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Schauspieler und Existenzangst : Hartz IV statt Schickeria

  • -Aktualisiert am

Sprachrohr des Schauspieler-Prekariats: Heinrich Schafmeister, zweiter von links – hier als Teil der „Comedian Harmonists“, ist Vorstand der Schauspielergewerkschaft BFFS. Bild: dpa

Glamour und ein Leben im Luxus: Das gilt nur für die ganz großen Namen der Schauspieler-Branche. Die anderen kennen Unsicherheit und Existenzängste – und manche haben sich vom vermeintlichen Traumjob längst verabschiedet.

          Eigentlich war der Erfolgsweg planiert: Mit 13 Jahren bekam Christian Kahrmann eine Stammrolle in der „Lindenstraße“, spielte dort bis nach seinem Abitur für ein Millionenpublikum. Wenn es gut läuft, wird man so zum Star. Wenn es weniger gut läuft, steht man irgendwann hinter einem Tresen. Als nach der Jahrtausendwende die interessanten Rollenangebote ausblieben, ließ sich Kahrmann zum Barista ausbilden. In Prenzlauer Berg betreibt er nun seine Cafébar „Kahrmanns Own“. Kahrmann ist 42 und hat Familie. Mit zitternder Hand den Kontostand prüfen, sich bei Gagen-Verhandlungen hinter die Schmerzgrenze drücken lassen? Das wollte er nicht.

          Nur eine Minderheit der Schauspieler hat ein pralles Bankkonto. Der Rest pendelt zwischen Castings, Dschungelcamp und Arbeitsamt. Rund die Hälfte der deutschen Schauspieler verdient nicht mehr als 20.000 Euro brutto im Jahr. Viele halten sich mit Zweitjobs über Wasser, andere beziehen Hartz IV oder verarmen im Alter.

          „Der Glamour ist weg“

          „Der Glamour ist weg. Nur noch die bunten Gazetten tun so, als ob es Glamour gäbe“, sagte Kahrmann der „Süddeutschen Zeitung“. In der Seifenoper „Lindenstraße“ spielte er den Benny Beimer. Irgendwann hatte er genug, und Benny starb den Serientod. Heute hat Kahrmann auch von einem anderen Thema genug. Auf unsere Kontaktversuche antwortete er per E-Mail: „Ich habe keine Lust mehr, das Sprachrohr der deutschen Schauspieler zu diesem Thema zu sein.“

          Kein Leben hinter der Gage-Schmerzgrenze: Christian Kahrmann macht sich mit seinem Café „Kahrmanns Own“ selbstständig.

          Die Rolle des Sprachrohrs hat Heinrich Schafmeister inne. Er sitzt im Vorstand der Schauspielergewerkschaft BFFS und sagt: „Alle in unserer Branche haben Existenzangst, die Aussichten sind düster.“ Weil ihn die Wut packte, hat Schafmeister mal ein ganzes Filmset zusammengetreten. Mit seinen 57 Jahren ist er längst nicht mehr stolz darauf, doch die Drehbedingungen seien miserabel gewesen, und er konnte sich so Gehör verschaffen. Heute nutzt er statt der Füße scharfe Worte und kämpft damit für seine Kollegen.

          Seiner Einschätzung nach ist die Situation für Schauspieler in Deutschland schlechter als vor zehn Jahren. In diesem Zeitraum seien die Einkünfte der Schauspieler etwa um die Hälfte gesunken. „Bei mir ruft mindestens einmal pro Woche jemand an und fragt: Soll ich überhaupt noch weitermachen?“, sagt Schafmeister.

          Zwei Drittel kommen nicht über 30.000 Euro brutto

          Rund 15.000 Schauspieler leben in Deutschland. Zwar verdienen vier Prozent über 100.000 Euro im Jahr, doch mehr als zwei Drittel kommen nicht über 30.000 Euro brutto. Davon muss dann noch die Agenturprovision bezahlt werden, zudem schlagen professionelle Fotos oder die Produktion von Demovideos zu Buche. Die brauchen vor allem junge Schauspieler, weil es für sie bloß eine Währung gibt: Bekanntheit. Darum muss sich Schafmeister kaum sorgen. Selbst Gelegenheits-Fernsehgucker kennen ihn; vor allem aus den Serien „Wilsberg“ und „Wie erziehe ich meine Eltern?“. 1997 spielte er eine Hauptrolle im Kinofilm „Comedian Harmonists“.

