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Drama um todkrankes Kleinkind : „Mein Sohn ist immer noch am Leben!“

Demonstranten stehen vor dem Alder-Hey-Kinderkrankenhaus in Liverpool und fordern die Weiterbehandlung des todkranken Kleinkindes. Bild: AFP

Bei einem todkranken Kleinkind aus Großbritannien sollen die lebenserhaltenden Maßnahmen beendet werden. Seine Eltern kämpfen mit aller Macht dagegen an – und haben laut dem Vater in der vergangenen Nacht ein Wunder erlebt.

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          Ein italienischer Staatsbürger soll in Großbritannien hingerichtet werden, obwohl er nachweislich unschuldig ist, klagen die einen. Das tragische Leiden eines unheilbar Kranken soll auf humane Weise zu einem Ende gebracht werden, halten die anderen dagegen. So lauten nur die extremsten Positionen zum „Fall Alfie“, der sich in der Nacht zum Dienstag zu einer Staatsaffäre zwischen Rom und London ausgewachsen hat.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Alfie Evans ist ein 23 Monate altes Kleinkind, das an einer bisher nicht genau diagnostizierten degenerativen Erkrankung des Nervensystems leidet und nach Ansicht der behandelnden Ärzte im Alder-Hey-Kinderkrankenhaus in Liverpool keine Überlebenschance hat. Die Liverpooler Ärzte wollen lebenserhaltende Maßnahmen wie die künstliche Beatmung und Ernährung einstellen und das Kleinkind nur noch palliativ behandeln. Sie sind der Ansicht, dass für den kleinen Alfie, dessen Gehirn seit Monaten faktisch keine Funktionsmerkmale mehr zeige, ein baldiger sanfter Tod besser sei als die Fortsetzung seines Leidens ohne Aussicht auf Besserung oder gar Heilung.

          Es geht um Minuten

          Die Eltern Thomas Evans und Kate James kämpfen seit Monaten vor britischen und europäischen Gerichten dafür, dass ihr seit Dezember 2016 stationär behandelter Sohn aus dem Liverpooler Krankenhaus entlassen und in ein anderes Kinderkrankenhaus verlegt wird, wo man Alfie weiter lebenserhaltend behandeln will. Ihr bevorzugtes Ziel ist die vom Vatikan betriebene renommierte Kinderklinik „Bambino Gesù“ in Rom, die sich zur Weiterbehandlung Alfies bereit erklärt hat.

          Am Dienstagmorgen teilte das Krankenhaus mit, ein Team stehe bereit, um den Jungen aus Liverpool nach Rom zu verlegen. Italiens Verteidigungsministerin Roberta Pinotti stelle ein Flugzeug bereit. Es gehe jetzt um Minuten, sagte die Leiterin des Bambino Gesu, Mariella Enoc. Sie habe mit dem italienischen Botschafter in Großbritannien die Möglichkeiten des weiteren Vorgehens erörtert.

          Die Eltern weisen die Darstellung der Ärzte zurück, wonach ihr Kind immer wieder von Krampfanfällen geschüttelt werde; Alfie leide nicht und solle weiterleben dürfen, sagen sie. Über die sozialen Medien haben die jungen Eltern immer wieder Foto- und Videoaufnahmen ihres kleinen Sohnes verbreitet, die ein offenbar friedlich schlafendes oder mit offenen Augen in seinem Bettchen liegendes Kind zeigen, das von seinen Eltern liebevoll umarmt wird.

          Antrag der Eltern zurückgewiesen

          In der vergangenen Woche hatte das Oberste Gericht in London ein zweites Mal die Position der Liverpooler Ärzte bestätigt und den Antrag der Eltern zurückgewiesen, ihren Sohn wieder in die eigene Obhut zu nehmen. In der Begründung des Urteils, dem nach Angaben der Richter als „oberstes Prinzip“ das Wohl des Kindes zugrunde gelegen habe, heißt es, es sei „nicht im besten Interesse des Kindes, die lebenserhaltende Behandlung fortzusetzen oder das Kind zu diesem Zweck in ein anderes Land fliegen zu lassen“.

          Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg wies am Montagmorgen in einem Eilverfahren zum zweiten Mal einen Antrag der Eltern zurück, sich mit dem Fall zu befassen. Die Eltern und ihre Rechtsvertreter hatten argumentiert, das Menschenrecht des kleinen Alfie, sich frei zu bewegen – zumal von einem EU-Staat in einen anderen zu reisen – werde beschnitten.

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