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Lebkuchenherzen für die Wiesn : Platt gewalzte Liebeserklärungen

Gekauft werden die Herzen zu Tausenden, gegessen hingegen selten: „I mog Di“ ist für die Ewigkeit. Bild: Gierke, Dominik

Das Unternehmen Zuckersucht backt täglich 50.000 Herzen für die Wiesn. Doch was unterscheidet ein „Wiesn-Herz“ eigentlich von einem herkömmlichen Lebkuchenherz?

          Als die Händler ihn fragten, wer das denn kaufen solle, ein Herz mit 50 Zentimeter Durchmesser für 60 Euro, meinte Bernd Dostler: „Jetzt schaun mer mal.“ Das war 2010, die Wiesn feierte 200 Jahre Oktoberfest, Bernd Dostler hatte in seiner Firma Zuckersucht das größte Wiesn-Herz gebacken und ließ „Das größte Herz der Welt für die größte Liebe der Welt“ darauf schreiben. So baumelte es dann in den Buden, wurde gekauft wie verrückt. „Für sein Madl lässt sich da keiner lumpen.“

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Es geht auch günstiger. Ein bisschen kleinere große Liebe gibt es für 25 Euro, eine deutsche Durchschnittsliebe, das klassische 20-Zentimeter-Herz, für etwa sechs Euro. Die Preise variieren kaum in den Buden, wohl die Qualität. Und die Schausteller meinten immer, „deine sind die besten“, sagt Bernd Dostler. Für Bescheidenheit hat der 42 Jahre alte Unternehmer, ganz bayerisch, weder die Veranlagung noch Grund. Sein Laden brummt, so kurz vor dem Wiesn-Start sowieso, wenn in der Event- und Werbekonditorei Zuckersucht in Aschheim vor den Toren Münchens jeden Tag an die 50000 Lebkuchenherzen ausgewalzt werden.

          Gelernt hat der Konditor das Handwerk in der Konditorei seines Vaters in Weiden in der Oberpfalz. Der schickte ihn mit 19 Jahren nach München zu einem Konditor, wo ihn der „Wiesn-Wahnsinn“ packte, als er Dampfnudeln für die Wirte auslieferte und ins Plaudern kam. Ein paar Wiesn später gründete er mit 28 Jahren Zuckersucht, beschäftigt heute 70 Angestellte und 50 Saisonarbeiter und beliefert Firmen und Schausteller.

          Produktion der Herzen kann bis zum Getreidefeld zurückverfolgt werden

          Die Wiesn-Herzen stehen im Vordergrund, doch die Geschäftstüchtigkeit endet weder mit dem Oktoberfest noch bei den Produkten: Auf den Blechen liegen schon die ersten Elchköpfe für die Weihnachtsmärkte, und die Wiesn-Herzen dürfen sich dieses Jahr nicht nur mit Zuckerschnörkeln schmücken: Sie sind 2016 das erste vollkommen „klimaneutral“ produzierte Produkt auf dem Oktoberfest, was auch die Stadt München bestätigt. Dazu verhalfen den Herzen unter anderem Energiesparlampen, energiesparende Öfen und Solaranlagen in den Produktionshallen, die Finanzierung von Waldschutzprogrammen und das „Geprüfte Qualität Bayern-Bio-Siegel“: Die Zutaten für die Herzen kommen alle aus Bayern, anhand der L-Nummer auf den Aufklebern kann man jedes Herz über den Mehlsack bis zum Getreidefeld zurückverfolgen. Supermärkte, die jedes Jahr anfragen, beliefert er als größter Produzent von Wiesn-Herzen nicht, das würde die Kundschaft verärgern. „Das mögen die Schausteller gar nicht“, sagt Dostler, „wenn die Leute mit einem günstigen Lidl-Herz um den Hals auf die Wiesn kommen.“

          Seine Herzen beginnen ihr Dasein als „Jabba the Hutt“. Wie das hellbraune „Star Wars“-Knetmonster von George Lucas sieht die hellbraune 400-Kilogramm-Wucht aus Mehl und Zuckerrübensirup aus, die wabernd und glucksend im Zerkneter durchgewalkt wird. Süßer, schwerer Duft nach Zimt, Zucker und Muskat steigt aus dem Zerkneter auf, diffundiert in jeden Winkel der Halle und nimmt noch mal richtig Fahrt auf durch Tausende fertig gebackene Herzen, die auf den gestapelten Blechen ringsum liegen.

          Die Lebkuchenmischung wandert nach dem Kneten erstmal vier Wochen in blauen Boxen ins Klimalager, damit alles schön fluffig wird. Bilderstrecke

          Bis sie dahin kommen, haben sie allerdings noch was vor sich: „Jabba the Hutt“ wandert nach dem Kneten erst mal vier Wochen in blauen Boxen ins Klimalager, damit alles schön fluffig wird. Der Teig soll die Zeit haben, die er braucht, um am Ende richtig „ausgelassen“ in die Walze zu fließen. Dort kommt die braune Masse nach der Ruhephase hinein und wird, einmal platt gewalzt, zu Herzen in allen Größen ausgestanzt, die sofort auf Blechen aufgefangen werden.

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