          Benny Beimer mit Barista-Diplom: Christian Kahrmann war jahrelang Teil des Lindenstraße-Ensembles.

          Im Gegensatz zu anderen Gewerkschaftschefs, die im schweren Wagen zur Tarifverhandlung fahren, engagiert sich Schafmeister ehrenamtlich im Vorstand der Schauspielergewerkschaft. Die Lage der Branche erklärt er an einem Beispiel: „Die Budgets für den ,Tatort‘ sind auf dem gleichen Stand wie vor zwanzig Jahren, dabei ist in der Zwischenzeit alles teurer geworden. Wie soll das funktionieren?“

          Obwohl seine Karriere besser lief als viele andere, saß er schon etwa 70 Mal beim Arbeitsamt - wegen der Rente. Für ihn und die Gewerkschaft ein Reizthema. Die vor allem aus Krimiserien bekannte Schauspielerin Eleonore Weisgerber sollte für 45 Jahre Schauspielerei 965 Euro Rente im Monat bekommen. Zu wenig, fand sie, und hat vor zwei Jahren Einspruch gegen ihren Rentenbescheid erhoben. Das Urteil steht noch aus, notfalls will Weisgerber aber bis vors Bundesverfassungsgericht ziehen.

          Zerbrechliche Schauspielerexistenzen

          Übersehen wird bei den niedrigen Rentensätzen, wie zerbrechlich Schauspielerexistenzen oft sind. Anouschka Renzi spielte in Kinofilmen, auf großen Theaterbühnen und im „Tatort“. Am Telefon klingt sie wie eine Frau, die viele Lebensstromschnellen umschwimmen musste. Nein, in Geldnot sei sie nicht - Erbe, Erspartes. Sie kenne aber Kolleginnen, die von Hartz IV leben. Renzis Schicksal ist leichter: Sie muss statt einer Rolle manchmal sich selbst spielen. Man sah sie in den Reality-Fernsehsendungen „Das perfekte Promi Dinner“ und „Shopping Queen“. „Beim ,Promi Dinner‘ bekommt man 10 000 Euro in vier Tagen; ich möchte mal den sehen, der da nein sagt“, so Renzi. „Ins Dschungelcamp würde ich aber nie gehen, weil das entwürdigend ist.“ Auf die mindestens fünfstellige Gage kann nicht jeder verzichten. Winfried Glatzeder musste sein Dschungelhonorar angeblich erst mal in seine Gasheizung investieren.

          Für Renzi wendete sich das Blatt, nachdem sie öffentlich über ihre Schönheitsoperationen gesprochen hatte. Sieben Jahre später begann die Kabarettistin Désirée Nick, darüber Witze zu reißen. Danach war Renzi Dauerthema des Boulevards. Für Weltstars ist ein vermeintlicher Skandal eher karrierefördernd, für Renzi wird er zum Fiasko: Sie bekommt kaum noch Rollen angeboten. Ein schwerer Unfall sei der Auslöser für die Operationen gewesen, sagt Renzi Jahre später. Heute ist sie 50, die Sache liegt lange zurück, doch ihr Fehler ärgert sie noch immer: „Viele Kolleginnen haben etwas an ihrem Gesicht machen lassen, aber ich bin dummerweise die Einzige, die es zugegeben hat.“

          Fehler ihres Lebens: Anoushka Renzi hat sich öffentlich über ihre Schönheitsoperationen geäußert – und wurde durch den Kakao gezogen.

          Emotional wird sie auch, wenn es um die Arbeitslosenversicherung geht: „Ich habe dort zigmal so viel eingezahlt wie eine Verkäuferin, aber nie etwas herausbekommen“, sagt Renzi. Schauspieler gelten als Angestellte und zahlen in die Sozialkassen ein. Allerdings sind sie meist befristet beschäftigt und haben somit kaum eine Chance, Arbeitslosengeld I zu erhalten. Ein Schauspieler müsste dafür in zwei Jahren auf 180 Drehtage kommen, was den wenigsten gelingt.

