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Verschollen in der DDR : Wo ist Dirk?

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„Im Himmel wären wir eine Großfamilie“

Im Januar 1979 liegt Post von ihrer Arbeitsstelle im Briefkasten. Persönlich adressiert an Heidi Schiller, wie sie damals heißt. Die VEB Kohlekraftwerke „Völkerfreundschaft“ im sächsischen Görlitz, wo sie als Erzieherin für Lehrlinge unter 18 Jahren arbeitet, gratulieren ihr zur zehnjährigen Betriebszugehörigkeit. Und spendieren ihr aus „Anerkennung für ihre Verdienste“ einen zweiwöchigen Familienurlaub im Erholungsheim Stollberg im Erzgebirge. Sie freut sich, weil sie nicht damit rechnet. Ihre Mutter ist zwar stramme Genossin, sie selbst aber war weder Mitglied der FDJ, noch ist sie nun in der SED. Was sie öfter schon von ihrem Vorgesetzten vorgehalten bekam.

Ansonsten aber sind die Schillers eine glückliche Familie mit guten Anstellungen, auch ihr Mann arbeitet in der „Völkerfreundschaft“. Wären die Umstände andere gewesen, hätten sie mit vier Kindern in den Urlaub fahren können. Aber 1970 starb acht Monate nach der Geburt ihr erstes Kind, Heiko, weil er ohne Milz zur Welt kam. Und 1974 erstickte Edgar, knapp ein Jahr alt, nachts in seinem Kinderbett. Immerhin hatten sie noch Silvia und Dirk, sechs Jahre alt die eine, dreieinhalb der andere. Kurz nach Dirks Geburt sagte ihr Mann einmal: „Im Himmel wären wir eine Großfamilie.“

Am Ende eines bitterkalten Februars fahren sie los, knapp 250 Kilometer bis nach Stollberg. Auf der Fahrt möchte Dirk oft aufs Klo, trinken, essen, spielen. „Da hat er wieder sein Bock gehabt“, sagt Heidi Stein. „Aber man konnte ihm nie böse sein, so niedlich wie er war.“ Der Urlaub vergeht rasch, „weil die Zeit immer schnell vergeht, wenn man glücklich ist“. Am letzten Tag, einem Samstag, dem 10. März 1979, möchten sie noch die „Heimkehle“ besuchen, die größte Gipshöhle in der DDR, wenige Autostunden entfernt im Harz.

Die Mutter fragt: „Wo ist Dirk?“

Gleich nach dem Frühstück fahren sie hin. Kaufen unterwegs noch ein für die Rückfahrt. Sind trotzdem zu früh dort, weil in den Wintermonaten die Höhle erst ab zehn Uhr geöffnet ist. Sie gehen zurück zum Parkplatz, wo außer ihrem Trabant nur ein dunkelblauer Moskwitsch steht. Ein großes, seltenes Fabrikat, wie es nur höhere Parteikader fahren. Sie wollen ihn sich aus der Nähe anschauen, „weil Dirk so fasziniert war von Autos“. Nur sitzt jemand im Auto, deshalb drehen sie ab, laufen zusammen hinunter zu einem Bach, der wegen der Kälte der letzten Wochen gefroren ist. Die Kinder spielen, die Eltern gehen kurz zurück zum Wagen, kaum außer Sichtweite des Baches. Sie seien gleich wieder da.

Fünf Minuten später läuft ihnen Silvia, die Tochter, entgegen. Und die Mutter fragt: „Wo ist Dirk?“ Silvia dreht sich um und sagt, dass er eben noch hinter ihr war.

Ab nun beginnt das Danach im Leben von Heidi Stein.

Für einige Momente noch ist sie ruhig. Gemeinsam suchen sie die Gegend ab. Laufen ein paar hundert Meter den Bach entlang. Ihr Mann tritt auf das Eis. Nichts regt sich, nichts kracht. Eingebrochen sein kann er nicht. Sie schreien nach Dirk. Keine Antwort. Dann schnürt ihnen die aufkommende Panik den Hals zu. Der blaue Moskwitsch ist vom Parkplatz verschwunden. Doch das fällt Heidi Stein erst später ein. Sie rennen zur Höhle, die inzwischen geöffnet ist. Der Pförtner informiert Feuerwehr und Polizei im nahen Sangerhausen. Die suchen und finden nichts. Schillers bleiben. Suchen tags darauf noch einmal die Gegend ab. Dann fahren sie zu dritt zurück nach Görlitz.

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