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Vom Versager zum Überflieger : Jeder kann fallen, jeder aufsteigen

Heute verbreitet Yigit Muk keine Angst mehr, sondern Hoffnung. Bild: Andreas Pein

Früher musste man sich, wenn einem Yigit Muk begegnete, vorsehen: Vom Schläger und Hauptschulversager zum Gymnasiasten mit Einser-Abi. Was können wir von seiner Geschichte lernen?

          7 Min.

          Yigit Muk ist ein sympathischer junger Mann, der mit seinen 27 Jahren bereits einen erstaunlichen Weg hinter sich hat. Darüber hat er jetzt ein Buch geschrieben, und wie wichtig dieser Mann, diese Geschichte und dieses eher mittelmäßige Buch tatsächlich sind, begreift man erst, wenn man sich an einem frühen Freitagabend im November in ein Einkaufszentrum in Berlin-Neukölln begibt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwischen Rolltreppe und Billigklamotten-Läden im ersten Stock sind ein paar Bänke aufgestellt, wenige Meter entfernt strömen Menschen in den obligatorischen Elektromarkt. Überall Bewegung, Stimmen, harsches Neonlicht. Eigentlich kein Ambiente für eine Lesung. Trotzdem reichen die Sitzplätze nicht aus. Fast hundert Menschen wollen hören, wie Yigit Muk einige Passagen vorliest aus „Muksmäuschenschlau. Wie ich als Hauptschulproll ein Abi mit 1+ hinlegte“ (Bastei Lübbe, 9,99 Euro). Dann ist das Publikum an der Reihe. Als Erster tritt ein Mann ans Mikrofon, der sich als Lehrer vorstellt. Er lädt Muk an seine Schule ein. Der Einser-Abiturient Muk, der inzwischen Wirtschaftswissenschaften studiert, nickt freundlich. „Die Zeit nehme ich mir“, sagt er. Applaus brandet auf.

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          Später bildet sich eine Schlange vor dem Stehtisch, an dem Muk Bücher signiert: blonde Studentinnen, Rentnerinnen, muskelbepackte Halbstarke, die Basecap nach hinten gedreht. Einer der Kumpel von früher erzählt, er habe gedacht, „der spinnt“, wenn Muk sich nach dem Training verabschiedete, um fürs Abi zu lernen. Ein ehemaliger Grundschullehrer hat ein Klassenfoto mitgebracht, Jahrgang 1994/95: Yigit Muk ist der Zweite von links ganz hinten, langer Pony, verträumter Blick. „Der war so’n kleiner, zarter Kerl“, sagt der Mann und streckt die Hand auf Hüfthöhe aus.

          Zwei Deutschtürkinnen aus Hannover, die in Berlin studieren, wollen wissen, wie Muk es geschafft hat - von der Straßengang an die Universität. In ihrem Umfeld gebe es viele, denen das nicht gelinge, sagen sie: „Es ist schwer.“ Zwei Achtklässlerinnen, die ein Neuköllner Gymnasium besuchen, beknien den Autor, ihre Klasse zu besuchen, weil die „schlimmen Faxen“ ihrer Mitschüler den Unterricht torpedierten - obwohl die Elternsprecherin mit jeder Familie telefoniert habe und Playstation-Verbote verhängt worden seien. Eines der Mädchen fleht förmlich: „Ich hoffe, wenn du da bist, passiert irgendwas.“

          Stadtteile sehnen sich nach einer Art Heilsbringer

          Zwei Frauen mit Kopftüchern verwickeln Muk in ein längeres Gespräch auf Türkisch. Sie erhoffen sich Tipps: „Wie können wir unsere Kinder motivieren?“ Offenbar ist es auch im Jahr 2015 nicht selbstverständlich, dass ein Junge aus einer bildungsfernen türkischstämmigen Familie in Deutschland eine erfolgreiche Schullaufbahn hinlegt. Zugleich wird mitten in der Flüchtlingskrise deutlich: Wenn es jahrzehntelang an einer beherzten Integrationspolitik fehlt, sehnen sich ganze Stadtteile nach einer Art Heilsbringer, der dabei helfen könnte, aus zarten Zweitklässlern mit Pony und verträumtem Blick Leistungsträger der Gesellschaft zu machen, bevor sie zu Schulversagern und Gewalttätern werden.

          „Wichtig ist, dass sie verstehen, dass ihnen der Weg offen ist“, sagt Yigit Muk. „Der eine hat es schwerer, der andere hat es leichter. Aber in Deutschland sind die Türen nie zu. Jeder ist seines Glückes Schmied.“

          Die Geschichte des Yigit Muk beginnt mit einem Abstieg. Der Junge, der nie einen Kindergarten besucht hat, kommt mit miserablen Deutschkenntnissen in die Schule, und die Erfolgserlebnisse, die ihm versagt bleiben, holt er sich bald auf der Straße: Dort zählen Muskeln, und wer sich in einer Prügelei behauptet, weil er zuerst zuschlägt, dem ist Anerkennung gewiss. Es sind die frühen Jahre des neuen Jahrtausends. Die Berliner Polizei betreibt ein eigenes Kommissariat speziell für Jugendgruppengewalt; das Schmerzmittel Tilidin, Beute bei Apothekeneinbrüchen, macht als Droge Karriere. Detlev Buck dreht den Spielfilm „Knallhart“, die Rütli-Schule wird mit einem Notruf wegen unhaltbarer Zustände berühmt. Yigit Muk, 13 Jahre jung, gründet mit Freunden die Gang R 44. Seine Vorbilder: die Drogendealer und Schutzgelderpresser im Kiez. Als er 15 ist, bitten jüngere Kinder ihn um Autogramme. Bisweilen gibt es drei, vier Schlägereien am Tag.

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