          „Wir müssen Hartz IV beantragen“

          „Das Unfaire daran: Die Drehtage entsprechen nicht der eigentlichen Arbeitszeit“, sagt Schafmeister, „man muss sich für eine Rolle wochenlang vorbereiten, anreisen und, und, und.“ Seine Kollegin Muriel Baumeister sagte in einem Zeitungsinterview: „Alle denken, Schauspieler liegen pausenlos in Mallorca am Strand und gehen von einer Disco in die andere. Aber das ist Quatsch. Wir bekommen nicht einmal Arbeitslosengeld, sondern müssen Hartz IV beantragen.“

          Nudeln mit Aldi-Tiefkühlgemüse - wochenlang, jeden Tag. Diesen Geschmack wird Sarah Alles nie vergessen. Sie brach die Schule ab, um Schauspielerin zu werden. Es lief holprig, sie musste auch am Essen sparen. Lange arbeitete sie nebenher als Putzfrau und Kellnerin. Heute sagt sie: „Erst seit ein paar Jahren lebe ich wirklich nur von der Kunst, und ich weiß, dass das ein großes Privileg ist.“

          Niemand kann Nein zu fünfstelligen Gagen sagen: Tatort-Schauspieler Winfried Glatzeder verschlug es zu RTL ins „Dschungelcamp“.

          Bei Sarah Alles ist der Nachname Programm: Ihr fehlt nichts, was eine Schauspielerin braucht, um ein Star zu werden. Und doch: Eine richtig große Rolle war für sie bisher nicht drin - und nächstes Jahr wird sie dreißig. „Manchmal liegt es gar nicht am Spiel, sondern an der Haarfarbe oder anderen Dingen, die man nicht in der Hand hat“, sagt sie. Alles hatte einmal die Zusage für eine große Nebenrolle in einem Kinofilm. Zwei Stunden später klingelte das Telefon: „Tut uns leid, wir müssen absagen. Sie sehen der Hauptdarstellerin zu ähnlich.“

          Casting ohne Anreise

          Ohne Frustrationstoleranz ist das Leben für Nachwuchsschauspieler die Hölle. Mindestens 20 Bewerber kämen im Schnitt auf eine Rolle, sagt Alles. Die Produzenten setzen zunehmend auf Video-Castings. So konkurrieren noch mehr Schauspieler miteinander, weil die Anreise wegfällt. Beim Video-Casting filmen sich die Schauspieler selbst und schicken das Ergebnis an die Jury. Weil die Lichtverhältnisse und die Qualität der Kamera das Zünglein an der Waage sein können, findet Alles Video-Castings schwierig. Sie motiviert sich damit, dass ein Video-Casting ihrem Kollegen Tom Wlaschiha eine Hauptrolle in der Serie „Game of Thrones“ bescherte, die internationalen Kultstatus genießt.

          Doch sie hält eine Trumpfkarte in der Hinterhand, die ihre Karriere anschieben könnte: „In mir steckt eine kleine, fiese Kampfmaschine“, sagt Alles, die den Schwarzgurt im Karate trägt. Deshalb würde sie liebend gern in einem Actionfilm mitspielen, und der Bedarf an Heldinnen und Schurkinnen ist derzeit hoch. Oft werden solche Figuren von Starschauspielerinnen verkörpert, die Kampfszenen übernehmen dann Stunt-Frauen. Alles würde ohne Stunt-Frau auskommen. In Berlin wurde sie einmal von drei Männern überfallen, die mehr als nur ihre Wertsachen wollten. Einem der drei brach sie die Nase und überstand die Situation ohne einen Kratzer.

          Auch in Amerika haben viele einen Zweitjob

          Uwe Boll, 49, war schon dort, wo Sarah Alles nur mit viel Glück landen wird: im ganz großen Filmgeschäft. Obwohl man immer wieder hört, dass er der schlechteste Regisseur der Welt sei, zählt Boll zu den wenigen deutschen Filmemachern, die international erfolgreich waren und mit Hollywood-Stars drehen durften. „95 Prozent aller Schauspieler weltweit können von ihrem Job nicht leben“, sagt Boll. Global gesehen, ist die deutschsprachige Filmbranche nur mittelgroß. Zum Standortnachteil kommt der Sprachnachteil - wer kein Muttersprachler ist, hat es jenseits des Atlantiks doppelt schwer. Dort liegen die Goldkammern der Filmindustrie, doch Boll zufolge verdienen Schauspieler in Amerika eher weniger als hierzulande. In Deutschland hätten Produzenten oft drei Millionen Euro für ein Fernsehspiel zur Verfügung, das in den Vereinigten Staaten für zwei Millionen Dollar gedreht werden könnte. Über niedrige Gagen klagten auch amerikanische Schauspieler; die meisten hätten einen Zweitjob, sagt Boll.

