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Matthias Erzberger : Ein später Kranz für den Demokraten

Im Jahr 1921: Erzberger auf einem Porträt aus der Vossischen Zeitung Bild: Getty

Vor 100 Jahren wurde Matthias Erzberger ermordet – lange wurde kaum an den Zentrumspolitiker erinnert. Den Politikern der jungen Bundesrepublik fiel es schwer, an die Erfolge der Weimarer Demokratie und an verdiente Demokraten zu erinnern.

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          In Deutschland sind noch immer etwa 400 Straßen nach dem ehemaligen Reichspräsidenten Paul Hindenburg benannt und nur etwa 100 Straßen nach dem früheren Reichsfinanzminister, Demokraten und Zentrumspolitiker Matthias Erzberger. Die Frage, wer Feind und wer Wegbereiter der Demokratie war, hat die Geschichte anders beantwortet.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Vor 100 Jahren wurde Erzberger auf der Kniebisstraße in der Nähe von Bad Griesbach im Schwarzwald von zwei ehemaligen Marineoffizieren im Auftrag der rechtsextremen „Organisation Consul“ ermordet. Sie war die Nachfolgeorganisation der „Marine-Brigade Ehrhardt“, deren Mitglieder sich 1920 am Kapp-Putsch beteiligt hatten. Die Ärzte fanden später acht Kugeln in Erzbergers Körper. Von 1921 bis zur Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 erinnerte an der Straße ein Holzkreuz oder Marterl an den Politiker. 1951 wurde dort der bis heute existierende Gedenkstein mit der knappen Aufschrift („Hier starb Matthias Erzberger – Reichsfinanzminister“) errichtet. An diesem Donnerstag wird neben dem Gedenkstein nun eine Tafel zur Erläuterung von Erzbergers Leben aufgestellt. Finanziert hat sie Meinrad Schmiederer, Inhaber des Hotels Dollenberg.

          Den Politikern der jungen Bundesrepublik fiel es schwer, an die Erfolge der Weimarer Demokratie und an verdiente Demokraten zu erinnern. Die Namen von Theodor Heuss, Friedrich Ebert und Reichsaußenminister Walther Rathenau von der DDP, 1922 ebenfalls von Mitgliedern der „Organisation Consul“ ermordet, wurden gelegentlich als demokratische Vorbilder genannt, Erzberger jedoch lange nicht. Sein Geburtshaus in Buttenhausen, einem Dorf im Lautertal auf der Schwäbischen Alb, ist seit 2004 eine Gedenkstätte. In Bad Griesbach gibt es neben dem Gedenkstein eine 1931 geweihte Kapelle. Die aus Spenden von Katholiken und Protestanten finanzierte Kapelle sollte eigentlich unmittelbar am Ort der Ermordung Erzbergers an der Kniebisstraße errichtet werden, aber in der politisch aufgeheizten Stimmung Anfang der Dreißigerjahre fürchteten die Initiatoren eine Schändung der Kapelle durch Rechtsextremisten so sehr, dass sie lieber auf dem Gelände des Kurhauses bauten. Weil es sich um ein Privatgelände handelt, ist die Kapelle derzeit für Besucher nicht zugänglich; an diesem Donnerstag wollen der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl und der ehemalige Finanzminister Willi Stächele (beide CDU) an dem Gedenkstein einen Kranz niederlegen, am Abend findet in Bad Griesbach ein Gedenkgottesdienst statt.

          Kritiker der Kolonialpolitik

          Als Unterzeichner des Waffenstillstandsabkommens von Compiègne und Kritiker der Kolonialpolitik war Erzberger nach den Worten des Theologen Ernst Troeltsch der „bestgehasste aller deutschen Politiker“. In der Bundesrepublik dauerte es Jahrzehnte, bis man zu einer angemessenen Würdigung fand. Anfang der Siebzigerjahre regte der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann an, die Erinnerung an die demokratische Tradition der ersten deutschen Republik nicht der DDR zu überlassen. In einigen Städten recherchierten Geschichtsvereine über den sozialdemokratischen Wehrverband „Reichsbanner“, mancherorts errichteten sie Gedenktafeln mit den Namen Ebert, Rathenau und Erzberger als Vertretern der Weimarer Koalition. Alex Möller, der aus der baden-württembergischen SPD stammende Bundesfinanzminister der sozialliberalen Koalition Willy Brandts, erinnerte mit einem schmalen Buch an den Zentrumspolitiker, auch eine Briefmarke zu seinen Ehren wurde aufgelegt. Doch diese ersten zaghaften Bemühungen fanden wenig Widerhall. In Münsingen, wenige Kilometer von Buttenhausen entfernt, sprachen sich die Lehrer des Gymnasiums noch 1988 und 1991 dagegen aus, ihre Schule nach dem Politiker zu benennen.

          Christopher Dowe, Kurator der Erzberger-Ausstellung in Buttenhausen, nennt für die späte Würdigung mehrere Gründe: „Die Nazis schafften es, die positiven Traditionen der Weimarer Republik erfolgreich zu unterdrücken und zu eliminieren. Die Rolle des Zentrums und des Reichsbanners geriet in Vergessenheit, nach 1945 war es schwer, daran anzuknüpfen. Es fehlte in der Nachkriegszeit auch eine nennenswerte gesellschaftliche Gruppierung, die sich für Erzberger einsetzte. Die neu gegründete CDU verstand sich als überkonfessionelle Partei, sie wollte keinesfalls zu zentrumsnah erscheinen, die protestantisch-konservative und die nationalliberale Tradition kamen hinzu. Somit war Erzberger damals keine Integrationsfigur für die Zukunft.“ Für Biographen und Historiker kam erschwerend hinzu, dass große Teile des Nachlasses – mit Einverständnis seiner Frau – 1933 aus Furcht vor den Nazis vernichtet worden waren; die Historiker müssen vieles aus den Quellen seiner Gegner rekonstruieren, für Ausstellungen gibt es nur wenige Dokumente.

          Als um die Jahrtausendwende Erzbergers Geburtshaus in Buttenhausen überraschend zum Verkauf stand, ergriff die damalige Landesregierung die Chance, endlich eine Erinnerungsstätte zu schaffen. Das Land kaufte das Haus, die von Erwin Teufel (CDU) geführte schwarz-gelbe Landesregierung legte im Koalitionsvertrag fest, in Buttenhausen eine Erinnerungsstätte für Erzberger und in Stuttgart eine für den Widerstandskämpfer Claus Schenk Graf von Stauffenberg einzurichten. Für Friedrich Ebert und Theodor Heuss gab es in Heidelberg und Stuttgart bereits Erinnerungsstätten, auch für den Hitler-Attentäter Georg Elser.

          Die Erinnerungsstätte in Buttenhausen ist nur an Sonntagen geöffnet, sie wird von einer örtlichen Geschichtsinitiative, dem „Haus der Geschichte“ in Stuttgart sowie der Gemeinde betreut. In der Ausstellung wird Erzbergers politisches Leben als Dokumentarstück nachgezeichnet. Am Todestag findet dort keine Veranstaltung statt, aber Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) will Erzbergers Haus Anfang September besuchen.

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