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Unterwegs mit Oskar Roehler : „Millionen Zombies teilen das Schicksal dieser Hässlichkeit“

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Im Haus Potsdamer Straße 156 wohnte Oskar Roehler von 1983 bis 1984. Bild: Frank Röth

In „Mein Leben als Affenarsch“ malt Oskar Roehler Angst und Sehnsucht trostloser Jahre aus. Die Verfilmung läuft derzeit unter dem Titel „Tod den Hippies – Es lebe der Punk“ in den Kinos. Auf Spurensuche mit dem Autor und Filmemacher im Herzen Berlins.

          Die geistige Wüste des Weddings, die Verrohung, der Stumpfsinn. Die Erinnerung an den Müllschlucker in der Küche, aus dem ihm der faulige Atem Berlins entgegenschlägt. Bier und Eisbein, Kohlsuppe, Currywurst, der Urschleim der Stadt, die Trostlosigkeit des eisigen Kellerlochs, in dem der Ich-Erzähler von Oskar Roehlers neuem Roman seine Aufzeichnungen aus dem West-Berlin der frühen achtziger Jahre beginnt.

          Tage der Pest in der „nachtschwarzen, geteerten und gefederten Ruine“, wie es am Ende von „Herkunft“ heißt, dem 2011 erschienenen autobiographischen Roman, in dem der Filmemacher seine Familiengeschichte erzählt, die wechselvolle Odyssee seiner Kindheit und Jugend, den Schiffbruch in den ästhetischen Niederungen der westdeutschen Provinz, aus der er sich schließlich auf die Insel der Verlorenen rettete, das mythische Eiland, auf dem sein neuer Roman spielt.

          „Berlin, der erloschene Brandherd antiken Größenwahns, der Hort des Verderbens, des Bösen“, schreibt Roehler in „Herkunft“. „Ein Labyrinth millionenfacher, grauer Hinterhöfe“, so Roehler in „Mein Leben als Affenarsch“, der von einer morbiden Faszination durchdrungenen Apokalypse, die an die Erzählung des Debütromans anknüpft, aber schon deshalb keine Fortsetzung ist, weil er das in verstörenden Bildern beschworene West-Berlin seiner Angst- und Sehnsuchtsphantasien zum Protagonisten macht.

          Wedding, Kreuzberg, Alt-Moabit: „Eine monströse Krake, ohne Kultur, ohne jeden Sinn für Schönheit, herzlos und böse und monoton“, so Roehlers Alter Ego, das wie in „Herkunft“, wie schon im Beziehungsdrama „Der alte Affe Angst“, Roehlers Zweit- oder Drittnamen Robert trägt. „Und plötzlich gefällt mir genau das: dass Millionen Zombies dieses Schicksal der Hässlichkeit mit mir teilen.“

          Wilmersdorf und Schöneberg, die aufgerissene Kanalisation entlang der Kurfürstenstraße; grelle Lichtgestalten wie Nick Cave oder Blixa Bargeld, der im SO36 die „dunklen Dämonen über Berlin“ beschwört. Die Peepshow gegenüber vom Bahnhof Zoo, „ein gigantisches Karussell der Gier“, in dem Robert als Putzer arbeitet. „West-Berlin“, so Roehler in seinem Buch, einer brennenden Tätowierung in die Haut der Stadt, „ist die totale Reduktion auf das Wesentliche, sowohl für das geistige als auch für das körperliche Überleben im Krieg gegen sich selbst.“

          Auf dem Stromkasten an der Potsdamer saß einst „die einbeinige Nutte“.

          „Als ich im Winter 1980 nach West-Berlin kam, war es, als wäre man auf einem Planeten mit Verrückten und Größenwahnsinnigen gelandet“, sagt Oskar Roehler. „Es gab die Kriegswitwen, die Taxifahrer und Türken, und der Rest war eine Ansammlung bizarrer Leute, die zum Teil wie ich aus dem Westen hierher gezogen waren.“ Roehler sitzt in seiner aufgeräumten Dachwohnung an der Prenzlauer Allee und erzählt von der Arbeit an „Mein Leben als Affenarsch“. Hohe, weiße Decke, gewachstes Parkett, eine weiße Ledercouch, ein weicher, weißer Teppich, den man auch mit den Pantoffeln nicht zu betreten wagt, die er Besuchern an der Wohnungstür überreicht. Auf dem Sofa ein in die Jahre gekommenes weißes Macbook. Ein großer Fernseher, eine lange Wand voller Bücher; die schwarze Liege am Fenster, auf der Roehler zu Violinklängen von Schmuseklassik entspannt. Den Eames Lounge Chair, in dem er im Sommer manchmal sitzt, wenn die Balkontür offensteht und vom Friedhof hinterm Haus eine leichte Brise in die Wohnung weht, hat er „schon seit 100 Jahren“, wie er fast entschuldigend sagt. Roehler, der in seinen Filmen, in „Die Unberührbare“, in „Der alte Affe Angst“ und „Agnes und seine Brüder“, sogar in der 2006 grandios gescheiterten Houellebecq-Verfilmung „Elementarteilchen“, immer auch sein Leben als Sohn umkreist, das Trauma seiner Existenz als unerwünschtes oder ungeliebtes oder abgeschobenes, jedenfalls tief verstörtes Kind der Schriftstellerin Gisela Elsner und des Schriftstellers und Lektors Klaus Roehler, ist inzwischen 56 Jahre alt. Die Eltern sind längst tot. Roehler trägt ein schwarzes Hemd, ein schwarzes Sakko zur Blue Jeans, eine der auffälligen Brillen, die sein „Markenzeichen“ sind, wie er sagt: „Sie kaschieren die Tränensäcke, die ich von meinem Alten geerbt habe.“

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