https://www.faz.net/-gum-7iln4

Vom Bodybuilder zum Künstler : Der Muskelmann, der sich selbst recycelt

  • -Aktualisiert am

„Fly or Die“: Kunst von und mit Martial Cherrier Bild: Patrice Maurin-Berthier

Martial Cherrier war der beste Bodybuilder Frankreichs. Dann streikte sein Körper. Jetzt macht er Kunst - sein Thema ist er selbst. Das, so sagt er, hat ihn gerettet.

          4 Min.

          Der Körper platzt gleich. Zumindest sieht er so aus. Die Muskeln sind aufgepumpt, alle Augen auf sie gerichtet, auf das festgefrorene Lächeln, die weißen Zähne, die chemischgebräunte Haut. Eine Jury bewertet, was unter monatelanger Schufterei, Schmerzen und strenger Diät geformt wurde. Der Narziss auf dem Prüfstand. Zwanzig Minuten lang ist er Superman - dann ist alles vorbei.

          Martial Cherrier liebte diesen Moment, der Bodybuilder brachte es bis zum „Champion de France“. Jetzt steht der 45 Jahre alte Franzose am Tresen des „Raw-Fitness-Studios“, es ist ein grauer Betonklotz im Industriegebiet des Pariser Vorortes Ballainvilliers. Seit 15 Jahren ist er ein Muskelprotz im Ruhestand. In seiner Kombination aus weißer Lederjacke, weißer Jeans und weißen Stoffschuhen wirkt er wie ein Überbleibsel aus den Neunzigern. Er passt gut in die Kulisse aus Plastiktonnen von Eiweißpräparaten, die grellpink und silbern glitzern. Das lichte Haar hat er sorgfältig mit Gel frisiert. Beim Gehen bleibt sein Oberkörper steif, schnelle Bewegungen bereiten ihm Mühe. „Ich bezahle jetzt für das, was ich meinem Körper angetan habe“, sagt er, ohne reumütig zu klingen.

          Mit der Kunst das Älterwerden verkraften

          Hierher, in den eher ländlichen Süden von Paris, ist Cherrier wegen der Geschäfte gekommen. Das Fitnessstudio laufe ausgezeichnet. „Die Leute sind hier nicht in Form“, sagt er. „Sie brauchen uns.“ Er begrüßt alle seine Kunden persönlich, meist sind es untersetzte Herren mit runden Bierbäuchen, stiernackige Mittdreißiger oder Hausfrauen in Pluderhosen. Er ist ihr Fitnesstrainer, ihr Berater, ihr Mentor. Aber eigentlich ist Martial Cherrier etwas ganz anderes. Eigentlich ist Martial Cherrier Künstler.

          Wie bei den Höhlenmalereien von Lascaux: Martial Cherrier

          Und zwar einer, der schon im weltweit angesehenen Pariser Foto-Museum „Maison Européenne de la Photographie“ ausgestellt hat. Und zwar sich selbst: Videos, Fotos, Collagen, Skulpturen seines eigenen Körpers. In der Reihe „Fly or Die“ hat er den Körper toter Schmetterlinge durch seinen eigenen ersetzt, auf leeren Eiweiß-Shake-Tonnen prangt sein fast nackter Torso, und für eine Videoinstallation jagt er eine Kamera durch seine Speiseröhre. Übernahe, verstörende und doch faszinierende Bilder. Diese Kunst ist mehr als ein narzisstischer Zeitvertreib, sie ist seine Therapie. Sie hilft ihm, das Älterwerden zu verkraften.

          Körperliche Stärke spielt in Cherriers Leben seit seiner Kindheit eine große Rolle. Der Sohn eines Konditors kommt mit einer Hirnhautentzündung zur Welt, seine gesamte Kindheit über leidet er immer wieder an seinem schwachen Immunsystem. Es ist eine Zeit voller Pillen, Spritzen und sterilen Krankenhauszimmern. Mit sechzehn beginnt er, Gewichte zu stemmen. „Je muskulöser ich wurde, desto besser fühlte ich mich.“ Die höhnischen Stimmen über sein schmächtiges Äußeres verstummten.

          Ein Augenblick zwischen Perfektion und Tod

          Martial will noch mehr von diesem Gefühl der Überlegenheit. Er will so massiv sein wie sein Idol Arnold Schwarzenegger als „Conan der Barbar“. Mit neunzehn bricht er seine Konditorlehre ab, verlässt die Provinz und seinen Vater und geht nach Amerika. „Venice Beach war damals das Mekka der Muskelmänner“, erklärt er.

          Dort trainiert er jeden Tag und verbannt mit einer komplizierten Diät alle Fette aus seinem Körper. Die letzten zwei Tage vor dem Schaulaufen trinkt er nichts mehr, damit die Haut so dünn wird wie Pergamentpapier und darunter jede Ader sichtbar wird. „Der Moment auf der Bühne ist der Augenblick zwischen Perfektion und Tod“, sagt Cherrier. Tatsächlich stehen viele bei Wettkämpfen wegen der Dehydrierung kurz vor einem Herzinfarkt. Für einen Titel nimmt Cherrier das in Kauf. „Als ich vor der Jury stand, hatte ich das Gefühl, über allen zu schweben“, erzählt er. „Niemand konnte mir etwas anhaben, so weit oben war ich.“ Daher die Schmetterlinge.

          Zurück in Frankreich, gründete er eine Familie. Sein Sohn Paul schämte sich, wenn der Vater ihn aus dem Kindergarten abholen kam. Die anderen Kinder schrien dann: „Ah, da kommt wieder Superman!“ Einmal fragte Paul seinen Vater: „Papa, kannst du nicht einfach normal sein wie alle anderen Väter?“ Cherrier konnte nicht - es war eine Sucht.

