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Verlierer der Krise : "Ich habe alles falsch gemacht"

  • -Aktualisiert am

Arbeitslos: Viele Haushalte verzichten auf Reinigungskräfte Bild: dpa

Sie sind die größten Verlierer der Krise: „Illegale“ Ausländer, die in Deutschland Putzjobs haben, Kinder hüten oder im Haushalt helfen. Viele stehen jetzt ohne Arbeit und Zukunft da.

          5 Min.

          Crispina Cuedo verliert ihre Jobs, braucht das Geld aber dringend: für ihren kranken Vater und den Sohn, der ihn pflegt. Seit 15 Jahren arbeitet die schlanke, gutaussehende Frau in Deutschland, als Dienstmädchen und als Putzkraft. Ihre Heimat, die Philippinen, hat sie seither nicht mehr gesehen. Genauso wenig wie ihren Vater und den Sohn, die dort leben. Das Geld, das sie verdient, schickt sie ihrer Familie, ein kleiner Rest bleibt für sie. Ihre Mutter ist schon lange tot. „Die Arbeit ist der Grund, warum ich hier bin; meine Familie zählt auf mich“, sagt sie. Doch die Wirtschaftskrise zerrt an den Geldbörsen ihrer Arbeitgeber, die ihr weniger zahlen, ihre Arbeitsstunden reduzieren oder ihr den bisherigen Job einfach absagen. „Früher haben sie uns putzen lassen, wenn sie im Urlaub waren. Jetzt sollen wir nicht mehr kommen. ,Kein Geld mehr', sagen sie.“ Crispina Cuedo hat keine Rücklagen, und der deutsche Staat wird sie nicht auffangen. Die Filipina, die 1993 mit einem Touristenvisum nach Deutschland kam, lebt hier ohne Status - anders gesagt, illegal. Sie ist 56 Jahre alt.

          Lehrerinnen von den Philippinen, Studentinnen aus Mexiko, Übersetzerinnen aus Ecuador, Juristinnen aus Ghana: Sie alle verrichten in Deutschland jene Arbeit, die jahrhundertelang als Frauenarbeit galt. Sie werden „die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung“ genannt. Die philippinische Regierung hat ihnen den Namen „Heldinnen der Gegenwart“ gegeben. Crispina Cuedo ist so eine Heldin. Morgens geht sie putzen, schrubbt Böden, wäscht Hemden, füttert Hunde. Nachmittags schiebt sie Kinderwagen mit fremden Babys durch die Stadt. Von ihrem eigenen Sohn hat sie nur Bilder. Der ist heute 38 Jahre alt. Seinetwegen ist sie fortgegangen; bevor sie nach Deutschland kam, verbrachte sie sechs Jahre in Saudi-Arabien und vier in England. Seither schickt Crispina Cuedo ihrem Sohn Geld, ruft ihn an, bleibt unsichtbar. Es gibt einen Ausdruck für Mütter und Väter wie sie: cellphone parents, Handy-Eltern.

          „Die Löhne sind meist um 25 Prozent gesunken“

          Vor der Krise war die Nachfrage nach Dienstmädchen wie Crispina Cuedo in Deutschland groß. Bereits zwei Tage nach ihrer Ankunft fand sie über private Beziehungen ihre erste Stelle. Netzwerke sind in diesem Segment des schwarzen Arbeitsmarkts das Allerwichtigste. Immer wieder riefen Auftraggeber auf ihrem Handy an, um sie für eine Extraschicht anzuheuern, fragten, ob sie sich künftig nicht auch abends um die Kinder kümmern könne. Sagten ihr manchmal lächelnd, sie seien ohne Crispina Cuedos Hilfe aufgeschmissen.

          „Zwischen fünf und elf Euro pro Stunde verdiente man vor der Krise“, sagt Crispina Cuedo. Jetzt werden die Dienste im häuslichen Bereich ausgedünnt. „Die Löhne sind meist um 25 Prozent gesunken, neue Arbeitgeber zahlen weniger“, konstatiert die Leiterin der Organisation „Frauenrecht ist Menschenrecht“ (FIM), Elvira Niesner. „Wer es schafft, arbeitet 14 Stunden am Tag“, berichtet Crispina Cuedo. Sie selbst schafft das nicht mehr - ein weiteres Problem. Viele in ihrer Lage dächten jetzt darüber nach, zurück in die Heimat zu gehen oder weiterzuwandern. „Allerdings ist die Lage derzeit überall schlecht“, so Niesner.

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