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Valéry Giscard d’Estaing : „In Wahrheit ist die Bedrohung heute nicht so groß wie damals“

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Dabei gehörten sie beide nicht dem gleichen Parteienlager an.

Ja, aber es gab keine doktrinären Unterschiede zwischen uns. Er sagte immer: „Ich bin kein Sozialist, ich bin ein Sozialdemokrat.“ Helmut Schmidt schien damals zu bedauern, dass Frankreich nicht zur Führungsmacht Europas wurde.

War er der Bundeskanzler, dessen Willen zur Kooperation mit Frankreich am stärksten war?

Zwei Dinge sprachen damals für Frankreich. Erstens: Deutschland war geteilt. Wenn ich Helmut fragte, ob er an die Wiedervereinigung glaube, sagte er: Sie wird kommen, aber nicht zu meinen Lebzeiten. Zweitens: Der Bundesrepublik wurde international noch mit Misstrauen begegnet. Die Sowjetunion stand der Teilnahme der Bundesrepublik an großen internationalen Konferenzen feindselig gegenüber. Helmut hat es geschafft, sein Land wieder in den Kreis der Großen zurückzuführen. Bei der Konferenz auf Guadeloupe 1979 hat zum ersten Mal wieder ein deutscher Kanzler auf Augenhöhe mit den Weltmächten verhandelt.

In vielen ihrer Gespräche ging es um Amerika. „Die Amerikaner dürfen nicht länger glauben, dass wir nach ihrer Pfeife tanzen“, mit diesen Worten zitieren Sie Schmidt. Hat sich Deutschland in dieser Hinsicht verändert?

Helmut hat die unterwürfige Beziehung zu Amerika beendet. Es gab mehrere Zwischenfälle. Mitten im Rüstungswettlauf 1977 haben die Amerikaner angekündigt, dass die Nato-Kampfflugzeuge mit Neutronenbomben bestückt werden sollen. Die Deutschen waren nicht begeistert, denn sie wussten, dass die Bomben im Ernstfall auf ihrem Territorium eingesetzt würden. Die Amerikaner haben darauf bestanden und Helmut hat unter großen Mühen den Bundestag überzeugt. Zwei Monate später hat Jimmy Carter das Neutronenbombenprojekt aufgegeben, ohne jemand darüber zu informieren. Helmut war außer sich.

Was war der zweite Zwischenfall?

Nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979 haben die Vereinigten Staaten und andere Länder einen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau gefordert. Ich habe gesagt, dass wir die Spiele nicht boykottieren, aber Helmut zögerte. Jimmy Carter hat uns seinen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski geschickt. In Paris hat Brzezinski kein Wort über den Boykott verloren. Helmut rief mich an: Was hat er euch zu den Spielen gesagt? Nichts. Helmut entschloss sich dennoch widerwillig, sich der amerikanischen Boykottforderung anzuschließen. Am Tag darauf rief mich Helmut zurück: Brzezinski hat mit mir nicht über die Spiele gesprochen! Hält er mich zum Narren? Daraufhin hat Helmut mir gesagt: Ich habe genug davon, von außen gesteuert zu werden.

Die Regierungszeit Schmidts wurde auch durch die Terrorbedrohung durch die Rote Armee Fraktion geprägt. Wie haben Sie diese schwierige Zeit erlebt?

Das war eine furchtbare Prüfung. Wir erlebten nichts Vergleichbares in Frankreich und waren nicht einbezogen. Helmut stellte mir zu diesem Thema keine Fragen. Er sagte mir nur: Ich habe sehr schwierige Entscheidungen zu treffen. Wir waren an der Diskussion nicht beteiligt.

Verlangen die Terroranschläge auf französischem Boden jetzt eine besondere Solidarität Deutschlands?

Ja, Solidarität ist gefragt. Wir müssen die Verbindungen zwischen unseren Geheimdiensten verstärken. Aber die Frage des Terrorismus bleibt ein internes Problem. Was geschehen ist, ist kein Krieg! Es handelt sich um gewalttätige und koordinierte Angriffe. Aber ein Krieg setzt grundsätzlich einen Invasionsversuch und Grenzverletzungen voraus.

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