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Vorzeige-Hilfsprojekt : Ugandas verlorene Kinder

  • -Aktualisiert am

Gulus gute Seele: Schwester Rosemary Nyirumbe heilt, was die Kämpfer von Joseph Kony zerstört haben. Bild: Fabian Sickenberger

Der Bürgerkrieg in Uganda hat traumatisierte Kindersoldaten und Sexsklaven hinterlassen. In Schwester Rosemary Nyirumbe finden manche eine Mutter – ein kleines Wunder, denn auch ihr Lebensweg war nicht einfach.

          6 Min.

          An diesem Sonntagmittag ist es ungewöhnlich still auf dem Gelände der St. Monica’s Girls Vocational School in der ugandischen Stadt Gulu. Es sind Ferien, die Hitze brennt, also sind nur wenige Kinder im Garten und vor der Schule unterwegs. Eine gute Gelegenheit für Schwester Rosemary Nyirumbe, die seltene Ruhe des sonst so betriebsamen Orts zu genießen. Beim Schlendern über den Hof begegnet sie zwei jungen Frauen, beide fast noch Teenager. „Und, habt ihr den Gottesdienst besucht und gebetet?“, fragt sie. „Klar, Schwester“, versichern die beiden. „Dann bin ich gespannt, was ihr mir später erzählt.“

          Als die Frauen weitergezogen sind, sagt Schwester Rosemary plötzlich: „Eines der Mädchen wurde von der LRA als Sexsklavin gehalten, die andere war eine der Ehefrauen von Joseph Kony.“ Sie zückt ihr neues iPhone und spielt ein Video ab: Fünf Mädchen, alle um die 14 Jahre alt, singen ein Weihnachtslied. „Die Zweite von links“, sagt sie nüchtern, „ist eine von Konys Töchtern. Ein fröhliches Mädchen.“

          Ihr Vater, Joseph Kony, wird vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen gesucht. Als Kopf der „Lord’s Resistance Army“ (LRA), einer extremistischen Rebellenbewegung, die angeblich den Aufbau eines christlichen Gottesstaates anstrebte, verwandelte er den Norden Ugandas zwischen 1987 und 2006 in eine Bürgerkriegsregion. Seine Helfer entführten Zehntausende Kinder, machten sie zu ihren Soldaten und Sexsklaven. Zahlreiche Menschen wurden von ihnen ermordet, viele Frauen vergewaltigt.

          Bild: F.A.Z.

          Kony und die LRA sind mittlerweile aus Uganda verschwunden, die ugandische Regierung hat sie 2006 vertrieben. Die restlichen Kämpfer halten sich, zersplittert und weit weniger furchteinflößend, irgendwo in Südsudan, in Kongo oder der Zentralafrikanischen Republik auf. Zurück blieb eine schwer traumatisierte Bevölkerung im Distrikt Gulu, dessen Hauptstadt unter dem Krieg kollabierte. Hinterbliebene, ehemalige Sklavinnen und Kindersoldatinnen der LRA, dazu Waisen und die Kinder inhaftierter Sträflinge – sich um all diese verletzten Seelen zu kümmern, das ist die Aufgabe von Schwester Rosemary.

          „LRA hat hier 20 Jahre gewütet“

          Die meisten Hilfsorganisationen sind längst wieder aus Gulu verschwunden. Die weltumspannende Aufmerksamkeit, welche das Thema durch die Internetkampagne „Kony 2012“ vor drei Jahren erhielt, ist längst verpufft. Das LRA-Mahnmal vor der Stadtverwaltung ist zugewuchert und hinter Bergen von Bauschutt kaum zu erkennen. Auf dem Gelände der Gulu Support Children Organization (Gusco), die sich nach Kriegsende um traumatisierte Kinder kümmerte und lange als Vorzeigeprojekt in der Stadt galt, sitzt nur noch ein träger Sicherheitsmann.

          „Die Hilfsarbeiter sind lange weg“, sagt er müde. Er sei nur noch da, um das Gelände vor Vandalismus zu schützen. Schwester Rosemary ärgert das: „Internationale Hilfsprojekte sind häufig kurz- oder mittelfristig angelegt. Sie limitieren ihre Zeiträume von Beginn an. Für ein Jahr, für drei Jahre.“ Doch das reiche nicht aus. „Die LRA hat hier 20 Jahre lang gewütet – wie soll man den Opfern ernsthaft in einem oder drei Jahren helfen?“

          Schwester Rosemary, ihre acht Glaubensschwestern und die lokalen Unterstützer sind nicht gegangen. Mehr als 2000 Frauen und Kinder hat die 57 Jahre alte Frau seit ihrer Ankunft 2001 auf dem Weg zurück in die Gesellschaft begleitet. Zurzeit leben etwa 500 von ihnen auf dem Gelände von St. Monica’s. Genau kann es „Sister Rose“, wie alle sie nennen, nicht beziffern. „Jeden Tag kommen Neue, da weiß ich die Zahlen nie so genau.“

