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„Voice of Holland“-Skandal : „Lieber John, es sind nicht die Frauen schuld“

Im Skandal um sexuelle Übergriffe rückt der Medienproduzent John de Mol in den Mittelpunkt der Kritik. Bild: dpa

In einer TV-Sendung berichten zahlreiche Frauen von Übergriffen und beschuldigen prominente Männer aus dem niederländischen Showbusiness. Produzent John de Mol erklärt nun, er habe nichts gewusst – und erntet dafür heftige Kritik.

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          John de Mol ist aufgeregt, das sieht man sofort. Seine Hand zittert leicht, er drückt seine Finger zu einer Faust zusammen. Liegt es daran, dass der Medienmogul „echt schockiert ist“ über das, was er gerade ge­sehen hat? Oder dass er viel mehr über sexuelle Übergriffe in der von ihm er­fundenen Castingshow „The Voice of Holland“ weiß, als er in der Befragung durch den Journalisten Tim Hofmann zugibt?

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Die Niederländer sahen am Donnerstagabend nicht klassisch Fernsehen, um sich darüber eine Meinung zu bilden. Sie klickten auf Youtube die neue Folge von „Boos“ an, dem vielfach ausgezeichneten Onlineprogramm des öffentlich-rechtlichen Senders NPO. Die Sendung hatte das Land und seine Medienszene schon Tage vorher in Unruhe versetzt. Sie führte zu staatsanwaltlichen Ermittlungen, die Castingshow wurde unter­brochen, und die Niederlande führen jetzt ihre eigene MeToo-Debatte.

          Gerüchte über übergriffiges Verhalten hatte es länger gegeben

          Bis Freitagmorgen wurde „Boos“ (übersetzt: „wütend“) mehr als sieben Millionen Mal abgerufen – ein Rekord in jeder Hinsicht. Gerüchte über übergriffiges Verhalten hatte es offenbar schon länger gegeben. Doch die Redaktion des Onlinemagazins ging ihnen erstmals systematisch nach, nachdem sich zwei Frauen mit schweren Vorwürfen an sie gewendet hatten. Im vorigen Sommer rief sie Mitarbeiter und Teilnehmer einer „Talentshow“ auf, sich zu melden, wenn sie unangemessenes Verhalten erlebt oder beobachtet hätten.

          Es war schnell klar, dass es um „The Voice of Holland“ ging. Man habe mit 19 Frauen über sexuell einschüchterndes Verhalten des Bandleaders gesprochen, 15 Frauen hätten Ähnliches über einen Regisseur der Show berichtet, berichtet „Boos“. Weitere Anschuldigungen betrafen einen anderen Coach und Übergriffe auf Kinder in der Sendung „The Voice Kids“.

          Im Juli 2021: Linda de Mol und Jeroen Rietbergen. Nach Vorwürfen von sexuellen Übergriffen gegen ihren Partner hat de Mol ihre Beziehung beendet.
          Im Juli 2021: Linda de Mol und Jeroen Rietbergen. Nach Vorwürfen von sexuellen Übergriffen gegen ihren Partner hat de Mol ihre Beziehung beendet. : Bild: dpa

          Bei dem Bandleader handelt es sich um Jeroen Rietbergen, einen 50 Jahre alten Musiker. Er gehörte von Anfang an, seit dem Jahr 2010, zum Stammpersonal und entschied darüber, welche Songs die Kandidaten vortragen. Bei „Boos“ kommen mehrere Frauen anonym zu Wort. Eine berichtet, er habe ihr gesagt, sie solle in der Sendung „nicht so geil auftreten“, sonst werde er sie noch „bespringen“. Unvermittelt habe er anzügliche und ­vulgäre Bemerkungen gemacht, erzählen andere Frauen, er habe sogar Fotos seines Geschlechtsteils verschickt. Aus Angst um ihre Karriere hätten sie sich nicht getraut, sich darüber zu beschweren. Rietbergen selbst soll gesagt haben, man ­werde Kandidatinnen eh nicht glauben, wenn sie es versuchten.

          Der Bandleader nimmt nicht nur in der Show eine Schlüsselrolle ein, er ist auch eng mit der Familie de Mol verbunden. Seit 2008 war er mit Linda de Mol liiert, der Schwester des Produzenten, die selbst als Schauspielerin und Showmasterin bekannt ist. Als sie vorige Woche erstmals mit den Vorwürfen gegen ihn konfrontiert wurde, beendete sie die Beziehung und teilte mit, sie habe von all den schmutzigen Dingen „nichts gewusst“, und durchlebe nun einen „schrecklichen Albtraum“.

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          John de Mol gibt im Interview mit „Boos“ zu, dass er im April 2019 von anzüglichen Textnachrichten erfahren habe, die Rietbergen einer Kandidatin geschickt habe. Er sei erst sprachlos, dann wütend gewesen und habe den Musiker sofort zu sich gerufen. Wenn so etwas noch einmal geschehe, werde er ihn eigenhändig rauswerfen, habe er ihn gewarnt. Weder davor noch danach habe er jemals wieder von einem solchen Übergriff gehört, beteuert de Mol, nicht in Bezug auf seinen „Schwager“ noch auf irgendeinen anderen Mitarbeiter der ­Sendung – auch nicht von Marco Borsato.

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