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Uraufführung mit Muezzin-Ruf : „Mein Stück ist keine Provokation“

  • -Aktualisiert am

Hört die Glockensignale: Vom Carillon im Berliner Tiergarten soll Maximilian Marcolls neue Komposition an Pfingsten erklingen. Bild: Jens Gyarmaty

Muezzin-Klänge im Berliner Tiergarten: Aus Angst vor Islamisten sollte die Uraufführung von „Adhan“ abgesagt werden. Der Komponist Maximilian Marcoll erzählt, was es mit seinem Werk auf sich hat.

          Herr Marcoll, Sie sind Komponist für Neue Musik. An Pfingsten soll in Berlin Ihr Stück „Adhan“ aufgeführt werden. Am vergangenen Mittwoch wurde Ihnen abgesagt – aus Angst vor Islamisten. Keine 24 Stunden später hieß es dann: Es geht doch. Was war da los?

          Es gab keine akute Bedrohung. Nur die diffuse Angst einiger Beteiligter, weil es in dem Stück um den Islam geht. Dann kam es zu einer etwas unglücklichen Kommunikation und zu der Absage. Glücklicherweise hat sich aber alles klären lassen. Auch, weil viele Menschen mich unterstützt haben. Am Tag der Absage ist mein Telefon heiß gelaufen.

          Welche Rolle spielt denn der Islam in dem Stück?

          In meinem Stück hört man aus einem Lautsprecher einen Muezzin, der zum Gebet ruft. Dieser Gebetsruf heißt auf Arabisch Adhan, so wie das Stück. Die Melodie des Rufs wird dabei gleichzeitig auch vom Berliner Carillon gespielt – einem 42 Meter hohen Glockenturm, direkt zwischen Kanzleramt und Tiergarten. Die Glocken spielen dann genau das, was der Muezzin singt.

          Wie ist die Idee entstanden, muslimische und christliche Traditionen so zusammenzuführen?

          Das hat sich mit der Zeit entwickelt. Zunächst wurde ich von Folkmar Hein – einem der wenigen Mäzene der Neuen Musik – beauftragt, zu seinem 70. Geburtstag ein Stück für Carillon und Elektronik zu schreiben. Das Instrument, oder genauer die Glocke, ist für mich untrennbar mit der Kirche verbunden. Und als feststand, dass die Uraufführung an Pfingsten sein sollte, war mir klar, dass ich den religiösen Kontext thematisieren muss.

          Warum?

          Pfingsten war ja zunächst einmal ein jüdisches Fest. An Schawuot wird die Offenbarung der Tora gefeiert. Eben das haben laut der Bibel auch die Apostel gefeiert, als der Heilige Geist in sie fuhr und sie befähigte, in vielen Sprachen zu sprechen. Pfingsten ist also einerseits gewissermaßen die Geburt der Kirche, aber andererseits auch eine Art Anti-Babel, ein Fest der Verständigung. Ich habe gedacht, wenn ich schon zwei der großen Weltreligionen drin habe, kann ich diesen Schwung nutzen, auch die Dritte dazu zu nehmen, um sie alle in einer musikalisch-symbolischen Geste zu verweben.

          Können Sie verstehen, dass man es erst nicht aufführen wollte?

          Dass es ein brisantes Thema ist, war mir natürlich immer klar, aber was ich hier vorhabe, ist eine friedliche Geste. Es geht nicht darum, jemanden zu kritisieren oder sich lustig zu machen. Man kann natürlich nicht ausschließen, dass es jemand falsch versteht, aber es ist nicht als Provokation gedacht, sondern als Geste für ein Miteinander.

          Wie haben denn Muslime bisher auf die Idee reagiert?

          Ich habe bereits bei den Vorbereitungen mit Muslimen zusammengearbeitet. Die Aufnahme des Gebetsrufs habe ich in der Umar-Ibn-Al-Khattab-Moschee in Kreuzberg gemacht. Dort war man von Anfang an sehr offen und hilfsbereit. Auch Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, hat sich gemeldet und mir geschrieben: „Mit großem Wohlwollen und Dank sehe ich dem Stück entgegen. Ich hoffe, es bringt Juden, Christen und Muslime in dieser stürmischen und gewaltvollen Zeit wieder näher beieinander.“

          „Adhan“ ist nicht Ihre erste künstlerische Beschäftigung mit dem Islam. Haben Sie früher schon einmal negative Reaktionen erlebt?

          Bei meiner Installation „Umverteilung“ in Ditzingen 2010 habe ich Klänge von 33 Orten der Stadt an andere transportiert. Zum Beispiel hörte man im Bahnhofsfahrstuhl eine Probe des Posaunenchores, auf der Hauptstraße einen Biergarten. Und eben auch einen Muezzin, obwohl die Moschee außerhalb lag. Da gab es durchaus Gegenwind. Die Anlage mit dem Muezzin wurde mehrfach sabotiert. Das war damals nur ein paar Tage nachdem Christian Wulff gesagt hatte: „Der Islam gehört auch zu Deutschland.“

          Aufgeführt wird das Stück am Pfingstsonntag und -montag um 15 Uhr im Tiergarten. Wenn man bedenkt, dass das Carillon aus 68 Kirchenglocken besteht, wird es wohl auch dieses Mal einige unfreiwillige Zuhörer geben.

          Ich gehe davon aus, dass man die Glocken in großen Teilen des Tiergartens, bestimmt auch am Kanzleramt, vielleicht sogar bis zum Hauptbahnhof hören wird. Wie weit man den Muezzin hört, weiß ich noch nicht, das wird sich erst bei der Aufführung herausstellen.

          Man kann so eine Aufführung wohl schlecht im stillen Kämmerlein proben.

          In der Tat, das ganze Konzert ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Mir standen für die Arbeit glücklicherweise Aufnahmen der einzelnen Glocken zur Verfügung und eben die Aufnahme des Muezzins. Ich habe versucht, den Gesang möglichst genau nachzubilden. Nur die Atempausen zwischen den einzelnen Versen habe ich verlängert, damit die Glocken Zeit haben, etwas auszuklingen.

          Jedenfalls werden einige Besucher des Tiergartens verwirrt sein, plötzlich einen Muezzin zu hören.

          Das ist das Ziel. Ich denke zwar, dass es möglich ist, die Geste des Stücks auf Anhieb zu verstehen. Aber es ruft sicher auch die eine oder andere Frage hervor und regt zum Nachdenken über Gewohnheiten an. Wenn Verwirrung und diffuse Ängste dann konkret geäußert werden, kann man besser damit umgehen.

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