          „Ich bin Bildhauer und Skulptur zugleich“

          Ständig verschob er die Schmerzgrenze um ein paar Zentimeter. „Es war wie bei einem Kartenhaus“, sagt er. „Man fragt sich stets, wie weit man noch gehen kann, wie viel das fragile Gerüst noch aushält.“ Als Cherrier an die natürliche Grenze seines Körpers stößt, beginnt er, Anabolika zu spritzen. Bis heute sieht er darin nichts Verwerfliches: „Warum sollte man seinen Körper akzeptieren, wie ihn die Natur geschaffen hat, wenn man ihn doch verändern kann?“

          Therapie: Die Kunst ist für Martial Cherrier mehr als ein narzisstischer Zeitvertreib.

          Auf Französisch heißt Bodybuilding „culturisme“, das findet Cherrier interessant. „Man kultiviert seinen Körper, man formt ihn so, wie man ihn haben will. Ich bin Bildhauer und Skulptur zugleich.“ In seiner Logik sind Muskelbänke, Hanteln, Pillen und Spritzen das, was für einen Maler Pinsel und Leinwand sind. Er klingt, als wolle er nachträglich die Erlaubnis des Publikums für das, was er sich selbst angetan hat.

          1997 wird Cherrier „Champion de France“. Doch Herz, Knochen und Gelenke machen die dauernde Überanstrengung nicht mehr mit. Der Körper beginnt zu rebellieren, will zurück in seine natürliche Form. Bodybuilding wird für Cherrier zur Bedrohung. Ehemalige Mitstreiter sterben, andere bekommen Depressionen oder werden drogensüchtig. Noch im gleichen Jahr beendet er seine Karriere.

          Eine Fleischbeschau wie bei einem hochgezüchteten Bullen

          Er arbeitet weiter als Fitnesscoach, doch es fehlt etwas Fundamentales in seinem Leben: „Nach jeder Competition fühlte ich mich wie eine Schlange, die ihre alte Haut abwirft. Wie neugeboren.“ Plötzlich war es weg, dieses beflügelnde Gefühl, den Körper vollends zu kontrollieren, ihn zu verwandeln. Es fehlten die prüfenden Blicke der Juroren, die faszinierten Zuschauer im Publikum, die Reisen, die Fans, der Applaus. „Ich fühlte mich wie weggeworfen. Also begann ich, mich selbst zu recyceln.“

          Einer seiner Fitnesskunden bringt ihn auf die Idee, Fotos zu mache - Selbstporträts, die er ausstellt. Es wird ein Erfolg, Galeristen in ganz Europa werden auf ihn aufmerksam. Cherrier beginnt zu experimentieren, fertigt Abgüsse seines Oberkörpers an, dreht Videos. Es folgen Einzel- und Sammelausstellungen in London, Paris, Budapest, Rio, Moskau, Mailand und Buenos Aires. Für seine Werkreihe „Ètat d’urgence“, Ausnahmezustand, hat er sich ein letztes Mal in Form gebracht und für die Kamera posiert. Eine inszenierte Fleischbeschau, wie bei einem für die Schlachtung hochgezüchteten Bullen. Cherrier hat die Fotos aufgehängt, auf dem Kopf, an Fleischerhaken. Er mag das Morbide.

          Kunst zerfällt nicht - der eigene Körper schon

          In der Serie „Food or Drugs“ reflektiert er sein Verhältnis zu Doping. In Collagen und Installationen stellt er Magerjoghurt neben Dynabolon, klebt Cornflakes-Packungen neben Androlandyl, steckt Nandrolon in Marzipan. „Diese Medikamente werden in unserer Gesellschaft verteufelt“, sagt Cherrier. „Dabei hat der Mensch seit der Antike das Bedürfnis, sich durch Medikamente Superkräfte zu beschaffen, und er ist bereit, den Preis dafür zu bezahlen.“ Es gebe doch so viele legale Dinge, die viel schädlicher seien als Anabolika: Zigaretten, Alkohol, Zucker und Autoabgase etwa.

          Die Ausstellungen ersetzen die Bühne, stillen den Anerkennungsdrang. Mehr noch: Im Grunde habe ihn die Kunst gerettet, sagt Cherrier. Durch sie schafft er Dauerhaftes, etwas, das nicht mit den Jahren zerfällt, wie der eigene Körper. „Es ist wie bei den Höhlenmalereien von Lascaux: Kunst bleibt.“

          Weitere Themen

          Warum es Italien so schwer erwischt hat

          Coronavirus : Warum es Italien so schwer erwischt hat

          In Italien steigt die Zahl der Infektionsfälle täglich. Teile des Landes stehen unter Quarantäne, Verstöße werden strafrechtlich geahndet. Venedigs Karneval ist abgesagt, Profi-Fußballspiele fallen aus, die Mailänder Scala ist zu.

          Topmeldungen

          Bürgerschaftswahl : Satte Mehrheit für Rot-Grün in Hamburg

          In den Prognosen liegt die SPD mit großem Abstand vorn. Die Grünen verdoppeln ihr Ergebnis. Die CDU verliert, FDP und AfD müssen um den Verbleib in der Bürgerschaft bangen. Rot-Grün hätte eine komfortable Mehrheit.

          Coronavirus : Warum es Italien so schwer erwischt hat

          In Italien steigt die Zahl der Infektionsfälle täglich. Teile des Landes stehen unter Quarantäne, Verstöße werden strafrechtlich geahndet. Venedigs Karneval ist abgesagt, Profi-Fußballspiele fallen aus, die Mailänder Scala ist zu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.