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Schauspieler und Existenzangst : Hartz IV statt Schickeria

  • -Aktualisiert am
Regisseur Uwe Boll: In Amerika werden Schauspieler noch schlechter bezahlt.
Regisseur Uwe Boll: In Amerika werden Schauspieler noch schlechter bezahlt. : Bild: Hauri, Michael

Immerhin ist man sich hierzulande über den Schuldigen einig. Wen man auch fragt: Für den eisigen Wind in der Branche werden die Fernsehsender verantwortlich gemacht. Der deutsche Filmmarkt ist stark senderabhängig. Laut dem ARD-Vorsitzenden Lutz Marmor wird derzeit bei allen Sendern gespart. Den Druck geben sie an die Produktionsfirmen weiter. Die Sender können Regisseuren und Produzenten ihre Bedingungen diktieren und bis ins Detail mitbestimmen. Die Redakteure wählten stets dieselben Schauspieler aus, sagte der ehemalige „Tatort“-Kommissar Gregor Weber der „Bunten“. „Weil sie faul und risikoscheu sind, nehmen sie nur die, die sicher funktionieren“, so Weber. Deren Gagen seien so hoch, dass für den Rest des Kreativpersonals wenig übrig bleibe.

Die Schauspielergewerkschaft BFFS hat durchsetzen können, dass Berufseinsteiger nicht weniger als 750 Euro pro Drehtag verdienen dürfen. Nur scheinbar gutes Geld, da viele Schauspieler im Jahr bloß auf ein oder zwei Dutzend Drehtage kommen. Über die Schauspielerin Silvia Seidel etwa heißt es, berufliche Schwierigkeiten seien mitverantwortlich für ihre Depressionen gewesen. Mit 42 fand man sie 2012 tot in ihrer Wohnung, neben ihr lag ein Abschiedsbrief. Seidel war als Ballerina in der Serie „Anna“ zur Ikone geworden, hatte ihren Status aber nicht halten können. Auch finanziell hatte sie zu kämpfen; in einem Interview hatte sie erzählt: „Ich bin oft arbeitslos und weiß dann nicht, wovon ich die Miete bezahlen soll. Ich bin froh, überhaupt noch Arbeit zu bekommen, muss nehmen, was ich kriegen kann.“

Koch statt Kamera, Kräuterlikor statt „Marienhof“

Damit das eigene Konto über der schwarzen Null bleibt, wechseln Schauspieler mitunter den Beruf oder fahren zweigleisig. Sarah Alles synchronisiert nebenher Filme, Anouschka Renzi arbeitet gerade an einem Hörbuch. Beides Jobs, die dem Kernberuf ähneln, doch es gibt genügend Gegenbeispiele: Ex- „Tatort“-Kommissar Weber hat der Kamera den Rücken gekehrt und sich zum Koch und Feldwebel ausbilden lassen. Der aus „Marienhof“ bekannte Schauspieler Hendrik Borgmann stellt einen Kräuterlikör her, die Schauspielerin Anna Angelina Wolfers („Sturm der Liebe“) betreibt Boutiquen in Köln und Hamburg, Dirk Martens in Berlin einen Waschsalon.

„Nach außen sollte man immer so tun, als würd’s einem echt bombig gehen“: Schauspielerin Nina Petri
„Nach außen sollte man immer so tun, als würd’s einem echt bombig gehen“: Schauspielerin Nina Petri : Bild: dpa

Nebenher als Unternehmer arbeiten - das sind die milden Schicksale. Schauspieler, die von Sozialleistungen leben, reden erst gar nicht mit der Presse. „Das soll keiner wissen, was man für eine Not hat. Nach außen sollte man immer so tun, als würd’s einem echt bombig gehen“, sagte die Schauspielerin Nina Petri in einer ZDF-Reportage.

Wenn die Branche ächzt und der Glamour erlischt, merkt der Zuschauer lange nichts. Schauspieler wirken schöner, witziger, stärker als wir. Doch wie glaubhaft ist der Schurke im Maserati, wenn die Zuschauer wissen, dass sich der Schauspieler im echten Leben nicht mal dessen Reifen leisten könnte? Wie überzeugend wirkt die arrogante Schöne, wenn sie in der Realität die Existenzangst quält?

Die wohligen Illusionen zerbrechen, sobald Schauspieler als Verlierer und Sozialabsteiger wahrgenommen werden. Deshalb haben ihre Anliegen wenig mit einem normalen Arbeitskampf gemein. Es geht um Leinwandzauber, Schönheit und Kunst. Es geht um alles.

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