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Kinder, die erwachsen werden : Dann sind sie plötzlich groß - und weg

  • -Aktualisiert am

Wie konntet ihr nur so schnell erwachsen werden? Bild: Kat Menschik

Eben noch sind sie eingeschult worden. Plötzlich ziehen sie aus. In einem Vorabdruck aus ihrem neuesten Buch berichtet Silke Burmester über den Blues der Mütter, wenn Kinder erwachsen werden.

          7 Min.

          Verschwundene Jahre

          Der Mensch, den ich vor 17 Jahren geboren habe, steht in der Küche und brät sich ein Ei. Es ist Sonntag kurz nach drei Uhr am Nachmittag, ich sitze am Esstisch mit einer Tasse Tee und schaue auf dieses lange Etwas, wie es sein Frühstück zubereitet.

          Wie es dasteht und mit immer noch etwas kantigen Bewegungen das Ei rührt, ein Messer sucht, um das Brot zu schneiden, wie es mit beneidenswerter Ruhe Remoulade auf das Graubrot schmiert, eine Gurke aufschneidet und sich Milch einschenkt, während das Ei vor sich hin dunkelt.

          Ich blicke auf diese 194 Zentimeter, an denen T-Shirt und Jogginghose schlabbern, die nackten Füße, die nie zu frieren scheinen, sehe das hübsche, frische Jungsgesicht, die verwuschelten Haare, die mal wieder gewaschen werden könnten, und versuche zu begreifen, wo mein Kind geblieben ist.

          „Mein Kind“ - das ist etwas Kleines. Etwas Bedürftiges. Etwas, das mich braucht. Vor mir steht Ben und erzählt von seinem gestrigen Abend. Davon, dass sie in einen Club nicht hineingekommen sind, weil zwei Mädchen dabei waren, denen man ansah, dass sie noch nicht 18 sind. Davon, dass in der U-Bahn einer war, der komisch drauf, aber total lustig war und dem sie beim Aussteigen ein Bier geschenkt hätten.

          Dieser blonde Junge in meiner Küche

          Ich blicke auf diesen langen Menschen, der in wenigen Monaten volljährig sein wird, den das Gesetz damit für mündig erklärt und der dann jede Ansage von mir zum Teufel schicken kann, und möchte verstehen, wie das alles zusammenpasst. Das kleine Kind, das ich mal hatte, mit seinen Ringelshirts und diesen kleinen, ewig klebrigen Händen, die es mir immer ins Gesicht drückte.

          Dieser blonde Junge, der so bereitwillig die Hand ergriff, wenn man sich außerhalb der gewohnten Umgebung bewegte. Wie dieses unglaublich süße vierjährige Wesen, das als „Ringo Starr“ auf Pappkartons Konzerte gab, während ich die kreischenden Mädchen spielte, wie das zusammenpasst mit dem Menschen, mit dem ich heute zusammenlebe wie mit einem sehr angenehmen Mitbewohner.

          Jemand, bei dem ich mich nicht mehr aufrege, wenn er sonntags erst um drei Uhr aufsteht, weil ich denke, es ist ja sein Sonntagnachmittag. Jemand, den ich frage, ob er heute Abend mitisst oder ob er unterwegs sein wird. Jemand, dem ich sage, er sei mit Badputzen dran, und den ich bitte, die Gläser in seinem Zimmer zusammenzusuchen, weil wir langsam keine mehr haben. Und der das dann tut.

          Ich sitze am Tisch mit meinem Tee und gucke Ben an, als könne ich die Antwort finden, wenn ich nur lange genug auf seine Bewegungen schaue, auf seine Gestik, auf seine großen Füße. Die Antwort darauf, wie das Heute und das Früher zusammenpassen. Wie etwas zusammenpasst, das sich wie Schwarz und Weiß gegenübersteht. Wie Laut und Leise, wie Watte und Beton.

          Wo sind die Jahre geblieben?

          Dabei kenne ich die Antwort genau. Und am liebsten würde ich sie ignorieren, denn sie benennt etwas, das verloren scheint: die Jahre dazwischen. Die Jahre zwischen dem Kleinkind und dem großen Wesen, das jetzt in der Küche steht und mir erzählt, wie sein Abend war und dass es gleich wieder abdüst, um sich mit seinen Freunden zu treffen.

          Ich frage mich, wo die Jahre geblieben sind. Ich habe das Gefühl, als hätte ich sie nicht gelebt. Als wäre, sie gelebt zu haben, ein Wissen, für das es keine Erinnerung gibt. Es gibt nichts, das greifbar ist, außer ein paar Bilderfetzen und einigen wenigen Begebenheiten, die der Kopf dankenswerterweise bewahrt hat.

          Ich schaue auf Ben, und es ist, als sei das Abtasten mit den Augen der Versuch, diese Jahre wiederzufinden. Das festzuhalten und dingbar zu machen, was sich wie ein Gas einfach verflüchtigt hat und in absehbarer Zeit vollends beendet sein wird: unsere gemeinsame Zeit.

          Die erste Abiprüfung

          Ich wache auf und bin augenblicklich wachkrankaufgeregt. Heute schreibt mein Sohn Abitur. Heute ist die erste von drei schriftlichen Prüfungen. Obwohl ich finde, dass mein Kind am Tag seiner Abiturprüfung bei seiner Mutter sein sollte, ist Ben bei seinem Vater. Es ist Vaterwoche.

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