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Schauspieler und Existenzangst : Hartz IV statt Schickeria

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Nudeln mit Aldi-Tiefkühlgemüse - wochenlang, jeden Tag. Diesen Geschmack wird Sarah Alles nie vergessen. Sie brach die Schule ab, um Schauspielerin zu werden. Es lief holprig, sie musste auch am Essen sparen. Lange arbeitete sie nebenher als Putzfrau und Kellnerin. Heute sagt sie: „Erst seit ein paar Jahren lebe ich wirklich nur von der Kunst, und ich weiß, dass das ein großes Privileg ist.“

Niemand kann Nein zu fünfstelligen Gagen sagen: Tatort-Schauspieler Winfried Glatzeder verschlug es zu RTL ins „Dschungelcamp“.
Niemand kann Nein zu fünfstelligen Gagen sagen: Tatort-Schauspieler Winfried Glatzeder verschlug es zu RTL ins „Dschungelcamp“. : Bild: dpa

Bei Sarah Alles ist der Nachname Programm: Ihr fehlt nichts, was eine Schauspielerin braucht, um ein Star zu werden. Und doch: Eine richtig große Rolle war für sie bisher nicht drin - und nächstes Jahr wird sie dreißig. „Manchmal liegt es gar nicht am Spiel, sondern an der Haarfarbe oder anderen Dingen, die man nicht in der Hand hat“, sagt sie. Alles hatte einmal die Zusage für eine große Nebenrolle in einem Kinofilm. Zwei Stunden später klingelte das Telefon: „Tut uns leid, wir müssen absagen. Sie sehen der Hauptdarstellerin zu ähnlich.“

Casting ohne Anreise

Ohne Frustrationstoleranz ist das Leben für Nachwuchsschauspieler die Hölle. Mindestens 20 Bewerber kämen im Schnitt auf eine Rolle, sagt Alles. Die Produzenten setzen zunehmend auf Video-Castings. So konkurrieren noch mehr Schauspieler miteinander, weil die Anreise wegfällt. Beim Video-Casting filmen sich die Schauspieler selbst und schicken das Ergebnis an die Jury. Weil die Lichtverhältnisse und die Qualität der Kamera das Zünglein an der Waage sein können, findet Alles Video-Castings schwierig. Sie motiviert sich damit, dass ein Video-Casting ihrem Kollegen Tom Wlaschiha eine Hauptrolle in der Serie „Game of Thrones“ bescherte, die internationalen Kultstatus genießt.

Doch sie hält eine Trumpfkarte in der Hinterhand, die ihre Karriere anschieben könnte: „In mir steckt eine kleine, fiese Kampfmaschine“, sagt Alles, die den Schwarzgurt im Karate trägt. Deshalb würde sie liebend gern in einem Actionfilm mitspielen, und der Bedarf an Heldinnen und Schurkinnen ist derzeit hoch. Oft werden solche Figuren von Starschauspielerinnen verkörpert, die Kampfszenen übernehmen dann Stunt-Frauen. Alles würde ohne Stunt-Frau auskommen. In Berlin wurde sie einmal von drei Männern überfallen, die mehr als nur ihre Wertsachen wollten. Einem der drei brach sie die Nase und überstand die Situation ohne einen Kratzer.

Auch in Amerika haben viele einen Zweitjob

Uwe Boll, 49, war schon dort, wo Sarah Alles nur mit viel Glück landen wird: im ganz großen Filmgeschäft. Obwohl man immer wieder hört, dass er der schlechteste Regisseur der Welt sei, zählt Boll zu den wenigen deutschen Filmemachern, die international erfolgreich waren und mit Hollywood-Stars drehen durften. „95 Prozent aller Schauspieler weltweit können von ihrem Job nicht leben“, sagt Boll. Global gesehen, ist die deutschsprachige Filmbranche nur mittelgroß. Zum Standortnachteil kommt der Sprachnachteil - wer kein Muttersprachler ist, hat es jenseits des Atlantiks doppelt schwer. Dort liegen die Goldkammern der Filmindustrie, doch Boll zufolge verdienen Schauspieler in Amerika eher weniger als hierzulande. In Deutschland hätten Produzenten oft drei Millionen Euro für ein Fernsehspiel zur Verfügung, das in den Vereinigten Staaten für zwei Millionen Dollar gedreht werden könnte. Über niedrige Gagen klagten auch amerikanische Schauspieler; die meisten hätten einen Zweitjob, sagt Boll.

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