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Vorzeige-Hilfsprojekt : Ugandas verlorene Kinder

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Ein wichtiges Hilfsmittel für ihre Arbeit ist das Nähen. Wenn es möglich ist, mit Nadeln kaputte Kleider zusammenzunähen, fragt Rosemary, warum nicht auch zerrüttete Leben? Statt der Maschinengewehre der LRA werden in St. Monica’s deshalb andere Maschinen benutzt – Nähmaschinen. Um Neues, Schönes zu schaffen, um Selbstbewusstsein zu gewinnen. Das ist der Anspruch von Schwester Rosemary. Bei Florence Arukude ist ihr das gelungen.

„Sie hat mein Leben verändert“

Die 37 Jahre alte Frau, die seit 2011 in St. Monica’s lebt, reißt die Hände in die Luft und macht eine Pirouette, wenn man sie nach Schwester Rosemary fragt. „Ich kann kaum in Worte fassen, was sie mir bedeutet. Sie hat mein Leben verändert, mir meine Hoffnung zurückgegeben, mich unabhängig gemacht.“ Dann zeigt sie drei lange Operationsnarben an ihrem rechten Knie: Mit vier Jahren erkrankte sie an Polio, konnte 30 Jahre lang kaum laufen.

Vor der LRA versteckte sie sich im tiefen Gras, ihrer Familie entfloh sie als Jugendliche, um diese nicht mit ihrer Beeinträchtigung in Gefahr zu bringen. 2012 bezahlte Schwester Rosemary ihre Operation, nahm sie mit auf eine Reise nach Amerika und brachte ihr das Schneidern bei. Seitdem stellt Florence Arukude wertvolle Handtaschen her, und die Schwester verkauft sie über ihre Plattform Sisters United auf der ganzen Welt.

Nicht weit von Florence Arukudes Schneiderstube entfernt sitzt Innocent im Garten von St. Monica’s und arbeitet mit seinem Mitbewohner Sandy an einem neuen Haus. Der Elfjährige wurde ohne Arme geboren – aber Häuser baut er trotzdem. Innocent nutzt seine Füße, um leere Wasserflaschen mit Sand zu füllen, und arbeitet dabei mit bemerkenswerter Effizienz. Die prall gefüllten Wegwerfflaschen ersetzen hier die herkömmlichen Backsteine in Neubauten.

Internationale Aufmerksamkeit

„Sie benötigen in der Produktion keine Energie, sind nicht anfällig gegen Termiten. Und auf diese Weise tun wir aktiv etwas gegen die Umweltverschmutzung mit Plastikmüll in Uganda“, sagt Schwester Rosemary. Beigebracht hat sie sich das Ganze selbst, via Youtube. Genutzt werden die Häuser als Gästeunterkünfte, für die Besuche von Menschenrechtlern, Anwälten und gelegentlich auch von einem Basketballstar aus der amerikanischen Profiliga NBA.

Auch das ist ein Resultat der Arbeit von Schwester Rosemary: internationale Aufmerksamkeit. St. Monica’s zählt zu den Vorzeige-Hilfsprojekten Ostafrikas. Längst ist Schwester Rosemary eine Botschafterin geworden, hält Reden in Davos, Italien, Norwegen, Vancouver, San Francisco – und das ist nur die Liste von 2015. Sie traf den Papst bei dessen erstem Staatsbesuch Ende November in Kampala, trat in amerikanischen Talkshows auf und wird per Skype zugeschaltet, wenn die Elite der Frauenrechtlerinnen in Kanada zusammenkommt.

Auf der Liste der 100 einflussreichsten Personen

2007, weit vor „Kony 2012“, wurde sie von einem amerikanischen Fernsehsender als „CNN Hero“ ausgezeichnet. 2014, nachdem die Kampagne wieder in Vergessenheit geraten war, setzte sie das „Time Magazine“ auf seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Sie hält fünf Ehrendoktortitel, auf ihrem Smartphone finden sich die Handynummern von Bill Clinton und dem NBA-Star Kevin Durant.

Doch Schwester Rosemary ist bescheiden geblieben. „Die Auszeichnungen bedeuten mir gar nichts, denn damit verdiene ich keinen einzigen Dollar an Spenden“, sagt sie. Und ergänzt im nächsten Moment: „Trotzdem motivieren mich solche Resultate. Sie spornen mich an, noch mehr zu tun, noch mehr zu erreichen. Noch ein bisschen mehr mit den Kindern zu spielen, ihnen noch häufiger das geben zu können, was sie nicht erwarten: neue Kleidung zu Weihnachten oder ihr erstes Paar Schuhe.“

Dann sagt Rosemary, sie müsse jetzt noch ein wenig gehen, ihre Apple Watch zeige heute erst 12.000 Schritte an. Und so schlendert Schwester Rosemary davon, den Blick auf ihren Schrittzähler gerichtet, den Kopf voller Ideen für das neue Jahr – eine Rechtschreibschule für Frauen aus ländlichen Regionen zum Beispiel.

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