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Nach erstem Weltkrieg : Vor 100 Jahren hob der zivile deutsche Luftverkehr ab

Fellstiefel statt Heizung: Die ersten zivilen Flüge der deutschen Luftfahrt starteten in Berlin. Bild: dpa

Am 5. Februar 1919 begann der zivile Luftverkehr in Deutschland. In dem Nachkriegswinter war der Bahnverkehr immer wieder zusammengebrochen, weil Kohle fehlte und die Züge oder Schienen zu marode waren.

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          In Zeiten der Billigflieger, in denen die Beinfreiheit immer weiter schrumpft (man sieht sich schon mit den eigenen Knien ans Gesicht gepresst fliegen), hat die Luftfahrt viel von ihrer einstigen Faszination verloren. Da hilft es, auf die Anfänge des Fliegens zurückzuschauen – zum Beispiel auf den 5.Februar 1919, als der zivile Luftverkehr in Deutschland begann.

          Sarah Obertreis
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          An Bord des Berliner Doppeldeckers, nach Kriegsende für den zivilen Gebrauch umgerüstet, waren damals 4000 Zeitungen aus der Hauptstadt. Ziel war Weimar, wo die Nationalversammlung tagte. Dass es die Deutsche Luftreederei (DLR) überhaupt geschafft hatte, eine Genehmigung vom unterbesetzten Reichsluftamt zu erhalten, lag vor allem an der „sich immer weiter verschärfenden Verkehrsnot“, wie es im Antrag der DLR hieß. In dem Nachkriegswinter war der Bahnverkehr immer wieder zusammengebrochen, weil Kohle fehlte und die Züge oder Schienen zu marode waren. Die Telegrafenämter hatten äußerste Mühe, eingehende Nachrichten abzuarbeiten, wie es im Buch „Im Zeichen des Kranichs“ über die frühe Geschichte der Lufthansa beschrieben wird.

          Auch weil es an Fortbewegungsmöglichkeiten auf dem Boden fehlte, dauerte es nur fünf weitere Tage, bis vom Flugplatz Johannisthal der erste Doppeldecker mit Passagieren an Bord in Richtung Weimar abhob. Die Sonne schien, aber mehr als null Grad zeigte das Thermometer nicht an. Das Flugzeug hatte kein Dach, also bekamen die Passagiere Wollanzüge sowie Stiefel und Handschuhe aus Pelz. Auch Gesichtsmasken waren im Preis von 400 Mark inbegriffen.

          Im Museum Treptow sind mehrere Fundstücke des ehemaligen Flughafengeländes Johannisthal zu sehen. Hier begann vor 100 Jahren der zivile Luftverkehr mit Streckenflügen.
          Im Museum Treptow sind mehrere Fundstücke des ehemaligen Flughafengeländes Johannisthal zu sehen. Hier begann vor 100 Jahren der zivile Luftverkehr mit Streckenflügen. : Bild: dpa

          „Ich fühlte mich wie ein hilfloses Paket“, schrieb der Autor Hermann Breuer in einer Reportage über einen der ersten Flüge nach Weimar. Gerne hätte er sich mit einem guten Cognac Mut angetrunken, als er in den Sitz unter freiem Himmel kletterte.

          Aber Breuers Angst wich schnell, wie er in seiner Reportage schreibt. Was er dann tat, mitten im Flug über karge Felder, wäre heute nur noch am Boden möglich, würde man den Nothebel an den Einstiegsluken betätigen: „Ich beugte mich hinaus und lehnte betrachtend über der Bordbrüstung.“ Breuer sah sich schon dem Weltfrieden entgegen fliegen, so berauscht war er vor Begeisterung über das neuartige Gefühl im Magen beim Abheben.

          „Müssten nicht alle Menschen besser werden“, schrieb er, „wenn sie von Kindheit an gewöhnt wären, auf Erdenleid aus der Vogelperspektive zu schauen?“ Man sollte an Hermann Breuer denken, wenn man heute im Flieger sitzt, auf einem Mittelplatz ohne Beinfreiheit.

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