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Vorwürfe gegen Woody Allen : Wem willst du glauben?

  • -Aktualisiert am

Der Filmemacher Woody Allen Bild: AP

Die Vorwürfe seiner Adoptivtochter gegen Woody Allen halten die Welt in Atem. Doch mit der Suche nach der Wahrheit sind wir überfordert.

          5 Min.

          Da ist es schon wieder, dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Seit Woody Allens Adoptivtochter Dylan Farrow den Filmemacher vor einer Woche abermals des sexuellen Missbrauchs beschuldigte, in einem offenen Brief in der ehrwürdigen „New York Times“, fragt man sich: Was soll man davon halten? Wie soll man reagieren? Und: Hat man beim letzten Mal richtig reagiert, als diese Beschuldigungen das erste Mal publik wurden? Hat man sich womöglich schuldig gemacht, weil man weggesehen hat? Allen selbst kündigte nach der schweren Beschuldigung an, er werde sich „bald“ dazu äußern; doch als er es nun tat, nach genau einer Woche, blieb man so ratlos, so hin- und hergerissen wie zuvor.

          Denn das Familiendrama, das da vor den Augen der Öffentlichkeit ausgetragen wird, ist die Neuauflage eines Dramas, das vor mehr als zwanzig Jahren begann; die Wiederholung eines erbitterten Streits und einer Debatte, die vor zwanzig Jahren schon einmal geführt wurde – ohne Ergebnis.

          Im November 1992 veröffentlichte das Glamourmagazin „Vanity Fair“ ein Stück mit dem Titel „Mia’s Story“ über den bitteren Streit zwischen Allen und seiner damaligen Lebensgefährtin Mia Farrow um die gemeinsamen Kinder. Der Artikel beschrieb eine beunruhigende, aufdringliche Nähe zu Dylan, seiner gemeinsamen Adoptivtochter mit Farrow, und er beschrieb, wie die Siebenjährige ihrer Mutter erzählte, ihr Vater habe sie auf dem Dachboden intim berührt. Allen erschien in dem Stück als von seiner Familie gefürchteter Despot, als Filmgott, für den normale moralische und ethische Grenzen nicht galten. Die amerikanische Öffentlichkeit hielt die Luft an.

          Verlockend und tückisch

          Dumm nur: Auch Farrow kann kaum als moralische Glanzfigur gelten. Mit 24 wurde sie von dem Komponisten André Previn schwanger, einem verheirateten Mann, dessen Frau Dory mit „Beware of Young Girls“ später einen bitteren Song über den Betrug schrieb. Und 2013 sollte sie behaupten, ihr erster Ehemann Frank Sinatra sei „möglicherweise“ der Vater ihres Sohns Ronan, geboren 1987 – damals war Farrow mit Allen verbandelt, Ronan galt als leiblicher Sohn Allens und Farrows, und Sinatra war mit seiner vierten Frau Barbara verheiratet.

          Dylan, die Tochter, die Allen jetzt abermals des sexuellen Missbrauchs beschuldigte

          Aber 1992 schien Farrow Oberwasser zu haben. Kurz zuvor hatte sie von einer sexuellen Beziehung zwischen Allen und ihrer Adoptivtochter Soon-Yi Previn erfahren – durch Nacktfotos der jungen Frau, die Allen, damals 56, aufgenommen hatte. Ronan Farrow sagte über Allen und Soon-Yi: „Er ist mein Vater und verheiratet mit meiner Schwester. Damit bin ich sein Sohn und sein Schwager. Das ist eine ungeheure moralische Grenzüberschreitung.“ Mia Farrows Emotionen mochte man sich kaum ausmalen. Die Medien sprachen von einem „Zusammenbruch“ der Schauspielerin, und eine sehr private und schwierige Familiengeschichte wurde zum öffentlichen Melodram.

          Allen bestritt die Vorwürfe; er erklärte sie mit der Bitternis Farrows über die Trennung und seine neue Beziehung. Er wurde nie angeklagt, weil Dylans Schilderungen von den Ermittlern für „nicht beweiskräftig“ befunden wurden. Doch der Bezirksanwalt bekundete, er habe einen „hinreichenden Verdacht“, dass Dylans Aussagen glaubwürdig seien. Das war weder ein Frei- noch ein Schuldspruch.

          Es war so verlockend wie tückisch, Partei zu ergreifen: War Allen nicht als Neurosenbündel bekannt, der eine Armada von Psychotherapeuten beschäftigte? Andererseits: Hatte Farrow nicht eine wahre Mutterschaftsmanie, mit einer insgesamt fünfzehnköpfigen Schar von leiblichen und aus Krisensituationen heraus adoptierten Kindern, darunter ein Crack-Baby, ein blindes Mädchen, ein ausgesetztes Kind aus Vietnam, einen an Cerebralparese erkrankten Jungen?

          Nicht die haltlose Hysterikerin, die mancher erwartete

          Ich habe Allen und Farrow in Interviews kennengelernt. Allen war in der Woche nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als kein amerikanischer Filmstar fliegen wollte, nach Deutschland gekommen – ein offenbar aufgeräumter, kluger und offener Mensch. Er gab unumwunden zu, dass er „fahrlässiger Grausamkeit“ schuldig sei: „Ich bin bisweilen sehr unsensibel im Umgang mit Leuten, und ich habe dadurch schon Leuten weh getan.“ Und er sprach offen über seine Beziehung zu Soon-Yi: „Man sieht nur vereinzelt Beziehungen, in denen Menschen emotional, sexuell und praktisch erfüllt sind, aber es passiert, mit viel Glück. Mir ist es sehr spät im Leben widerfahren – mit einer Frau, die viel jünger ist als ich, keinen Schimmer von meinem filmischen Werk hat, die nichts übers Showbusiness weiß, aus Korea kommt und nicht mal im entferntesten das Aussehen meiner Traumfrau vorweist. Aber wir lieben uns innig, haben zwei Kinder, und es funktioniert phantastisch!“ Das war nicht der kauzige Verklemmte, den man sich vielleicht heimlich ausgemalt hatte.

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