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Geschickte Diplomatin: Pauline in einer zeitgenössischen Darstellung Bild: Picture-Alliance

Fürstin Pauline zur Lippe : Mit Mut und Ausdauer

Vor 200 Jahren starb die bemerkenswerte Fürstin Pauline zur Lippe. Sie hat sich in einer von Männern dominierten Welt nicht nur behauptet, sondern Respekt verschafft.

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          Vor wenigen Jahren befragte die „Lippische Landeszeitung“ ihre Leser, wer für sie die bedeutendste Persönlichkeit Lippes sei. Nicht Arminius, der Sieger der Varusschlacht, gewann, auch nicht der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder. Mit weitem Abstand auf Platz eins kam Pauline. Fürstin Pauline zur Lippe. Historikern gilt sie als bedeutendste Herrscherin Lippes; sie regierte das Fürstentum von 1802 bis 1820 in Vertretung ihres noch unmündigen Sohns Leopold.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Das Lipperland ist erst Anfang 1947 zu Nordrhein-Westfalen gekommen. An die große Geschichte des mit Abstand kleinsten Landesteils erinnert die lippische Rose im Wappen, was schön zum lippischen Landesbewusstsein passt. Dass dieses Bewusstsein noch immer ausgeprägt ist, hat auch damit zu tun, dass die Grenzen des heutigen Kreises Lippe weitgehend mit jenen des einstigen Fürstentums übereinstimmen. Und dass der kleine Staat gegen alle Wahrscheinlichkeit lange souverän bleiben konnte, ist wiederum der resoluten Pauline zu verdanken, die am 29. Dezember vor 200 Jahren starb.

          Zeitgenossen meinten, Pauline habe lediglich ein größeres Reich gefehlt, um in der Geschichte Verwandten wie Katharina II. von Russland als ebenbürtig an die Seite gestellt zu werden. Paulines Nachfahre, der heutige Detmolder Schlossherr Stephan Prinz zur Lippe, hält nichts von solchen Überhöhungen. Aber in die Reihe starker Europäerinnen gehöre Pauline zweifellos: „Sie hat sich in einer von Männern dominierten Welt nicht nur behauptet, sondern allenthalben Respekt verschafft.“

          Coup mit Hilfe einer Frauenfreundschaft eingefädelt

          Im Standardwerk zur lippischen Landesgeschichte schreibt Erich Kittel: „Als ringsumher die alten Throne stürzten und neue staatliche Gebilde unter französischen Emporkömmlingen willkürlich geformt wurden, als das alte Heilige Römische Reich zu bestehen aufhörte, da blieb wie durch ein Wunder Lippe bewahrt.“ Um zu verhindern, dass sich Hessen oder Preußen Lippe einverleibten, betrieb Fürstin Pauline mit Geschick, Charme, Mut und Ausdauer die Aufnahme in den Rheinbund. 1807 reiste sie nach Paris, um bei Kaiser Napoleon die von ihr gewünschten Sonderregelungen auszuhandeln. „Die paulinisch-lippische Erfahrung lautet, dass ein westlich orientiertes Europa besser ist als ein preußisch orientiertes Deutschland“, sagt Stephan Prinz zur Lippe. „Gerade heute hat diese Haltung wieder eine große Aktualität.“

          Der Chef des Hauses Lippe ist überzeugt, dass Pauline ihren Coup mit Hilfe einer Frauenfreundschaft und weiblicher Diplomatie einfädelte. Zur Vorbereitung ihrer Paris-Mission hatte sich Pauline nämlich mit Napoleons Frau Joséphine in Mainz getroffen. Pauline sprach schon als Kind perfekt Französisch. Mit 13 Jahren übernahm sie die französische Korrespondenz für ihren Vater, Friedrich Fürst von Anhalt-Bernburg, und unterstützte ihn bald darauf immer intensiver bei seinen Regierungsgeschäften. Das stellte sich später als ideale Schule für ihr Wirken in Lippe heraus.

          Aufmerksam verfolgte Pauline seit ihrer Jugend alles, was sich in Frankreich an politischen und sozialen Umbrüchen tat. In Mainz konnte sie deshalb mit Kaiserin Joséphine eine angeregte Konversation führen. „Joséphine hat dann bei Napoleon darauf hingewirkt, dass Lippe nicht dem wenig später neugegründeten Königreich Westphalen unter Napoleons jüngstem Bruder Jérôme zugeschlagen wurde, sondern er es als eigenständiges Land akzeptiert hat“, berichtet Prinz zur Lippe. Der Preis dafür war hoch. Das kleine Fürstentum musste Truppen für Napoleons Feldzüge stellen. Höchstpersönlich stickte die Fürstin auf die Fahne des „Bataillons Lippe von Paulinen“ ihren Wahlspruch „Muth und Ausdauer“.

          So vorausschauend Pauline 1806 den Beitritt zum Rheinbund eingefädelt hatte, so unklug lange zögerte sie nach Napoleons verheerender Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813. Erst im November gab die Fürstin bekannt, dass sie dem Rheinbund entsage. Es war ein Debakel. Pauline erlitt einen Nervenzusammenbruch, von dem sie sich nur langsam erholte, weshalb sie auch nicht am Wiener Kongress teilnehmen konnte. Doch während viele Kleinstaaten verschwanden, wurde Lippes Eigenständigkeit bestätigt. Mit Paulines Geschick hatte das dieses Mal nichts zu tun, sondern mit der Restaurationspolitik Österreichs und Russlands. „Nachdem die süddeutschen Rheinbundstaaten in Graden als Bundesgenossen angenommen waren, konnte man mit einem zur Umkehr bereiten Lippe nicht anders verfahren“, schreibt Kittel. Das Fürstentum existierte noch bis zur Novemberrevolution 1918, danach wurde Lippe nach beinahe 800 Jahren ununterbrochener lippischer Erbfolge zum Freistaat.

          Pauline betrieb nicht nur Außenpolitik mit Verve, ihr Interesse galt auch den inneren Angelegenheiten. In Lippe verfolgte die aufgeklärte Fürstin ein ambitioniertes Reform- und Sozialprogramm, setzte in ganz Europa beachtete Maßstäbe, als sie im Kampf gegen die Armut die erste Kinderbewahranstalt, einen Vorläufer des Kindergartens, und eine Vorform der Berufsschule gründete. Auch führte Pauline die Branntweinsteuer ein, um den Bau einer Heilanstalt für Geisteskranke zu finanzieren, sie schaffte die Leibeigenschaft ab und sorgte dafür, dass die Juden bürgerliche Rechte bekamen.

          2020 wollten die Lipper eigentlich als Pauline-Jahr feiern. Doch so gut wie alles, was geplant war, fiel der Corona-Pandemie zum Opfer: Die Aufführung des eigens neu geschriebenen Pauline-Musicals im Schlosshof musste ausfallen, nicht eröffnet werden konnte die komplett aufgebaute Sonderausstellung im Landesmuseum, bei der auch das Kleid gezeigt werden sollte, das Pauline bei ihrem Aufenthalt am Hof in Paris trug, als sie die Souveränität Lippes sicherte. Sobald es die Lage 2021 zulässt, soll so viel wie möglich nachgeholt werden.

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