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Von Oscar bis Ullrich : Deutsche Wochenschau

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Auch in Friedenszeiten für Deuschland aktiv: Florian Henckel von Donnersmarck Bild: F.A.Z. - Illustration Gottfried Müller

Es sind seltsame Zeiten: Ein Adliger holt den Oscar, Jan Ullrich redet wirres Zeug, und Christian Klar wettert gegen das Kapital. Auf den ersten Blick hat dies nicht viel miteinander zu tun. Und doch erzählen all diese Geschichten auf ihre eigene Art etwas über uns Deutsche.

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          Die Woche war lebhaft und wahnsinnig deutsch. Alle unsere Lieblingsthemen waren dabei: Kinderkrippen, die Stasi, die RAF, die Nazis, deutsche Identität und sogar ein bisschen Porno. Aber der Reihe nach: Am vergangenen Sonntag waren wir noch mit der Frage befasst, ob Bischöfe Krippen herbeisehnende Mütter als Gebärmaschinen verunglimpfen und ob Ministerpräsidenten Bischöfe scherzhaft in die Nähe entmannter Berater-Kater rücken dürfen.

          In der darauf folgenden Nacht gewann „Germany“ (das sind wir) den Oscar, und prompt hatten wir eine Debatte am Hals, ob sich der Regisseur über die sensationelle Auszeichnung zu laut freut. Florian Henckel von Donnersmarck hatte bei der Verleihung nicht nur Deutschland, Bayern und Arnold Schwarzenegger gedankt, sondern in seiner Euphorie auch den Satz gesagt: „Wir sind Weltmeister.“ Es sei etwas Besonderes, den Oscar „für sein Land“ zu gewinnen. „In Friedenszeiten schaffen das sonst wahrscheinlich nur Sportler oder der Papst“, fügte er hinzu.

          Henckel von Donnersmarck als nationales Idol

          Man muss das nicht für wohlüberlegte Äußerungen halten - wann hätte der Papst je einen Oscar gewonnen? Aber der unverblümte Nationalstolz, der hier anklingt, ist bezeichnend für einen fortschreitenden Wandel. Wir tun inzwischen bei jeder Gelegenheit so, als seien wir wieder wer. Caroline Link saß vor drei Jahren im Schlafanzug mit ihrer kranken Tochter vor dem Fernseher, als sie von ihrem Oscar-Gewinn erfuhr. Die Presse gratuliete artig, und das war's. Diesmal drehten alle durch.

          „Der neue Held von Hollywood ist ein deutscher Lulatsch”

          Die Boulevardpresse feierte Henckel von Donnersmarck als nationales Idol. „Der neue Held von Hollywood ist ein deutscher Lulatsch“ jubelte der Prominenten-Egel Norbert Körzdörfer in „Bild“, als er sich zum Ehepaar Donnersmarck in die Limousine gezwängt und dem Jungstar das „Du“ aufgedrängt hatte. Nachdem er am Sunset Boulevard ausgesetzt worden war, blieb Körzdörfer siegestrunken: „Ein Deutscher lebt seinen Traum. Weil er an sich selbst glaubte - und sich nicht beirren ließ durch Zweifel. Solche Menschen braucht Deutschland.“

          „Ereignisse, die UNS zu einem WIR machen“

          Kolumnist Franz Josef Wagner schwärmte im gleichen Blatt von einem jener „aufblitzenden Ereignisse, die UNS zu einem WIR machen“. 1945 sei er als „Baby der Bösen“ geboren worden und „aufgewachsen, kein würdiges Mitglied der Weltgemeinschaft zu sein“. Doch Beckenbauer, Brandt, Ratzinger und nun eben Henckel von Donnersmarck hätten „uns weitergebracht“, freute sich der Autor und dankte der Academy of Motion Pictures für die Absolution: „Wie großartig, dass wir Deutschen wieder so angesehen sind.“

          Diesen Vereinnahmungsversuchen der Boulevardpresse und von Guido Westerwelle (“Wir sind Oscar“) standen Abgrenzungsbestrebungen jener Kritiker gegenüber, die Donnersmarcks fröhlich-deutscher Siegerstolz irritierte. Skeptiker der alten Schule fremdeln in diesem neuen Jubel-Deutschland, das jede Gelegenheit nutzt, seine Gewinner zu feiern. Der „Tagesspiegel“ monierte die „markig-patriotischen Sätze“, die „Zeit“ sah einen Sieger im „kulturellen Kampfanzug“ und fand ihn „unelegant und martialisch“. Die „Frankfurter Rundschau“ haderte, dass „ausgeprägter Ehrgeiz“ wohl „eine deutsche Tugend“ sei. Die „Junge Welt“ ätzte, der „schmierig-selbstherrliche“ Herr „von und zu“ habe sich „bei Arnold Terminator Todesstrafe“ bedankt.

          Fortschrittlicher als so manch ein Kritiker

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