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Verheiratet in Iran : Meine Zeitehe

  • -Aktualisiert am

Gebunden auf Zeit: Ehepaar in Iran Bild:

Wenn einer eine Reise tut, dann muss er eben manchmal heiraten. Alex Westhoff war drei Wochen lang Ehemann, um mit seiner Freundin in Iran reisen zu können. Was Gabriele Pauli vorschlägt, ist bei den Schiiten offiziell erlaubt: Eine Ehe auf Zeit.

          Die freundliche Frau im schwarzen Tschador beherrschte es meisterhaft, meine Nervosität zu befeuern. Alle paar Minuten betrat sie das karge Büro des Mullahs, so leise, wie sie es für nötig hielt. So angespannt, wie ich in dem tiefen Sofa mehr hing als saß, kam sie mir doch störend vor. Stumm stellte sie einen kleinen Pappkarton mit süßem iranischen Gebäck auf den wackeligen Tisch, der mir bis zu den Fußgelenken reichte. Kurz darauf trug sie ihn stumm wieder aus dem Raum, um ihn wenig später wieder stumm auf den Tisch zu stellen. Es war Sonntagmorgen in Teheran, der erste Tag unserer dreiwöchigen Iran-Reise.

          Tagesordnungspunkt eins nach dem Frühstück: Heiraten, auf Zeit, versteht sich. „Sighe“ heißt das auf persisch (siehe auch: Vorläufer im Islam: Die Zeitehe). Angestrebte Dauer der Eheschließung im August 2004: Drei Wochen. Ohne geht nicht. Als Unverheiratete würden wir kein Hotelzimmer zusammen bekommen, klärte man uns vor der Reise in die Heimat meiner Freundin Nusha auf. Nusha wurde in Teheran geboren und kam als Neunjährige während des iranisch-irakischen Krieges mit ihrer Familie nach Bonn. Es war seitdem ihre erste Reise nach Iran. Na gut, also heiraten. Die seltsame Helferin sollte uns später im Flüsterton fragen, warum wir uns jetzt erst, mit 24 Jahren, zu diesem Schritt entschlossen hätten.

          Die persische Entsprechung zu Alexander: „Eskandar“

          Iraner sind meist kleine, schmächtige Männer. Ausgerechnet der Mullah, in dessen Büro wir nun hockten, war ein Berg von einem Mann. Sein schwarzer Bart, der mächtige Bauch, der sich unter dem grauen Gewand wölbte, der durchdringend grimmige Blick - all das potenzierte meinen ungeheuren Respekt vor diesem strengen Repräsentanten des Gottesstaats. In Cordhose und rot-weiß kariertem Hemd kam ich mir unter einem riesigen Bildnis von Revolutionsführer Chomeini reichlich dumm vor.

          Doch von Trauung war zunächst nicht die Rede: Erst zum Islam konvertieren, dann heiraten. Ganz einfach. Am Vorabend hatten wir uns schon beraten, welchen Namen ich denn als Muslim annehmen möchte. „Eskandar“ ist die persische Entsprechung zu Alexander. Mohammad Ali verwarf ich schnell. Irgendwie kamen wir auf Mohammad Hossein. So sollte es sein.

          ... ohne dass ich ein Wort verstehe

          Um zu konvertieren, musste ich nur hin und wieder einige arabische Sätze Silbe für Silbe nachsprechen. Die Redewendung „Ich wusste nicht, wie mir geschieht“ kam mir noch nie so passend vor. Als ob Gericht über mich gehalten würde, ohne dass ich ein Wort verstehe. Taufe, Kommunion, Firmung, Mitglied im Gemeindeorchester: Ich nahm mir vor, nach unserer Rückkehr irgendwie schon Katholik zu bleiben. So, jetzt aber heiraten: Majestätischen Schrittes führte uns der Mullah in einen Nebenraum, verschwand hinter dem halbdurchsichtigen Vorhang, bückte sich etwas umständlich und knipste einen Schalter an.

          Eine Miniatur-Kitschlandschaft aus Plastik mit allen persischen Hochzeitssymbolen - Wasser, Blumen, Obst, Brot - erwachte zum Leben. Während die Konversion dem Mullah noch sichtlich behagte, war die Hochzeitszeremonie reine Routine. Nusha hielt einen Koran, ich musste eigentlich nur dasitzen. Als ich die kleinteilige Kitschlandschaft gerade studiert hatte, war schon alles vorbei. Kosten: 50 Euro. Die Helferin bot uns zum Abschied Gebäck an. Drei Wochen lang waren wir verheiratet. Es war eine schöne Zeit (Siehe auch: Kandidatur für CSU-Vorsitz: Pauli fordert Ehe auf Zeit).

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