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Vorzeige-Hilfsprojekt : Ugandas verlorene Kinder

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„Waren plötzlich eingesperrt“

Im Mittelpunkt steht die Bildung als Schlüssel zur Unabhängigkeit der Bewohnerinnen. „Wir geben alles, damit jede dieser Frauen eine Zukunft hat“, sagt sie. St. Monica’s ist eine Ausbildungsstätte für Schneiderinnen und Restaurantfachkräfte, dazu eine Schule, ein Kindergarten, eine Klinik, ein Schwangerschaftszentrum. „Alles, was uns nützlich erscheint, bauen wir auf“, sagt Schwester Rosemary. Dazu zählt auch ein Waisendorf in Atiak, nahe der südsudanesischen Grenze. Ebenso ist eine Hilfseinrichtung in Südsudan geplant.

Es ist ein kleines Wunder, dass es so weit kommen konnte – denn der Weg von Schwester Rosemary war nicht einfach. Kurz nachdem sie 1987 für ihr Vorstudium nach Gulu kam, brachen Gefechte aus zwischen den Regierungstruppen des noch heute amtierenden Präsidenten Yoweri Museveni und der LRA, die sich damals noch „Holy Spirit Movement“ nannte.

„Wir waren plötzlich in der Stadt eingesperrt“, erzählt sie – drei Jahre lang sollte das so bleiben. Die Einschusslöcher aus den Kämpfen sind noch immer erkennbar. Die Schwestern überlebten nur dank Rosemarys Verhandlungsgeschick. Sie vollführte einen undurchsichtigen Balanceakt zwischen Soldaten und Rebellen. 1989 floh sie dann aus Gulu. Sie studierte Ethik in Kampala, wo sie danach einige Jahre arbeitete.

„Mädchen, die töten mussten“

Als sie 2001 gebeten wurde, nach Gulu zurückzukehren, zögerte sie angesichts ihrer Erfahrungen in der Stadt. Dann traf sie eine Entscheidung: „Wenn Gott will, dass ich gehe, werde ich das tun – auch wenn ich dabei mein Leben riskiere.“ Ohne den Glauben an Gott, sagt sie, hätte sie wohl nie den Mut aufgebracht. Gulu war zu diesem Zeitpunkt ein einziges Chaos. Die LRA zerstörte Dörfer und Teile der Stadt, tötete und entführte wahllos Menschen. Hinzu kam eine Ebola-Epidemie.

St. Monica’s war ein trostloser Fleck, der seinem Ziel, Flüchtlinge zu versorgen, nicht mehr gerecht wurde. Nur 30 Menschen fand Schwester Rosemary bei ihrer Ankunft vor, alle Nonnen waren schwer traumatisiert. „Also habe ich angefangen, als Krankenschwester und als Zuhörerin zu arbeiten.“ Das sprach sich herum, bald suchten bis zu 500 Kinder täglich Zuflucht. Rosemary organisierte Betten aus Schulen, Matratzen aus Stroh, Essensspenden aus Rom.

Eines Tages wurde Rosemary auf eine junge Frau aufmerksam. „Sie fiel mir auf, weil sie sich immer versteckte, sich seltsam benahm und mir nie in die Augen sehen konnte.“ Sie suchte das Gespräch, brachte die Frau zum Lachen. Immer wieder, so lange, bis diese erzählte. Dass sie als Elfjährige entführt und zur Kindersoldatin gemacht wurde und nach neun Jahren den Rang einer Kommandeurin erhalten hatte, bevor ihr die Flucht vor der LRA gelang. „Erst da wurde mir bewusst, mit welchen Menschen ich es zu tun habe. Mädchen, die töten mussten, nachdem sie intensiven Gehirnwäschen unterzogen wurden.“

Nähen als Hilfsmittel

Wieder fällte Schwester Rosemary eine Entscheidung: „Ich habe mir gesagt, ich muss diese Mädchen unabhängig von ihrer Geschichte behandeln. Sie haben ihre Kindheit verloren, sie sind unschuldig.“ Sie lud ehemalige Soldatinnen und Sklavinnen mit einem Radioaufruf nach St. Monica’s ein – und am Tag darauf saßen 250 verängstigte Frauen unter dem Mangobaum im Garten.

Alle waren vor der LRA geflohen, von ihren Familien verstoßen, fast alle hatten kleine Kinder im Schlepptau, oft als Resultat von Vergewaltigungen. „Wir haben sie alle registriert, sofort eine improvisierte Schule und einen Kindergarten aufgebaut und begonnen, sie zu unterrichten. Mit aller Mutterliebe, die wir hatten, ohne Zeitlimits oder Fragen nach ihrem Hintergrund. Denn es war der richtige Zeitpunkt und der richtige Ort“, sagt Schwester Rosemary.

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