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Vorwürfe gegen Woody Allen : Hollywoods rote Teppiche meiden

  • -Aktualisiert am

In der Defensive: Woody Allen und Soon-Yi Previn 2012 in New York Bild: AP

Die Missbrauchsvorwürfe gegen Woody Allen könnten Cate Blanchett den Oscar kosten. Wirft der Skandal einen (berechtigten) Schatten auf das mehrfach nominierte Drama „Blue Jasmine“?

          Schon die Oscar-Nominierungen vor vier Wochen ließen eines der spannendsten Rennen ahnen, das Hollywood je erlebt hat. Vielgelobte Anwärter wie das Drama des freien Afro-Amerikaners Solomon Northup, der als Sklave in den Süden verkauft wird („12 Years a Slave“), die Metamorphose eines aidskranken Medikamentenschmugglers in Texas („Dallas Buyers Club“) oder Sandra Bullock als dünnhäutige Astronautin in einem Weltraum-Kammerspiel („Gravity“) versprachen der amerikanischen Filmakademie bis zur Abgabe der Stimmzettel am 25. Februar gleich Dutzende schlaflose Nächte.

          Inzwischen treibt die etwa 5.700 stimmberechtigten Mitglieder aber auch ein Trauerspiel über verschmähte Liebe, angeblichen sexuellen Missbrauch und Staatsanwälte um, das nicht auf dem Wahlschein steht. Seit Woody Allens Adoptivtochter Dylan Farrow vor zwei Wochen überraschend die mehr als 20 Jahre alten Missbrauchsvorwürfe gegen den Filmemacher wiederholte, überlegt Hollywood, ob der neu entfachte Skandal auch einen Schatten auf Allens Film „Blue Jasmine“ wirft. Oder zumindest werfen sollte.

          Keine Familienangelegenheit

          Wie in den vergangenen fast vier Jahrzehnten, in denen die Academy of Motion Picture Art and Sciences (Ampas) den Achtundsiebzigjährigen mehr als 20 Mal nominierte und mit vier Oscars auszeichnete, geht Allen auch in diesem Jahr gleich mehrfach ins Rennen. Die Akademie hatte ihn zwei Wochen bevor Farrow ihren offenen Brief in der „New York Times“ veröffentlichte, für einen Drehbuch-Oscar vorgeschlagen. Allens Titelheldin Cate Blanchett war gerade als entgleiste Gesellschaftsdame Jasmine Francis in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ nominiert worden.

          Dass Farrows Vorwurf des sexuellen Missbrauchs durch ihren Adoptivvater auch nach Einstellung der Ermittlungen im Jahr 1993 keine Familienangelegenheit blieb, garantierte nicht nur die Veröffentlichung in der „New York Times“. „Was hättest Du getan, wenn es Dein Kind getroffen hätte, Cate Blanchett?“, fragte die Schriftstellerin vielmehr in Richtung der aktuellen „leading lady“ ihres Adoptivvaters, als sie zum Schlag gegen die amerikanische Filmindustrie ausholte.

          „Cate Blanchett sollte sich so weit wie möglich von allem fernhalten“

          „Meine Qual wurde von Hollywood noch verstärkt. Bis auf wenige haben alle die Augen verschlossen. Schauspieler priesen ihn bei Preisverleihungen, Sender zeigten ihn im Fernsehen, und Filmkritiker schrieben über ihn“, erinnerte sich die Achtundzwanzigjährige. Nach Anschuldigungen im Sommer 1992, Allen habe die damals sieben Jahre alte Dylan auf dem Dachboden im Haus ihrer Adoptivmutter Mia Farrow missbraucht, hatte die Academy den Filmemacher für die Komödie „Ehemänner und Ehefrauen“ nominiert.

          Obwohl der Film wegen des Skandals um das abrupte Ende der Beziehung zu Allens Lebensgefährtin und Hauptdarstellerin Mia Farrow, wegen seiner neuen Liebe zu Farrows Adoptivtochter Soon-Yi Previn und wegen der Missbrauchsvorwürfe in ungewöhnlich vielen Kinos gezeigt wurde, gab es keine Trophäen. Weder erhielt Allen für das Drehbuch noch Judy Davis in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ damals den Oscar.

          „Judy Davis wurde ein Opfer des Kreuzfeuers zwischen Mia und Woody. Der Skandal war einfach zu roh und zu frisch“, sagte der amerikanische Filmkritiker Paul Sheehan. Der Kritiker Daniel Montgomery meint jetzt, Cate Blanchett drohe bei den 86. Academy Awards am 2. März ein ähnliches Schicksal. „Es ist zwar nicht fair, aber ihr könnte durch die Nähe zu Allen eine Mitschuld unterstellt werden. Sie sollte sich so weit wie möglich von allem fernhalten“, sagte Montgomery.

          Die Familienbande sind kaum noch zu entwirren

          Die „sittlichen Vergehen“, die Allens Sohn Ronan Farrow dem Filmemacher angesichts der engen Bande zu seiner Adoptivschwester Soon-Yi Previn vorhält, hallen in Hollywood dagegen nur leise nach. Nach Mia Farrows Verbindungen zu Prominenten wie Frank Sinatra, dem deutsch-amerikanischen Musiker André Previn und Allen sowie der Erziehung von vier leiblichen und elf Adoptivkindern sind die Familienbande kaum noch zu entwirren. „Woody Allen ist mein Vater, der mit meiner Schwester verheiratet ist. Das macht mich gleichzeitig zu seinem Sohn und seinem Schwager“, schimpfte Ronan Farrow.

          Als Mia Farrow vor einigen Monaten andeutete, dass vermutlich nicht Allen, sondern ihr verstorbener früherer Ehemann Sinatra der Vater des 28 Jahren alten Juristen ist, wurde ein weiteres Kapitel in der bewegten Familiengeschichte aufgeschlagen, in der auch die deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter einen Platz findet. Während der inzwischen wieder geschiedenen Ehe mit dem Komponisten Previn, dem Adoptivvater von Allens Ehefrau Soon-Yi Previn, nahm Anne-Sophie Mutter zumindest vorübergehend die Rolle einer Schwiegermutter des 28 Jahre älteren Filmemachers ein.

          Blanchett übt sich in Schadensbegrenzung

          Da Mia Farrow bei anderen Sexualstraftaten in ihrer Nähe auffällig stumm blieb, vermuten die Kommentatoren des Filmportals „goldderby.com“ hinter Dylan Farrows verspätetem Missbrauchsvorwurf vor allem einen Racheakt ihrer Adoptivmutter. Als Roman Polanski, mit dem sie im Jahr 1967 den Thriller „Rosemaries Baby“ drehte, einige Jahre später den „rechtswidrigen Geschlechtsverkehr“ mit einer Dreizehnjährigen gestand, hielt Farrow zu ihm.

          Selbst der Fall ihres Bruders John Villiers-Farrow, der zwei Jungen sexuell missbrauchte, entlockte der Schauspielerin bei der Verurteilung im vergangenen Oktober nicht einen ihrer gefürchteten Tweets. Auch Allens „Blue Jasmine“ Blanchett übt sich nach Dylan Farrows Versuch, sie in den Familienstreit hineinzuziehen, in Schadensbegrenzung. „Für die Familie war das Ganze offenbar eine lange und schmerzhafte Erfahrung. Ich hoffe, dass sie doch noch eine Lösung findet“, sagte die Schauspielerin. Bis zur Oscar-Nacht will sie dennoch zur Sicherheit einen weiten Bogen um Hollywoods rote Teppiche machen.

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