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Früherer Diplomat zu Sofa-Gate : „Die EU zerfleischt sich öffentlich selbst“

Protokollarisches Fiasko: Während des Besuchs der EU-Führung in Ankara stellt die türkische Regierung nur einen Platz neben Erdogan bereit. Bild: EPA

Was steckt hinter dem protokollarischen Fiasko, das nun als „Sofa-Gate“ bezeichnet wird? Eine frauenfeindliche Haltung? Ein früherer Diplomat meint: Das Protokoll kennt kein Geschlecht.

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          Für den nächsten Besuch bei dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan muss sich Ursula von der Leyen eben einen Klappstuhl mitnehmen – so suggeriert es zumindest eine Fotomontage auf Twitter. Die Präsidentin der Europäischen Kommission hält darauf das hölzerne Stuhlgerüst wie eine Handtasche in ihrer rechten Hand und schreitet in Abendgarderobe über einen roten Teppich. Die Verbannung von der Leyens auf ein abseits stehendes Sofa während ihres Besuchs in Ankara vergangene Woche sorgte für Witzeleien, Entrüstung und Häme. War es ein politisch kalkulierter Affront Erdogans? Eine frauenfeindliche Demütigung?

          Johanna Christner
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Laut dem EU-Rat besaß die EU-Vorausdelegation keinen Zugang zu dem Prachtsaal, in dem Ursula von der Leyen ihr hörbar irritiertes „Ähm“ ausstoßen sollte: „Es fand eine kurze Besichtigung der Räumlichkeiten statt“, heißt es in einer am Donnerstag vom EU-Rat veröffentlichten Notiz, in der die Planung des Treffens beschrieben wird. Der Besprechungsraum sei jedoch „trotz unserer Bitten nicht zugänglich“ gewesen, weil er „als zu nah am Büro von Präsident Erdogan erachtet wurde“. Ansonsten hätte die EU-Seite vorgeschlagen, dass von der Leyen „aus Höflichkeit“ einen goldverzierten Sessel bekommen sollte – wie Ratspräsident Charles Michel auch.

          „Die Ursache für das Problem“

          Im Speisesaal hingegen sei man den Bitten der EU-Vertreter nachgekommen: Dort seien „die drei Stühle für die VIPs zugunsten der Kommissionspräsidentin in der Größe angepasst“ worden. Eine Erklärung für den nun als „Sofa-Gate“ bezeichneten Vorfall wurde auch von Charles Michel gefordert, der es sich auf dem feudalen Stuhl neben Erdogan gemütlich und nicht sofort gegen die Behandlung der Kommissionspräsidentin protestiert hatte. Doch er sei es immerhin gewesen, der vorgeschlagen hatte, dass von der Leyen mit auf das offizielle Foto des Treffens dürfe, heißt es vom EU-Rat. „Ursache für das Problem“ könne gewesen sein, dass „das Protokoll für Drittstaaten klar zwischen dem Status des Staatsoberhauptes, den der Präsident des Europäischen Rates innehat, und dem Status des Regierungschefs, den der Präsident der Kommission innehat“ unterscheide.

          Einer, der sich mit Benimmregeln auskennt, ist Wolfgang Schultheiss. Er ist Autor eines 2019 erschienenen Buchs über Umgangsformen – und schöpft darin aus seinen Erfahrungen als früherer Diplomat. Von 1974 bis 2010 arbeitete er für das Auswärtige Amt, war in jungen Jahren Botschafter in der Dominikanischen Republik und am Ende seiner Laufbahn in Athen. Die „harte Wahrheit“ sei: „Formal betrachtet stimmt es, dass der Präsident des EU-Rats höherrangig als die Kommissionspräsidentin Frau von der Leyen ist, obgleich geringfügig.“

          „Ein protokollarisch unfreundlicher Akt“

          Es wäre darüber hinaus ungewöhnlich und nicht protokollgerecht gewesen, wenn Michel mit von der Leyen Plätze getauscht hätte. Dennoch bezeichnet er den Vorfall in Ankara nicht nur als „Überraschung“, sondern auch als „Fehler“, als einen „protokollarisch unfreundlichen Akt“.

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