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Verschollen in der DDR : Wo ist Dirk?

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Dirk damals: Dieses Foto des Jungen wurde im Urlaub vor seinem Verschwinden aufgenommen. Bild: Repro Daniel Pilar

Dreieinhalb Jahre ist Heidi Steins Sohn, als er bei einem Urlaub im eisigen Winter 1979 in der damaligen DDR verschwindet. Die Mutter ist überzeugt davon, dass die Stasi dahintersteckt. Bis heute findet sie keinen Frieden.

          Im Leben mancher Menschen gibt es einen Moment, der alles verändert. Der alles trennt, in ein Davor und ein Danach. Heidi Stein ist so ein Mensch. Ihr Danach begann vor über dreißig Jahren, am 10. März 1979. Vormittags. Eigentlich war es nur diese eine Frage, die Stein ihrer sechs Jahre alten Tochter Silvia stellte, als sie zurückkam vom Spielen an einem kleinen Bach. Auf einem Parkplatz nahe Sangerhausen im Harz, damals noch DDR. Nur eine Frage: „Wo ist Dirk?“

          28 Jahre alt war sie damals. Heute ist sie 62. Mehr als ein halbes Leben lang schon stellt sie sich und anderen nun immer wieder diese Frage. Weil ihr Sohn, der damals dreieinhalb und ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war, den sie „mein kleines Teufelchen“ nannte, „weil er so bockig sein konnte“, seitdem nie mehr aufgetaucht ist. Weil die Ungewissheit sie zermartert. Ob Dirk lebt oder nicht. Wüsste sie zumindest von seinem Tod, dann fände sie vielleicht Ruhe. Aber sie hat nur düstere Ahnungen, Vermutungen - die schon früh nach dem Verschwinden in ihr keimten.

          Viele haben sie gedrängt im Laufe der Jahrzehnte, endlich damit abzuschließen. Ihr Mann von damals, Vater von Dirk, ihre beiden Töchter und auch ihre Mutter, der Stein entgegnete, dass es für sie ja nur ihr Enkel sei. Sein Kind aber könne man nie aufgeben. Den Töchtern, Silvia und Claudia, die zwei Jahre nach Dirk geboren wurde, sagte sie: „Für euch wäre es doch auch ein schönes Gefühl, wenn ihr je verschwinden würdet und ich würde euch immer suchen und nie vergessen.“ Ihrem Mann nahm sie übel, dass der, nach ihrer gemeinsamen Ausreise in den Westen 1988, ganz neu anfangen wollte. Endlich ohne ständige Gedanken an die Vergangenheit.

          Heidi Stein lebt heute mit ihrem Lebensgefährten vier Kilometer außerhalb der Gemeinde Isenbüttel, im flachen niedersächsischen Niemandsland zwischen Braunschweig und Wolfsburg. Sie bewohnt dort einen hölzernen Bungalow der Ferienhaussiedlung „Tankumer See“. Still ist es hier, Wald ringsum. Ein Refugium, das sie selten verlässt. Zweimal die Woche geht sie schwimmen. Und alle zwei Wochen zum Psychologen. Auch wegen ihres Verfolgungswahns gegenüber der Stasi, der in den Jahren diagnostiziert wurde.

          „Ich würde versuchen, ihn zu umarmen“: Heidi Stein.

          Sie kocht Kaffee. Draußen regnet es in Fäden vor dem Fenster des Wintergartens. Sie stellt die Kanne auf den Schreibtisch, zwischen die vielen Papiere, die dort ausgebreitet liegen. Flyer mit dem Bild ihres Sohnes, Abschriebe aus der Ermittlungsakte vom Tag des Verschwindens und der Folgezeit, die Strafanzeige, die ihre Anwältin, die vierte schon im Laufe der Jahre, vor kurzem erst, gegen unbekannt stellte. „Wegen des Vermisstenfalls Dirk Schiller, geboren am 13.06.1975, vermisst seit dem 10.03.1979.“ Es sind die Dokumente einer Mutter ohne Frieden.

          Sie ist eine mittelgroße Frau mit unbeugsamem Willen und gewisser Sturheit. Sie trägt eine Perlenkette und an den Fingern zwei goldene Ringe. Ihr Haar ist blondiert und nach hinten gezähmt. Die blauen Augen sind Fragezeichen, auf nichts Bestimmtes gerichtet, als wolle der Blick ankern an einem Ort jenseits von Hier und Jetzt. Nur manchmal, für einen kurzen Augenblick, bewegt er sich zu einer kleinen Kamera neben dem Fernseher, die den Bereich vor dem Haus überwacht. „Das ist meine Macke“, sagt sie. Aus Vorsicht, weil sie noch immer Angst habe vor der Stasi. Und aus Hoffnung, für den Fall, dass Dirk irgendwann doch noch mal vor der Tür steht. Sie würde ihn wiedererkennen. Da ist sie sich sicher. Über dem Schreibtisch hängt ein Phantomfoto von Dirk. „So, wie er heute sein könnte.“ Vor kurzem ließ sie es von einem Fachmann anfertigen. Auf der Grundlage von Bildern ihres Cousins, dem Exmann, einem Neffen und ihr selbst, „als ich in Dirks jetzigem Alter war“.

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