          „Waren plötzlich eingesperrt“

          Im Mittelpunkt steht die Bildung als Schlüssel zur Unabhängigkeit der Bewohnerinnen. „Wir geben alles, damit jede dieser Frauen eine Zukunft hat“, sagt sie. St. Monica’s ist eine Ausbildungsstätte für Schneiderinnen und Restaurantfachkräfte, dazu eine Schule, ein Kindergarten, eine Klinik, ein Schwangerschaftszentrum. „Alles, was uns nützlich erscheint, bauen wir auf“, sagt Schwester Rosemary. Dazu zählt auch ein Waisendorf in Atiak, nahe der südsudanesischen Grenze. Ebenso ist eine Hilfseinrichtung in Südsudan geplant.

          Es ist ein kleines Wunder, dass es so weit kommen konnte – denn der Weg von Schwester Rosemary war nicht einfach. Kurz nachdem sie 1987 für ihr Vorstudium nach Gulu kam, brachen Gefechte aus zwischen den Regierungstruppen des noch heute amtierenden Präsidenten Yoweri Museveni und der LRA, die sich damals noch „Holy Spirit Movement“ nannte.

          „Wir waren plötzlich in der Stadt eingesperrt“, erzählt sie – drei Jahre lang sollte das so bleiben. Die Einschusslöcher aus den Kämpfen sind noch immer erkennbar. Die Schwestern überlebten nur dank Rosemarys Verhandlungsgeschick. Sie vollführte einen undurchsichtigen Balanceakt zwischen Soldaten und Rebellen. 1989 floh sie dann aus Gulu. Sie studierte Ethik in Kampala, wo sie danach einige Jahre arbeitete.

          „Mädchen, die töten mussten“

          Als sie 2001 gebeten wurde, nach Gulu zurückzukehren, zögerte sie angesichts ihrer Erfahrungen in der Stadt. Dann traf sie eine Entscheidung: „Wenn Gott will, dass ich gehe, werde ich das tun – auch wenn ich dabei mein Leben riskiere.“ Ohne den Glauben an Gott, sagt sie, hätte sie wohl nie den Mut aufgebracht. Gulu war zu diesem Zeitpunkt ein einziges Chaos. Die LRA zerstörte Dörfer und Teile der Stadt, tötete und entführte wahllos Menschen. Hinzu kam eine Ebola-Epidemie.

          St. Monica’s war ein trostloser Fleck, der seinem Ziel, Flüchtlinge zu versorgen, nicht mehr gerecht wurde. Nur 30 Menschen fand Schwester Rosemary bei ihrer Ankunft vor, alle Nonnen waren schwer traumatisiert. „Also habe ich angefangen, als Krankenschwester und als Zuhörerin zu arbeiten.“ Das sprach sich herum, bald suchten bis zu 500 Kinder täglich Zuflucht. Rosemary organisierte Betten aus Schulen, Matratzen aus Stroh, Essensspenden aus Rom.

          Eines Tages wurde Rosemary auf eine junge Frau aufmerksam. „Sie fiel mir auf, weil sie sich immer versteckte, sich seltsam benahm und mir nie in die Augen sehen konnte.“ Sie suchte das Gespräch, brachte die Frau zum Lachen. Immer wieder, so lange, bis diese erzählte. Dass sie als Elfjährige entführt und zur Kindersoldatin gemacht wurde und nach neun Jahren den Rang einer Kommandeurin erhalten hatte, bevor ihr die Flucht vor der LRA gelang. „Erst da wurde mir bewusst, mit welchen Menschen ich es zu tun habe. Mädchen, die töten mussten, nachdem sie intensiven Gehirnwäschen unterzogen wurden.“

          Nähen als Hilfsmittel

          Wieder fällte Schwester Rosemary eine Entscheidung: „Ich habe mir gesagt, ich muss diese Mädchen unabhängig von ihrer Geschichte behandeln. Sie haben ihre Kindheit verloren, sie sind unschuldig.“ Sie lud ehemalige Soldatinnen und Sklavinnen mit einem Radioaufruf nach St. Monica’s ein – und am Tag darauf saßen 250 verängstigte Frauen unter dem Mangobaum im Garten.

          Alle waren vor der LRA geflohen, von ihren Familien verstoßen, fast alle hatten kleine Kinder im Schlepptau, oft als Resultat von Vergewaltigungen. „Wir haben sie alle registriert, sofort eine improvisierte Schule und einen Kindergarten aufgebaut und begonnen, sie zu unterrichten. Mit aller Mutterliebe, die wir hatten, ohne Zeitlimits oder Fragen nach ihrem Hintergrund. Denn es war der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort“, sagt Schwester Rosemary.

