https://www.faz.net/-gum-91utd

Krise in Venezuela : Esst mehr Kaninchen!

Bitte keine Schleife umbinden und erst recht keinen Namen geben! Die Venezolaner sollen Kaninchen nicht mehr als Haustiere sehen. Bild: dpa

Venezuela droht der Bankrott und die Bevölkerung leidet Hunger. Doch Präsident Maduro hat einen revolutionären Ernährungsplan. Dafür braucht es allerdings ein wenig Umerziehung.

          Eine Untersuchung der drei wichtigsten Universitäten Venezuelas kommt zu dem Ergebnis, dass bei 93 Prozent der rund 32 Millionen Einwohnern des Landes das Einkommen nicht ausreicht, um sich mit den nötigen Lebensmitteln zu versorgen. Wenn es diese denn angesichts der katastrophalen Versorgungs- und Wirtschaftskrise im einst reichsten Land Lateinamerikas so einfach zu kaufen gäbe. Das Ergebnis der sogenannten Maduro-Diät: Drei Viertel der Venezolaner haben im vergangenen Jahr durchschnittlich 8,7 Kilogramm Gewicht verloren; die Kindersterblichkeit ist um gut 30 Prozent und die Müttersterblichkeit um knapp 66 Prozent in die Höhe geschnellt; Hunderttausende verlassen das Land mit der höchsten Inflationsrate der Welt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Sie könnte in diesem Jahr auf tausend Prozent klettern. Der sozialistische Präsident Nicolás Maduro, der selbst einen stattlichen Leibesumfang vorweisen kann, hat für die Überwindung der Ernährungskrise jetzt den „Plan Conejo“ vorgestellt. Die Grundidee des „Kaninchen-Plans“ beruht auf der Tatsache, dass Karnickel einerseits hervorragende Lieferanten von tierischem Eiweiß sind und sich andererseits – so der Präsident in einer Fernsehansprache – „vermehren wie die Karnickel“. Also hat die Regierung im Rahmen eines Pilotprojekts in 15 innerstädtischen Wohnquartieren Kaninchen verteilt, um die Karnickelzucht anzuheizen.

          Kaninchen sollen keine Haustiere mehr sein

          Doch der „Plan Conejo“ stößt auf ein „kulturelles Problem“, wie Agrarminister Freddy Bernal in einer Kabinettssitzung seinen sichtlich erheiterten Ministerkollegen mitzuteilen wusste. „Einige Leute banden den Tieren Schleifchen um, gaben ihnen Kosenamen und nahmen sie sogar mit ins Bett“, berichtete Bernal.

          Die Venezolaner müssten deshalb mittels einer nationalen Umerziehungskampagne in Rundfunk und Fernsehen, in Zeitungen und mittels Plakaten dazu gebracht werden, die Kaninchen nicht als Haustiere, sondern als Instrumente zum „Sieg im Wirtschaftskrieg“ zu betrachten. Gemäß Staatspropaganda ist die Krise im Land das Ergebnis eines „Wirtschaftskriegs“, den die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten gegen Venezuela führen. „Vom Standpunkt des Wirtschaftskriegs aus betrachtet ist das Kaninchen kein Haustier, sondern zweieinhalb Kilogramm Fleisch mit hohem Eiweißgehalt und ohne Cholesterin“, sagte Minister Bernal.

          Bald droht der Bankrott

          Schon vor Monaten hatte die Regierung die Venezolaner in den Städten des Landes darüber aufgeklärt, wie sie Obst und Gemüse auf Flachdächern und auf Balkonen anbauen können. Die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie Venezuelas sind nach 18 Jahren sozialistischer Planwirtschaft zerstört. Fast alle Lebensmittel und auch die meisten Medikamente müssen eingeführt werden.

          Doch dem Land mit den höchsten nachgewiesenen Ölreserven auf der ganzen Welt fehlt es wegen des Ölpreisverfalls seit Jahren an Devisen. Dem Staat droht noch in diesem Jahr der Bankrott. Der Oppositionsführer und zweifache Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles bezeichnete Maduros neuen „Plan Conejo“ als „schlechten Witz“: „Die Leute sollen Kaninchen züchten, um das Problem des Hungers in unserem Land zu lösen?“

          Weitere Themen

          „Ich wollte der Polizei doch helfen“

          Betrüger verurteilt : „Ich wollte der Polizei doch helfen“

          Ein Gericht verurteilt fünf falsche Polizisten zu langen Freiheitsstrafen. Bei ihrer Betrugsmasche rufen sogenannte Keiler, die meist in der Türkei sitzen, Personen mit alt klingenden Namen an – und warnen vor bevorstehenden Einbrüchen.

          Topmeldungen

          Geheimnis des Darts : Auf der Suche nach dem perfekten Wurf

          Die besten Dartsspieler werfen bei der WM in London ihre Pfeile fast nach Belieben in winzig kleine Felder. Für Professor Metin Tolan ist das in dieser Exaktheit physikalisch kaum erklärbar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.