https://www.faz.net/-gum-7mfo0

Verschollen in der DDR : Wo ist Dirk?

  • -Aktualisiert am

Bei der Polizei in Sangerhausen gibt sie eine Vermisstenanzeige auf. Fünf Wochen später ruft man sie zurück. Ihr Sohn sei tot. Ertrunken. Eine Leiche gebe es nicht. Der Junge sei wohl mit der Strömung in den nächstgrößeren Fluss getrieben worden. „Das ist unmöglich!“, ruft sie ins Telefon. Der Bach sei bis zum Grund zugefroren gewesen. Außerdem sei ihr ein blauer Moskwitsch eingefallen, Leipziger Kennzeichen, der auch auf dem Parkplatz gestanden habe. Ob den Leuten darin nichts aufgefallen sei? Man werde sich darum kümmern, ist die Antwort. Und wegen der anderen Sache: Man schicke ihr Fotos vom Tatort. Die würden das Gegenteil beweisen.

Stein wühlt jetzt in einem Stapel auf dem Schreibtisch. Zieht Fotos mit einem Gelbstich heraus. Klopft in kurzen Abständen mit den Fingern auf sie. „Hier“, ruft sie, „das sind sie!“ Man erkennt den Bach darauf, einen geschotterten Parkplatz und die Wiese. Schnee liegt keiner mehr, und das Wasser fließt. „Die haben die Fotos irgendwann später gemacht!“

„Unterschreiben Sie die Todeserklärung“

Wochen vergehen. Monate. Ein halbes Jahr. Jeden Tag ruft sie an in Sangerhausen. Beginnt Suchanzeigen in Zeitungen zu schalten. Weil sie nicht daran glaubt, was ihr die Behörden sagen. Weil in ihr Zweifel aufsteigen, ob die Behörden ihn überhaupt je finden wollten. Weil sie es einfach nicht wahrhaben möchte. Diese unerträgliche Situation, nach allem, was sie als Mutter schon erlebt hat. „Aber von meinen beiden anderen Kindern wusste ich wenigstens, wo sie beerdigt sind.“ Zu Hause in Görlitz lässt sie das Zimmer von Dirk unberührt, so wie es war, seit sie in den Urlaub gefahren sind. Nur seinen Lieblingsteddy mit dem abgezupften Mund legt sie in sein Bett.

Es ist Herbst 1979, als man Heidi Stein und ihrem Mann ausrichten lässt, dass sie morgen nicht zur Arbeit zu kommen brauchen. Sie sollen zu Hause bleiben. Ein Funktionär aus Berlin habe sich angekündigt, um sie über den neuesten Stand im „Fall Dirk“ zu informieren, wie es mittlerweile heißt. Hoffnung. Aber sie hören nichts anderes von ihm. Dirk sei tot. Nur sollten sie ihn nun endlich, nach einem halben Jahr, auch offiziell für tot erklären. Sie fragt ihn, ob man wirklich nichts gefunden habe. Ob man nicht endlich die Halter des Moskwitsch ermittelt habe. Ja, schon längst. Aber die hätten es mit Sicherheit nicht nötig, ein Kind zu entführen. „Zum ersten Mal habe ich das Wort ,Entführung‘ gehört“, sagt Heidi Stein, „obwohl ich es so gar nicht gemeint habe.“ Der Mann verabschiedet sich: „Unterschreiben Sie die Todeserklärung.“

Nach dem Verschwinden von Dirk empfindet Stein diesen Besuch als zweiten Schlüsselmoment ihres Lebens. Weil sie von nun an endgültig daran glaubt, die Stasi habe ihren Sohn entführt. Dass er ein weiterer Fall von Zwangsadoptionen wurde, die unter den Bürgern der DDR ein offenes Geheimnis waren. Nur dass die meisten Kinder ihren Müttern, meist alleinerziehend und vor allem nicht linientreu, schon kurz nach der Geburt weggenommen wurden. Hilfe erwartet sie von jetzt an nur noch vom Westen. Die Schillers stellen einen Ausreiseantrag. Dessen Genehmigung sich über Jahre schleppt und am Ende abgelehnt wird. Aber Stein will weiter kämpfen.

Ihrem Mann kommen da zum ersten Mal leise Zweifel am Sinn dieses Kampfes. Dirks Verschwinden ist nun schon fast vier Jahre her. Länger, als er bei ihnen lebte. „Zu dem Zeitpunkt konnte ich aber nicht mehr aufhören“, sagt sie. Zu viel hatte sie schon investiert. Liebe, Zeit, ungezählte Nächte, in denen sie wach lag und es am schlimmsten war, weil nachts die Sinne am schärfsten sind. Wie er lebt und wo. Und ob überhaupt.

Weitere Themen

Topmeldungen