          Ein wichtiges Hilfsmittel für ihre Arbeit ist das Nähen. Wenn es möglich ist, mit Nadeln kaputte Kleider zusammenzunähen, fragt Rosemary, warum nicht auch zerrüttete Leben? Statt der Maschinengewehre der LRA werden in St. Monica’s deshalb andere Maschinen benutzt – Nähmaschinen. Um Neues, Schönes zu schaffen, um Selbstbewusstsein zu gewinnen. Das ist der Anspruch von Schwester Rosemary. Bei Florence Arukude ist ihr das gelungen.

          „Sie hat mein Leben verändert“

          Die 37 Jahre alte Frau, die seit 2011 in St. Monica’s lebt, reißt die Hände in die Luft und macht eine Pirouette, wenn man sie nach Schwester Rosemary fragt. „Ich kann kaum in Worte fassen, was sie mir bedeutet. Sie hat mein Leben verändert, mir meine Hoffnung zurückgegeben, mich unabhängig gemacht.“ Dann zeigt sie drei lange Operationsnarben an ihrem rechten Knie: Mit vier Jahren erkrankte sie an Polio, konnte 30 Jahre lang kaum laufen.

          Vor der LRA versteckte sie sich im tiefen Gras, ihrer Familie entfloh sie als Jugendliche, um diese nicht mit ihrer Beeinträchtigung in Gefahr zu bringen. 2012 bezahlte Schwester Rosemary ihre Operation, nahm sie mit auf eine Reise nach Amerika und brachte ihr das Schneidern bei. Seitdem stellt Florence Arukude wertvolle Handtaschen her, und die Schwester verkauft sie über ihre Plattform Sisters United auf der ganzen Welt.

          Nicht weit von Florence Arukudes Schneiderstube entfernt sitzt Innocent im Garten von St. Monica’s und arbeitet mit seinem Mitbewohner Sandy an einem neuen Haus. Der Elfjährige wurde ohne Arme geboren – aber Häuser baut er trotzdem. Innocent nutzt seine Füße, um leere Wasserflaschen mit Sand zu füllen, und arbeitet dabei mit bemerkenswerter Effizienz. Die prall gefüllten Wegwerfflaschen ersetzen hier die herkömmlichen Backsteine in Neubauten.

          Internationale Aufmerksamkeit

          „Sie benötigen in der Produktion keine Energie, sind nicht anfällig gegen Termiten. Und auf diese Weise tun wir aktiv etwas gegen die Umweltverschmutzung mit Plastikmüll in Uganda“, sagt Schwester Rosemary. Beigebracht hat sie sich das Ganze selbst, via Youtube. Genutzt werden die Häuser als Gästeunterkünfte, für die Besuche von Menschenrechtlern, Anwälten und gelegentlich auch von einem Basketballstar aus der amerikanischen Profiliga NBA.

          Auch das ist ein Resultat der Arbeit von Schwester Rosemary: internationale Aufmerksamkeit. St. Monica’s zählt zu den Vorzeige-Hilfsprojekten Ostafrikas. Längst ist Schwester Rosemary eine Botschafterin geworden, hält Reden in Davos, Italien, Norwegen, Vancouver, San Francisco – und das ist nur die Liste von 2015. Sie traf den Papst bei dessen erstem Staatsbesuch Ende November in Kampala, trat in amerikanischen Talkshows auf und wird per Skype zugeschaltet, wenn die Elite der Frauenrechtlerinnen in Kanada zusammenkommt.

          Auf der Liste der 100 einflussreichsten Personen

          2007, weit vor „Kony 2012“, wurde sie von einem amerikanischen Fernsehsender als „CNN Hero“ ausgezeichnet. 2014, nachdem die Kampagne wieder in Vergessenheit geraten war, setzte sie das „Time Magazine“ auf seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Sie hält fünf Ehrendoktortitel, auf ihrem Smartphone finden sich die Handynummern von Bill Clinton und dem NBA-Star Kevin Durant.

          Doch Schwester Rosemary ist bescheiden geblieben. „Die Auszeichnungen bedeuten mir gar nichts, denn damit verdiene ich keinen einzigen Dollar an Spenden“, sagt sie. Und ergänzt im nächsten Moment: „Trotzdem motivieren mich solche Resultate. Sie spornen mich an, noch mehr zu tun, noch mehr zu erreichen. Noch ein bisschen mehr mit den Kindern zu spielen, ihnen noch häufiger das geben zu können, was sie nicht erwarten: neue Kleidung zu Weihnachten oder ihr erstes Paar Schuhe.“

          Dann sagt Rosemary, sie müsse jetzt noch ein wenig gehen, ihre Apple Watch zeige heute erst 12.000 Schritte an. Und so schlendert Schwester Rosemary davon, den Blick auf ihren Schrittzähler gerichtet, den Kopf voller Ideen für das neue Jahr – eine Rechtschreibschule für Frauen aus ländlichen Regionen zum Beispiel.

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