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Ausfallende Volksfeste : Die Flucht aus dem Alltag

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O’zapft is nicht dieses Jahr. Ausfallende Volksfeste schlagen aufs Gemüt. (Archivbild) Bild: EPA

Das Münchner Oktoberfest: abgesagt. Der Dürkheimer Wurstmarkt, immerhin das größte Weinfest der Welt: ebenso. Volksfeste, die wegen der Pandemie ausfallen, fehlen sehr. Werden sie sich nach Corona ändern?

          3 Min.

          Fast das ganze Jahr über ist es nur eine Wiese, einige Hektar Leere am Rand der Stadt. Ein Platz mit nur einer Absicht: Sich einmal im Jahr, für eine Woche oder ein Wochenende nur, in einen Festplatz zu verwandeln. Wenn dann die Menschen auf die Lichter zuströmen, das Riesenrad von Weitem als Fixpunkt, wenn sie eintauchen in diese Reizüberflutung aus blinkenden Lichtern und Jahrmarktorgel-Gedudel, in dieses Gemisch aus Zuckerwatten- und Bratwurst-Geruch, dann ist wieder Volksfest-Zeit.

          Nun bleibt der Festplatz wohl noch länger leer. Das Münchner Oktoberfest: abgesagt. Der Cannstatter Wasen: fällt aus. Der Dürkheimer Wurstmarkt, immerhin das größte Weinfest der Welt: dito.

          Fast 10.000 Volksfeste gibt es in Deutschland, die je nach Region mal „Kirmes“ oder „Kerwe“, „Dult“ oder einfach „Markt“ heißen. Die meisten finden in dieser Saison entweder gar nicht oder in einer sehr eingeschränkten Form statt. Nachdem sich Jahrmarkt-Fans schon im vergangenen Jahr vertrösten mussten, bleibt ihnen auch 2021 nicht viel mehr, als sich an frühere Zeiten zu erinnern.

          Schunkelnde Massen im Bierzelt

          Doch was ist es, was die Menschen am Treiben zwischen Autoscooter und Geisterbahn so anzieht? Sacha Szabo, Unterhaltungswissenschaftler aus Freiburg und wohl einer der wenigen Volksfest-Theoretiker in Deutschland, macht sich darüber seit 20 Jahren Gedanken. Damals kam er zu seinem Thema, als er sich als Promotionsstudent eher zufällig nachts auf die Freiburger Mess’ verirrte. Man stelle sich den Spieltheoretiker vor, der seit Jahren nicht mehr auf dem Festplatz gewesen war, und der nun staunte über diese Ekstase wie über ein fremdes Wunderland. Was ihm auffiel: „All diese Maschinen“, sagt Szabo, „die anders als normale Maschinen kein materielles Gut produzieren. Sondern ein immaterielles: Vergnügen.“

          Der Dürkheimer Wurstmarkt findet – genauso wie andere Volksfeste – auch in diesem Jahr nicht statt. (Archivbild)
          Der Dürkheimer Wurstmarkt findet – genauso wie andere Volksfeste – auch in diesem Jahr nicht statt. (Archivbild) : Bild: dpa

          Der Festplatz als Ort, an dem herrlich Geld verprasst werden darf, an dem Normen nicht gelten und man in der Achterbahn laut herumschreien darf, an dem sich der Mensch vom Alkohol bis zu Fahrgeschäften den unterschiedlichsten Räuschen hingibt. Oder wie der Soziologe sagt: „Volksfeste sind notwendige Orte des Außeralltäglichen.“ Diese Orte seien sozialer Kitt, sagt Szabo, sie schüfen Identität und Gemeinschaft.

          Übertrieben? Wer mal in der schunkelnden Masse des Bierzelts aufging, wer mal nachts um eins mit den Schulkameraden auf die gemeinsame Freundschaft anstieß, der wird das verneinen. Die Volksfeste sind letztlich überall gleich – das Kettenkarussell ist überall das „höchste in Europa“, die Sprüche des Losbuden-Besitzers sind überall aufdringlich, „Gewinne! Gewinne! Gewinne!“, und je nach Region wird eben Bier oder Wein getrunken. Doch obwohl diese Feste austauschbar scheinen, fühlt man sich in den Gassen auf „seinem“ Fest dann doch irgendwie zu Hause.

          Volksfeste sind wie Offline-Tinder

          Und nicht wenige landen mit der Kirmesbekanntschaft aus dem nächsten Dorf vor dem Altar – Jahrmärkte seien optimale Dating-Orte, sagt Szabo. Ist es in der Jugend noch furchtbar kompliziert, einen intimen Körperkontakt herzustellen, dann ab in die Achterbahn: Wenn man sowieso schon in der engen Gondel sitzt, Schulter an Schulter, Knie an Knie, und die Fliehkräfte noch etwas nachhelfen, „dann ist es leichter, diese absichtliche Unabsichtlichkeit hinzukriegen, um den Arm um jemanden zu legen.“

          An der Pommesbude lotet man aus, ob man jemandem beim Essen zusehen kann – eine wichtige Voraussetzung –, und am Schießstand kann man testen, ob einem das Glück gewogen ist. Das Riesenrad wiederum ist der Ort für die entschleunigte Zweisamkeit. „Und wenn man bis dahin immer noch um die richtigen Worte ringt, dann greift man zum Lebkuchenherz, um auszudrücken, was man nicht auf der Zunge trägt“, sagt Szabo.

          In der Pandemie sei nun der Alltag selbst zum „Außeralltäglichen“ geworden: „Es fühlt sich an, als ob man im Karussell herumgewirbelt wird und man nur noch hofft, dass die Fahrt vorbei ist.“ Wenn vor Corona also die Festplätze halfen, den Alltag gerade in seiner schnöden Gegensätzlichkeit wahrzunehmen, dann drohen die Feste nun, diese Funktion zu verlieren. Wie werden Kirmes und Dult aussehen, wenn sie 2022, hoffentlich, nach drei Jahren wieder stattfinden? „Langfristig glaube ich, dass sich Volksfeste kaum verändern, weil sie Bedürfnisse ansprechen, die es vor Corona gab und auch danach geben wird“, sagt Sacha Szabo. Nämlich eine Ausflucht aus dem Alltag zu bieten.

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