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Vera Gräfin von Lehndorff : Das Sein, der Schein, die Verwandlung

Vera Lehndorf heute, in Berlin
          6 Min.

          Das Erstaunliche passiert gegen Ende der fünfziger Jahre. Das Mädchen, das schon bald als schönste Frau der Welt gehandelt werden wird, ist ein zurückgezogenes, einsames Geschöpf. Es verzweifelt an der Schule, die ihm die Rechtshändigkeit aufzwingt, es fühlt sich von seiner Mutter verlassen, weil es immer wieder in Heimen und Internaten untergebracht ist. Außerdem findet es sich hässlich. Es hat stelzenlange Beine, einen riesigen Mund und Schuhgröße 43 - und auch das erst, nachdem die Zehen in einer schmerzhaften Operation verkürzt worden sind. Dann aber beschließt das Mädchen, auf die Bühnen der Welt hinauszutreten, um als Veruschka berühmt zu werden.

          „Ohne Alter war ich“: Vera (Bild oben, rechts) mit Mutter und Schwestern Bilderstrecke
          „Ohne Alter war ich“: Vera (Bild oben, rechts) mit Mutter und Schwestern :
          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Woher kommt diese Wende? Vera Lehndorff lacht schallend. Es platzt geradezu aus ihr heraus, ein lautes, wildes, aufrichtig belustigtes Lachen. "Ich weiß nicht", sagt sie mit ihrer tiefen Stimme. "Ich hatte ein instinktives Gefühl: Ich habe keine andere Wahl, als diesen Weg zu gehen." Sie sitzt auf der Dachterrasse eines Berliner Hotels. Sie hat sich eine Zigarette angezündet, die der Wind wieder ausbläst. Um den Kopf trägt sie ein Tuch aus Silberschlingen. 72 Jahre ist sie jetzt alt. Ihr Mund ist noch immer riesig.

          Nach der Schule Luft zum Atmen

          Sie erzählt, dass das Ende der schrecklichen Schulzeit ihr damals endlich Luft zum Atmen verschaffte. Dass sie erste Komplimente bekam, sich lange im Spiegel betrachtete und plötzlich Lust verspürte, mit ihrem Körper etwas auszuprobieren. "Ich sah: Ich kann ja Einfluss nehmen", sagt sie und formuliert eine Erkenntnis, die offenbar damals in ihr zu reifen begann. "Es ist im Grunde so: Wir entscheiden, ob wir wollen, dass andere uns hübsch finden oder nicht. Das hat sehr viel damit zu tun, wie ich mich selbst sehe."

          Woher jedoch nimmt eine von Krieg und Leben gebeutelte Zwanzigjährige das Selbstbewusstsein, ganz allein nach Paris und New York zu gehen? Kein Zögern, kein Nachdenken: "Da habe ich keine Angst gehabt. Die Angst, wieder in die Enge getrieben zu werden, war viel zu groß. Ich dachte eher: Jetzt kann mir nichts passieren. Jetzt bin ich erst mal weg."

          Was folgt, sind die sechziger Jahre, in denen aus Vera Gräfin von Lehndorff, Tochter eines ostpreußischen, von den Nazis ermordeten Widerständlers, Veruschka wurde: ein Supermodel zu einer Zeit, lange bevor es Supermodels gab. Es ist die Zeit, aus der man eine Menge zu wissen meint, weil sie bis heute das Bild dieser Frau in der Öffentlichkeit begründet, weil sich berühmte Fotografen um sie rissen, weil die Titel der internationalen Modeblätter ihr gehörten, weil Michelangelo Antonioni ihr in seinem Film "Blow Up" einen denkwürdigen Auftritt verschaffte.

          Mit der Kunstfigur arrangiert

          Es ist auch die Zeit, von der Lehndorff mit gelöster, zufriedener Stimme erzählt, auch und gerade von der Phase, in der sie der klassischen Modefotografie den Rücken gekehrt hatte, um ihre Bilder stärker selbst gestalten zu können. Sie arbeitete dann vor allem mit ihrem damaligen Partner, einem italienischen Fotografen. "Die Zeitschrift sagte: Hier, geht auf die Reise, hier ist das Zeug. Dann sind wir nach Afrika, Japan oder Australien geflogen und haben wirklich die ganze Geschichte alleine produziert. Ich habe die Haare gemacht, das Make-up, mich bemalt. Und es wurde alles immer veröffentlicht. Es war herrlich. Ich konnte machen, was ich wollte."

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