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Verschollen in der DDR : Wo ist Dirk?

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Kalt ist es im Haus. Die Heizung macht sie selten an, weil sie oft Schweißausbrüche bekommt wegen ihrer angegriffenen Nerven. Weshalb sie vor fünf Jahren in Frührente ging. Was für sie Fluch und Segen ist. Seitdem ist die Ablenkung der Arbeit weg und noch mehr Zeit für die Suche nach Dirk.

Nachdem das Regime von den Hilferufen in den Westen erfuhr, verhaftete man die Schillers. Sie hatte gerade Claudia, die kleinere Tochter, in den Kindergarten gebracht. Ihr Mann saß schon im Wagen. Viereinhalb Jahre Bautzen. Wegen Paragraph 99, landesverräterische Nachrichtenübermittlung: „Es ist ausdrücklich verboten, ausländischen Organisationen Informationen zukommen zu lassen, die zum Nachteil der Interessen der DDR gerichtet sind.“ Nach fünfzehn Monaten Haft, in denen sie mit Mördern und Vergewaltigern zusammensitzen, wird das Ehepaar von der Bundesrepublik freigekauft und kann im Mai 1985 mit den beiden Kindern in den ersehnten Westen reisen. „Ein befreiendes Gefühl.“ Aber es hält nicht lange vor.

Ende der achtziger Jahre lässt das Paar sich scheiden. Bei der Scheidung sagt er nur noch: „Lass es mich wissen, wenn du ihn gefunden hast.“ Sie arbeitet hart. Erkämpft sich eine Stelle als Vertreterin für Putzmittel, lernt einen neuen Mann kennen und heiratet ihn. Alles sollte gut sein. „Für den Fall, dass er auf einmal wieder da ist.“ Ihre Tochter Silvia zieht schon mit 17 von zu Hause aus. Dass immer wieder Dirk das Thema ist, erträgt die Schwester nicht länger. Nach zehn Jahren ist die Frage „Wo ist Dirk?“ für sie verjährt, und die Suche ihrer Mutter gleicht für sie immer mehr einem kranken Wahn. „Und Claudia wollte auch nichts mehr davon wissen.“

Dann fiel die Mauer, es kam die Wiedervereinigung, und Stein fuhr hinüber nach Magdeburg, wo die Akte über ihren Sohn nun einsehbar wurde. Mehrere hundert Seiten. Sie las und las. Und irgendwann stieß sie auf einen Satz, den die Zentrale Koordinierungsgruppe der Staatssicherheit in Berlin der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Leipzig schrieb. Bezüglich des dunkelblauen Moskwitsch auf dem Parkplatz: „Bei möglicher Identifizierung sind keinerlei Maßnahmen einzuleiten. Fehlmeldung ist zu geben. Leiter der Abteilung Uhlmann, Oberst.“

Benommen verlässt sie das Gebäude. Es geht weiter.

Anfragen an Staatsanwaltschaften und andere bundesdeutsche Behörden. Stein gründet einen Verein, „Netzwerk für Stasiopfer“. Es erscheinen Bücher zu Dirks Verschwinden, in Berlin widmet sich eine Ausstellung dem Thema. Der Vatikan antwortet auf ihr Hilfsbegehren. Man werde den vatikanischen Suchdienst einschalten. Aber auch der findet nichts.

Das Phantombild über ihrem Schreibtisch ist die neueste Hoffnung.

Und wenn er wirklich irgendwann vor ihrer Tür stehen würde? Vielleicht? Wie wird es sein? „Hm“, sagt Heidi Stein, hält die Hand vor den Mund und schüttelt den Kopf. „Ich weiß ja nicht, wie er reagiert. Ich würde versuchen, ihn zu umarmen. Aber vielleicht haben die ihm ja gesagt, seine Mutter war eine Verbrecherin.“ Nur über eines ist sich Stein sicher: Am Ende würde sie doch noch so etwas wie Frieden finden.

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