          Regisseur Uwe Boll: In Amerika werden Schauspieler noch schlechter bezahlt.

          Immerhin ist man sich hierzulande über den Schuldigen einig. Wen man auch fragt: Für den eisigen Wind in der Branche werden die Fernsehsender verantwortlich gemacht. Der deutsche Filmmarkt ist stark senderabhängig. Laut dem ARD-Vorsitzenden Lutz Marmor wird derzeit bei allen Sendern gespart. Den Druck geben sie an die Produktionsfirmen weiter. Die Sender können Regisseuren und Produzenten ihre Bedingungen diktieren und bis ins Detail mitbestimmen. Die Redakteure wählten stets dieselben Schauspieler aus, sagte der ehemalige „Tatort“-Kommissar Gregor Weber der „Bunten“. „Weil sie faul und risikoscheu sind, nehmen sie nur die, die sicher funktionieren“, so Weber. Deren Gagen seien so hoch, dass für den Rest des Kreativpersonals wenig übrig bleibe.

          Die Schauspielergewerkschaft BFFS hat durchsetzen können, dass Berufseinsteiger nicht weniger als 750 Euro pro Drehtag verdienen dürfen. Nur scheinbar gutes Geld, da viele Schauspieler im Jahr bloß auf ein oder zwei Dutzend Drehtage kommen. Über die Schauspielerin Silvia Seidel etwa heißt es, berufliche Schwierigkeiten seien mitverantwortlich für ihre Depressionen gewesen. Mit 42 fand man sie 2012 tot in ihrer Wohnung, neben ihr lag ein Abschiedsbrief. Seidel war als Ballerina in der Serie „Anna“ zur Ikone geworden, hatte ihren Status aber nicht halten können. Auch finanziell hatte sie zu kämpfen; in einem Interview hatte sie erzählt: „Ich bin oft arbeitslos und weiß dann nicht, wovon ich die Miete bezahlen soll. Ich bin froh, überhaupt noch Arbeit zu bekommen, muss nehmen, was ich kriegen kann.“

          Koch statt Kamera, Kräuterlikor statt „Marienhof“

          Damit das eigene Konto über der schwarzen Null bleibt, wechseln Schauspieler mitunter den Beruf oder fahren zweigleisig. Sarah Alles synchronisiert nebenher Filme, Anouschka Renzi arbeitet gerade an einem Hörbuch. Beides Jobs, die dem Kernberuf ähneln, doch es gibt genügend Gegenbeispiele: Ex- „Tatort“-Kommissar Weber hat der Kamera den Rücken gekehrt und sich zum Koch und Feldwebel ausbilden lassen. Der aus „Marienhof“ bekannte Schauspieler Hendrik Borgmann stellt einen Kräuterlikör her, die Schauspielerin Anna Angelina Wolfers („Sturm der Liebe“) betreibt Boutiquen in Köln und Hamburg, Dirk Martens in Berlin einen Waschsalon.

          „Nach außen sollte man immer so tun, als würd’s einem echt bombig gehen“: Schauspielerin Nina Petri

          Nebenher als Unternehmer arbeiten - das sind die milden Schicksale. Schauspieler, die von Sozialleistungen leben, reden erst gar nicht mit der Presse. „Das soll keiner wissen, was man für eine Not hat. Nach außen sollte man immer so tun, als würd’s einem echt bombig gehen“, sagte die Schauspielerin Nina Petri in einer ZDF-Reportage.

          Wenn die Branche ächzt und der Glamour erlischt, merkt der Zuschauer lange nichts. Schauspieler wirken schöner, witziger, stärker als wir. Doch wie glaubhaft ist der Schurke im Maserati, wenn die Zuschauer wissen, dass sich der Schauspieler im echten Leben nicht mal dessen Reifen leisten könnte? Wie überzeugend wirkt die arrogante Schöne, wenn sie in der Realität die Existenzangst quält?

          Die wohligen Illusionen zerbrechen, sobald Schauspieler als Verlierer und Sozialabsteiger wahrgenommen werden. Deshalb haben ihre Anliegen wenig mit einem normalen Arbeitskampf gemein. Es geht um Leinwandzauber, Schönheit und Kunst. Es geht um alles.

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