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65 Jahre alte Mutter : Vierlings-Frühchen bleiben Hochrisikopatienten

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Der Direktor der Neonatologie an der Charité, Christoph Bührer (l.), und Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin, bei einer Pressekonferenz zur Situation von Annegret R. und ihren Kindern am Mittwoch in Berlin. Bild: AP

Die Schwangerschaft einer 65 Jahre alten Frau hatte eine Kontroverse ausgelöst. Nun sind die Vierlinge viel zu früh auf die Welt gekommen. Mediziner sprechen von „hochzerbrechlichen“ Kindern. Zwölf Mitarbeiter kümmern sich rund um die Uhr um die Frühchen.

          Die Mehrlingsgeburt durch eine 65 Jahre alte Frau ist nach Aussage der behandelnden Ärzte ohne besondere Komplikationen verlaufen. Annegret Raunigk und ihren vier Kindern gehe es nach einer Woche den Umständen entsprechend gut, erklärten Mediziner der Charité am Mittwoch in Berlin. Die vier Babys waren, nachdem bei der Mutter die Wehen eingesetzt hatten und nicht mehr zu stoppen waren, am Dienstag vor Pfingsten per Kaiserschnitt zur Welt gebracht worden. Zwei vermochten nach der Geburt – in der 26. statt wie üblich 40. Schwangerschaftswoche – spontan selbst zu atmen, zwei brauchen maschinelle Unterstützung. Bei dem Mädchen mussten Löcher im Dünndarm operativ geschlossen werden. Ernährt werden die vier Kinder mit Milch ihrer Mutter und anderer Frauen durch Magensonden und intravenös.

          Die alleinerziehende Lehrerin Raunigk war, bevor sie sich in der Ukraine Ei- und Samenzellen einsetzen ließ, schon Mutter von 13 Kindern und Großmutter von sieben. Jetzt hat sie fünf kleine und zwölf erwachsene Kinder. Sie hat einen Vertrag mit dem Sender RTL geschlossen, bei dem sie schon vor zehn Jahren mit ihrer damals jüngsten Tochter aufgetreten war, der nun die Geschichte der ältesten bekannten Vierlingsmutter vermarktet.

          In Deutschland ist die Eizellenspende verboten und, für Ärzte, strafbewehrt. Zu der Vorgeschichte der Entbindung dieser Kinder in der Charité mochten sich der Direktor für Geburtsmedizin, Wolfgang Henrich, und der Direktor für Neonatologie, Christoph Bührer, am Mittwoch nicht äußern. Raunigk habe sich ihnen anvertraut, und sie hätten beschlossen, „sich dieser Herausforderung zu stellen“, sagte Henrich.

          Mediziner äußerten sich skeptisch zu dem Fall

          Kollegen von ihnen hatten sich über den Fall Raunigk in den vergangenen Wochen skeptisch geäußert. Michael von Wolff, Reprodutkionsmediziner in Bern, plädierte im „Spiegel“ für eine Altersbegrenzung bei Eizellspenden von 45 bis 50 Jahren. Raunigks Frauenarzt Kai Hertwig sagte der „Berliner Zeitung“ im April: „Wir müssen mit aller Macht eine Geburt um die 24. Woche herum verhindern. Extreme Frühchen sind oft ihr Leben lang behindert“. Der Lübecker Mediziner Klaus Dietrich nannte den Fall Raunikg „unverantwortlich“. Er sagte der „Berliner Zeitung“: „Das ist genau das, was uns Reproduktionsmediziner in Verruf bringt.“

          Annegret R. vor zehn Jahren mit Tochter Lelia

          Die Charité-Ärzte hätten sich von Frau Raunigk von ihrer Schweigepflicht entbinden lassen, sagten sie. Fragen danach, wer die Kosten für die überaus aufwendige Sorge um die Frühgeborenen übernimmt, beantworteten sie nicht – zwölf Mitarbeiter sorgen rund um die Uhr für die Babys. Raunigk, die kurz vor ihrer Pensionierung steht, sei im Grunde „entlassungsfähig“, doch habe die Charité ihr, um die Nähe zu den Kindern in den Brutkästen zu erleichtern, gestattet, ihren Aufenthalt zu verlängern.

          „Sehr unreife Frühgeburten“

          Wann die Kinder, die bei der Geburt zwischen 655 und 960 Gramm wogen und zwischen 30 und 35 Zentimeter groß waren, aus der Intensivstation entlassen werden können, sei ungewiss. Bührer sagte, da ihnen fast 15 Wochen Schwangerschaft fehlten, müsse man damit rechnen, dass sie etwa so lange im Krankenhaus gepflegt werden müssten. Die „sehr unreifen Frühgeburten“ von Raunigk gelten trotz der relativ komplikationsarmen Geburt weiterhin als „Hochrisikopatienten“, sagte Bührer. Üblicherweise brauchten so früh geborene Kinder länger, die „Meilensteine der Entwicklung“ zu erreichen. Bei ihrer Einschulung seien laut Statistik 70 Prozent unauffällig.

          Henrich appellierte an die Reproduktionsmediziner, nicht „Mehrlinge zu generieren“, und an die Gesellschaft, Frauen das frühere Kinderkriegen schmackhaft zu machen. Schwangerschaften zwischen 22 und 32 Jahren seien „optimal“. Es sei besser, Frauen nicht in Konflikte zwischen Kinder und Karriere geraten zu lassen. Er rechnet nicht damit, dass sich eine Schwangerschaft wie die von Raunigk „in großem Stil wiederholen“ werde. Henrich wies darauf hin, dass solche Fälle im Ausland begonnen – und bezahlt – und in der Regel in deutschen Einrichtungen begleitet und bezahlt werden.

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