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Debatte über Abtreibungen : Amerikanerin muss nach Fehlgeburt in Haft

  • -Aktualisiert am

Ein umkämpftes Thema in den USA: Demonstration in San Francisco gegen das texanische Abtreibungsverbot Bild: dpa

Weil sie angab, während der Schwangerschaft Drogen konsumiert zu haben, wurde eine Frau in Oklahoma nach einer Fehlgeburt festgenommen und verurteilt. Das Urteil heizt die Kontroverse über Abtreibungen an.

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          Als die Amerikanerin Brittney Poolaw im Januar 2020 in das Comanche County Memorial Hospital in Lawton (Oklahoma) gebracht wurde, hing die Nabelschnur noch an ihrem Fötus. Die damals Zwanzigjährige hatte zu Hause in der 16. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt erlitten. Poolaw, eine Indigene, gab im Krankenhaus an, während der Schwangerschaft Marihuana und Meth­amphe­tamin, also Crystal Meth, genommen zu haben.

          Zwei Monate nach der Fehlgeburt wurde sie verhaftet. Durch den Drogenkonsum, hieß es in der Anklage wegen Totschlags, habe Poolaw den Tod ihres Fötus verschuldet. Nach eineinhalb Jahren im Gefängnis wurde die Einundzwanzigjährige vor Kurzem schuldig gesprochen und zu vier Jahren Haft verurteilt – nach nur einem Prozesstag. „Im Widerspruch zur medizinischen Forschung machte die Staatsanwaltschaft den Konsum verbotener Substanzen für Frau Poolaws Fehl­geburt verantwortlich. Dabei hat selbst die Rechtsmedizin nicht fest­gestellt, dass der Konsum der Substanzen die Fehl­geburt auslöste“, teilte die Organisation National Advocates for Pregnant Women (NAPW) mit. Der Verein verwies auf den Obduktions­bericht, der angeborene Anomalien oder eine vorzeitige Ablösung der Plazenta als mögliche Ursachen nannte.

          Brittney Poolaw hatte zu Hause in der 16. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt erlitten.
          Brittney Poolaw hatte zu Hause in der 16. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt erlitten. : Bild: Comanche County Jail

          Nicht nur die NAPW empörte sich. Die Causa der Indianerin ließ in den Vereinigten Staaten die Debatte über die Strafverfolgung nach Fehl- und Totgeburten wieder aufflammen. Das ungewöhnlich harte Urteil gegen Poolaw, mahnten Frauenrechtlerinnen, reflektiere den Trend gegen Selbst­bestimmung und Schutz von Schwangeren. Wie Texas gehört Oklahoma zu den Bundesstaaten, die in den vergangenen Monaten Gesetze zur Verschärfung der Abtreibungsregelungen verabschiedeten. Im April unterzeichnete Oklahomas republikanischer Gouverneur Kevin Stitt gleich drei Gesetzesvorlagen, um Schwangerschaftsabbrüche im Sooner State fast unmöglich zu machen.

          Texanisches Vorbild

          Nach texanischem Vorbild verbietet eines der Gesetze beispielsweise Abbrüche nach der sechsten Woche – einer Frist, in der viele Frauen die eigene Schwangerschaft noch nicht bemerkt haben. Immer wieder werden auch Drogengesetze und Regelungen gegen die Vernachlässigung von Kindern angewendet, um Amerikanerinnen nach dem vorzeitigen Ende einer Schwangerschaft juristisch zur Rechenschaft zu ziehen.

          Vor zwei Jahren klagte die Staatsanwaltschaft in Kalifornien die 25 Jahre alte Chelsea Becker wegen Mordes an, als im Körper ihres tot­geborenen Kindes Rauschgift gefunden wurde. Einige Monate später sorgte der Fall der schwangeren Afro­amerikanerin Marshae Jones für Aufsehen. Die Sieben­undzwanzig­jährige war in Alabama wegen Totschlags angeklagt worden, nachdem ihr eine Bekannte bei einem Streit in den Bauch geschossen und dabei Jones’ ungeborenes Kind getötet hatte. Die Staatsanwaltschaft machte Jones für den Tod des Fötus verantwortlich, da sie die Auseinandersetzung begonnen hatte. Nach einem Aufschrei in sozialen Medien ließen die Justizbehörden die Anklage fallen.

          Vor dem Hintergrund der hitzig geführten Abtreibungsdebatte warnten Frauenverbände wie der Yellowhammer Fund vor ähnlich harten juristischen Auslegungen. In Oklahoma erwartet Poolaw derweil ein weiterer Prozess. Nach der Verurteilung zu vier Jahren Haft kündigte die NAPW jetzt einen Berufungsantrag an. Der Fötus der Indigenen sei in der 16. Schwangerschaftswoche nicht lebensfähig gewesen. Damit falle er nicht unter die Gesetze gegen „fetal harm“, die Anfang 2020 noch in Oklahoma galten.

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