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Wachkoma-Patient in Reims : Ein Spielball der Justiz

„Lebendig“, steht auf dem Schild einer Demonstrantin, die für die weitere künstliche Ernährung von Vincent Lambert auf die Straße gegangen ist. Bild: AFP

Wie behandelt die Gesellschaft einen Menschen wie Vincent Lambert, der bei einem Unfall irreparable Gehirnverletzungen erlitt? Der Wachkomapatient wird nun doch weiter künstlich ernährt. Das finden nicht alle richtig.

          Es geht um das Leben eines nach einem Unfall schwer behinderten Manns, aber für viele Franzosen geht es inzwischen um mehr. Wie behandelt die Gesellschaft einen Menschen wie Vincent Lambert, der bei einem Motorradunfall schwere, irreparable Gehirnverletzungen erlitten hat? Die Richter des Pariser Berufungsgerichts haben am späten Montagabend die Ärzte der Universitätsklinik in Reims angewiesen, Lambert wieder künstlich zu ernähren. Erst am Montagmorgen waren die Geräte abgestellt worden, mit denen der 42 Jahre alte Franzose seit seinem Unfall im Jahr 2008 ernährt und mit Flüssigkeit versorgt wird.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Das Urteil war eine neuerliche Wende in dem Fall, an dem die Öffentlichkeit großen Anteil nimmt. Es wurde bekannt, als sich in Paris Angehörige und Unterstützer zu einem Protestmarsch versammelt hatten, um „Leben für Vincent“ zu fordern. Der Rechtsanwalt der Eltern Lamberts ließ seine Reaktion auf das Urteil filmen. „Wir haben gesiegt“, brüllte er in die Kamera und reckte die Hände in die Höhe, als hätte er einen Fußballpokal gewonnen. Die Teilnehmer des Marsches applaudierten. Den Neffen des Kranken, François Lambert, haben die Aufnahmen entrüstet. Er sagte dem Radiosender Europe 1, dass er es schockierend finde, wie mit dem Leben seines Onkels gespielt werde. Er habe sich nach mehr als zehn Jahren Agonie damit abgefunden, dass sein Onkel sterben werde. Auch die Ehefrau des früheren Krankenpflegers, Rachel Lambert, war mit den Ärzten darüber eingekommen, dass es aufgrund der nicht bestehenden Heilungschancen besser sei, die „lebenserhaltenden Maßnahmen“ zu beenden.

          Die Familie ist an der Entscheidung zerbrochen. Die Eltern des Verunglückten lehnen es ab, in ihrem Sohn einen Todgeweihten zu sehen. Sie betonen, dass er nur schwer behindert und deshalb dauerhaft pflegebedürftig sei. Es sei aber nicht an den Ärzten zu entscheiden, wann ein Wachkoma-Patient sein Lebensrecht verliere. Das ist auch die Auffassung des Pariser Erzbischofs Michel Aupetit, eines früheren Arztes. Der Erzbischof verglich Lambert mit dem bei einem Skiunfall verunglückten deutschen Rennfahrer Michael Schumacher. Die Fälle seien sehr ähnlich, auch Schumacher befinde sich durch Hirnschädigungen in einem „erhaltenen Minimalbewusstsein“, das vom Wachkoma kaum abzugrenzen sei. Dem früheren Formel-1-Champion werde alle Pflege zuteil, die er brauche. Auch Lambert, der allein atme, seine Umwelt wahrnehme und Emotionen zeige, sei wie Schumacher davon abhängig, dass er künstlich ernährt und durch Krankenpfleger versorgt werde, schrieb Aupetit. Doch da er die Kosten dafür nicht privat tragen könne, werde ein Ende seines Krankenhausaufenthalts geplant. „Entweder betrachten wir Menschen wie Roboter, die auf die Müllhalde geschickt werden, wenn sie zu nichts mehr gut sind, oder wir machen den Wert des Menschen an der Liebe zueinander fest“, schrieb der Erzbischof. „Vincent sollte getötet werden. Jetzt bekommt er wieder zu essen und zu trinken. Ich bin sehr stolz auf die Justiz“, sagte Mutter Viviane Lambert der Nachrichtenagentur AFP.

          Der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen soll nun den Fall bewerten. Die Eltern hatten eine Videoaufnahme ihres Sohns in die sozialen Netzwerke gestellt, auf der zu sehen ist, wie er auf Ansprache reagiert und weint, als ihm gesagt wird, die künstliche Ernährung werde beendet. Schon im April 2013 hatte er 31 Tage lang auf die über eine Magensonde zugeführte Flüssigkeit und Nahrung verzichten müssen. Ein Gericht in Chalons-en-Champagne ordnete im Mai 2013 an, die künstliche Ernährung wieder aufzunehmen. Das Urteil begründeten die Richter damals damit, dass die Eltern nicht über die Entscheidung informiert worden seien, dass die „lebenserhaltenden Maßnahmen“ für ihren Sohn abgebrochen wurden.

          Dieses Mal hatten die Eltern Anfang April Nachricht bekommen, dass die künstliche Ernährung eingestellt werden sollte. Sie mobilisierten daraufhin ihre Anwälte und alle Unterstützer, die sie vor allem in Kirchenkreisen gefunden haben. Die Eltern stehen der Piusbruderschaft nahe und sind vehemente Abtreibungsgegner. Auch Papst Franziskus äußerte sich indirekt zu dem Fall: „Wir beten für Menschen, die mit schweren Gebrechen leben.“ Man dürfe „der Wegwerfkultur keinen Raum“ geben.

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