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Vegan leben : Ein Karrierist wird grün

  • -Aktualisiert am

Kunden in der Frankfurter Filiale des veganen Supermarkts „Veganz“. Bild: Jakob von Siebenthal

Jan Bredack war früher Manager bei Mercedes. Jetzt ist er Veganer und dabei, eine Kette mit zwanzig veganen Läden aufzubauen. Wie passt das zusammen?

          5 Min.

          „Das war keine gute Nacht.“ Jan Bredack reibt sich die Augen, fährt sich mit den Händen durch die Haare. Die Nase läuft. Müdes Gesicht, grau wie dieser trübe Morgen. Erkältungs- und Infektzeit. Auch Jan Bredack, Anfang vierzig, schlank und sportlich, aber jetzt eher matt, hat es erwischt - wie etliche Berliner in diesen Tagen. Gesundheit, Energie und Vitalität, die Bredack seiner Ernährungsweise zuschreibt, verstecken sich an diesem Vormittag in einem großen Glas heißer Orange, goldgelb mit Ingwer, das er zum Frühstück trinkt. Dazu gibt es hübsch mit Kokosraspeln dekorierten Chiapudding, einen Energiesnack, in dem rote Goji-Beeren leuchten. „Selbst Veganer werden mal krank“, meint eine Mitarbeiterin im Vorübergehen. „Aber wir werden auch schneller wieder gesund“, gibt Bredack zurück.

          Bredack vermarktet Veganismus und vegane Produkte. „Veganz“ heißen seine Supermärkte. Bislang gibt es zwei Filialen, beide in lässig-schicken Stadtvierteln. Den ersten Supermarkt eröffnete Bredack 2011 in seiner Heimatstadt Berlin in Prenzlauer Berg, den zweiten vor kurzem in Frankfurt-Bornheim. Angeboten werden rund 6000 rein pflanzliche Produkte. Nicht minder beworben wird, was Veganz ganz bewusst nicht anbietet: Produkte, für die Tiere getötet werden oder für die Tieren aus Sicht von Veganern Leid angetan wird. Also kein Fleisch, kein Fisch und keine Lederwaren. Auch Produkte, in denen sich tierische Bestandteile verstecken, sind tabu, etwa Kosmetika mit Collagen oder Fruchtsäfte, die mit Gelatine geklärt wurden. Nicht im Sortiment sind außerdem Erzeugnisse, deren Verzehr als Ausbeutung von Nutztieren abgelehnt wird: Milch oder Milchprodukte, Eier und Honig. Das Gefühl, auf etwas zu verzichten, soll der Kunde von Veganz jedoch gerade nicht bekommen. „Wir lieben Leben“, wirbt Bredack - fast wie Edeka mit seinem Leitspruch „Wir lieben Lebensmittel“.

          Auch Bildungshungrige werden versorgt

          Im Schnitt lassen sich in dem Vegan-Supermarkt im Bezirk Prenzlauer Berg 420 Kunden am Tag zum Einkauf verlocken. An diesem ungemütlichen Morgen sind jedoch nur wenige Menschen im Geschäft. Zwei Mütter mit Kleinkindern, ein junger, modebewusster Mann, eine ältere Dame, die vor den Backspezialitäten steht. Es gibt herzhafte Bagel mit Räuchertofu oder süße Rohkosttorten aus Avocado und Limetten. In der Obstabteilung werden baumgereifte Tropenfrüchte und Kohlsorten aus Brandenburg angepriesen. Weiter geht es mit Sojaprodukten in etlichen Variationen und Getränken aus Hafer, Mandeln oder Reis. Es gibt Regale mit Nüssen, Samen und Algen und Tiefkühlwände mit Veggie-Nuggets aus den Vereinigten Staaten oder Protein-Burgern aus Südafrika. Für Hunde sind fleischlose Leckerli und „für den Spaß im Bett auf vegan“ Kondome und Gleitgels im Angebot.

          Für noch mehr veganen Lebensstil gibt es dann „Extraveganz“: veganes Catering, sonntäglichen Brunch und Kochkurse in der hauseigenen Kochschule mit einem der bekanntesten deutschen Vegan-Köche, dem Berliner Björn Moschinski. Auch Bildungshungrige werden versorgt: mit Seminaren unter Leitung von Ernährungs- und Gesundheitsberatern, philosophischen Workshops, Lesungen und Produktpräsentationen. Vegane Ernährung sei enorm vielfältig und schmackhaft, verantwortungsbewusst gegenüber Mensch, Tier und Umwelt. „Und für die Gesundheit das Beste“, lautet die Botschaft.

          Jan Bredack hat bereits zwei vegane Supermärkte eröffnet, weitere sollen folgen.

          Bredack kommt nicht aus der Öko-Szene. Bevor er Weizengraspulver, Rohkostriegel und Sojapizzen verkaufte, war er Mercedes-Manager. Aufgewachsen ist er in der ehemaligen DDR. Der Vater war als Russischlehrer im diplomatischen Dienst tätig. Jan Bredack besuchte eine Eliteschule und lernte KFZ-Schlosser. Dann gleich nach dem Fall der Mauer bei Mercedes-Benz in Berlin anfangen zu dürfen sei „das Größte“ gewesen. Bredack war ehrgeizig und fleißig. Meisterabschluss, Studium der Betriebswirtschaft, Master in Sankt Gallen. Mit Anfang dreißig leitende Führungskraft in dem Autokonzern, verantwortlich für einen Milliardenumsatz. Als „Karrierist“ bezeichnet Bredack sich rückblickend. Gemeinsam mit seiner Frau, einer Jugendliebe aus DDR-Zeiten, baute er neben dem Job bei Mercedes noch den Internet-Ticket-Vertrieb für den damals sehr erfolgreichen Musicalveranstalter Stella auf. Beruflicher Erfolg, Geld, Eigenheim, Autos und drei Kinder. „Es ging immer bergauf.“

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