das hat bei den Exil-Amerikanern viel Frust erzeugt“, sagt sein Urenkel. „Deshalb Harrys Idee mit der Wahl in der Bar.“

          Nur zwei Mal daneben gelegen

          Die ist zuverlässiger als so manche Meinungsumfrage: Nur bei den Duellen Jimmy Carter gegen Gerald Ford 1976 und George W. Bush gegen John Kerry 2004 setzten die Gäste auf den Verlierer. Die Wahl von John F. Kennedy sagten sie dagegen ebenso voraus wie die von Barack Obama. Endgültig ausgezählt wird die „Straw Vote“ am Wahltag, dem 8. November - einige Stunden bevor die Prognosen aus Amerika kommen.

          Bob Marcony aus Atlanta im Bundesstaat Georgia sitzt neben dem Tresen und wartet auf einen Cocktail und einen Hotdog. Er sagt, in diesem Jahr würden viele Landsleute „das kleinere Übel wählen“ - Clinton. Zu Trump hat Marcony eine klare Meinung: „Ich würde nie einem Brandstifter in einer Feuerwerk-Fabrik ein Streichholz geben.“

          Marcony ist als Tourist in Harry’s Bar gekommen, weil er gelesen hat, dass hier früher der Schriftsteller Ernest Hemingway und der Filmstar Humphrey Bogart verkehrten. Und George Gershwin soll hier „Ein Amerikaner in Paris“ komponiert haben. So weit jedenfalls die Legende.

          Überhaupt verschwimmen die Fakten in den Berichten über die Bar manchmal im Nebel des Hochprozentigen. Harry MacElhone etwa war kein Amerikaner, sondern ein schottischer Barkeeper. Er gründete die Bar 1911 auch nicht selbst, sondern übernahm sie 1923 von seinem amerikanischen Chef Tod Sloan. Dieser soll die gesamte Bar aus Mahagoni per Schiff aus Manhattan nach Paris gebracht haben.

          Jeder Kandidat bekommt einen Cocktail gewidmet

          Unzweifelhaft ist jedenfalls, dass Harry einen Riecher dafür hatte, welche Cocktails Amerikaner gerne trinken. Er gilt als Erfinder der „Bloody Mary“. Die Tradition in seiner Bar will es, dass jedem Präsidentschaftskandidaten ein Cocktail gewidmet wird. In diesem Jahr treten der „Hillarious“ (urkomisch) und der „Trumpet“ (Trompete) gegeneinander an.

          Kreiert hat sie der 22 Jahre alte Barkeeper Steven Lages. Inspiriert hätten ihn die Charaktere der beiden Kandidaten, erzählt er. „Der Trumpet ist auf Rum-Basis und mit Basilikum und Chili gewürzt, das verdeutlicht Trumps explosive Schärfe.“ Der „Hillarious“ sei dagegen „sehr feminin, aber auch sehr stark“, mit Whisky, Kirschlikör, und Wermut. Ganz persönlich bevorzugt Lages den Trumpet. „Aber natürlich nur wegen des Geschmacks.“

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