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Vorzeige-Hilfsprojekt : Ugandas verlorene Kinder

  • -Aktualisiert am

Gulus gute Seele: Schwester Rosemary Nyirumbe heilt, was die Kämpfer von Joseph Kony zerstört haben. Bild: Fabian Sickenberger

Der Bürgerkrieg in Uganda hat traumatisierte Kindersoldaten und Sexsklaven hinterlassen. In Schwester Rosemary Nyirumbe finden manche eine Mutter – ein kleines Wunder, denn auch ihr Lebensweg war nicht einfach.

          An diesem Sonntagmittag ist es ungewöhnlich still auf dem Gelände der St. Monica’s Girls Vocational School in der ugandischen Stadt Gulu. Es sind Ferien, die Hitze brennt, also sind nur wenige Kinder im Garten und vor der Schule unterwegs. Eine gute Gelegenheit für Schwester Rosemary Nyirumbe, die seltene Ruhe des sonst so betriebsamen Orts zu genießen. Beim Schlendern über den Hof begegnet sie zwei jungen Frauen, beide fast noch Teenager. „Und, habt ihr den Gottesdienst besucht und gebetet?“, fragt sie. „Klar, Schwester“, versichern die beiden. „Dann bin ich gespannt, was ihr mir später erzählt.“

          Als die Frauen weitergezogen sind, sagt Schwester Rosemary plötzlich: „Eines der Mädchen wurde von der LRA als Sexsklavin gehalten, die andere war eine der Ehefrauen von Joseph Kony.“ Sie zückt ihr neues iPhone und spielt ein Video ab: Fünf Mädchen, alle um die 14 Jahre alt, singen ein Weihnachtslied. „Die Zweite von links“, sagt sie nüchtern, „ist eine von Konys Töchtern. Ein fröhliches Mädchen.“

          Ihr Vater, Joseph Kony, wird vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Kriegsverbrechen gesucht. Als Kopf der „Lord’s Resistance Army“ (LRA), einer extremistischen Rebellenbewegung, die angeblich den Aufbau eines christlichen Gottesstaates anstrebte, verwandelte er den Norden Ugandas zwischen 1987 und 2006 in eine Bürgerkriegsregion. Seine Helfer entführten Zehntausende Kinder, machten sie zu ihren Soldaten und Sexsklaven. Zahlreiche Menschen wurden von ihnen ermordet, viele Frauen vergewaltigt.

          Kony und die LRA sind mittlerweile aus Uganda verschwunden, die ugandische Regierung hat sie 2006 vertrieben. Die restlichen Kämpfer halten sich, zersplittert und weit weniger furchteinflößend, irgendwo in Südsudan, in Kongo oder der Zentralafrikanischen Republik auf. Zurück blieb eine schwer traumatisierte Bevölkerung im Distrikt Gulu, dessen Hauptstadt unter dem Krieg kollabierte. Hinterbliebene, ehemalige Sklavinnen und Kindersoldatinnen der LRA, dazu Waisen und die Kinder inhaftierter Sträflinge – sich um all diese verletzten Seelen zu kümmern, das ist die Aufgabe von Schwester Rosemary.

          „LRA hat hier 20 Jahre gewütet“

          Die meisten Hilfsorganisationen sind längst wieder aus Gulu verschwunden. Die weltumspannende Aufmerksamkeit, welche das Thema durch die Internetkampagne „Kony 2012“ vor drei Jahren erhielt, ist längst verpufft. Das LRA-Mahnmal vor der Stadtverwaltung ist zugewuchert und hinter Bergen von Bauschutt kaum zu erkennen. Auf dem Gelände der Gulu Support Children Organization (Gusco), die sich nach Kriegsende um traumatisierte Kinder kümmerte und lange als Vorzeigeprojekt in der Stadt galt, sitzt nur noch ein träger Sicherheitsmann.

          „Die Hilfsarbeiter sind lange weg“, sagt er müde. Er sei nur noch da, um das Gelände vor Vandalismus zu schützen. Schwester Rosemary ärgert das: „Internationale Hilfsprojekte sind häufig kurz- oder mittelfristig angelegt. Sie limitieren ihre Zeiträume von Beginn an. Für ein Jahr, für drei Jahre.“ Doch das reiche nicht aus. „Die LRA hat hier 20 Jahre lang gewütet – wie soll man den Opfern ernsthaft in einem oder drei Jahren helfen?“

          Schwester Rosemary, ihre acht Glaubensschwestern und die lokalen Unterstützer sind nicht gegangen. Mehr als 2000 Frauen und Kinder hat die 57 Jahre alte Frau seit ihrer Ankunft 2001 auf dem Weg zurück in die Gesellschaft begleitet. Zurzeit leben etwa 500 von ihnen auf dem Gelände von St. Monica’s. Genau kann es „Sister Rose“, wie alle sie nennen, nicht beziffern. „Jeden Tag kommen Neue, da weiß ich die Zahlen nie so genau.“

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