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Unmögliche Spitznamen : Nenn mich bloß nicht so!

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Kasi, Prickel, Guido: Vor allem Kinder sind bei der Namensfindung erfindungsreich – und erbarmungslos. Bild: Matthias Lüdecke, 360 Berlin, Bearbeitung F.A.S.

Wer „Schnulli“ oder „Chrischi“ gerufen wird, muss mit Nebenwirkungen rechnen. Im schlimmsten Fall gefährdet der Spitzname Liebesleben und Karriere.

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          Meine beste Freundin wusste jahrelang nicht, wie ich wirklich heiße“, sagt Mario P., den sie „Schnulli“ nennen. Auch heute noch, mit 31. Die Geschichte beginnt auf dem Schulweg. Mit einem Nachbarssohn schlendert P. an einem Bus vorbei, auf dem „Schlozer-Reisen“ steht; in der Phantasie des Nachbarn wird „Schlozer“ zu „Schnuller“ und fast gleichzeitig zum Spitznamen für Kumpel Mario. „Schnuller“ - so nennen ihn bald auch die andern Kinder. Die Grenze zwischen Spitz- und Spottnamen verschwimmt. Der Scherz ist ein Verwandter der Häme: Mario P. fühlt sich gehänselt. Doch den Triumph seines Spitznamens besiegelt er selbst, als er beim Videospielen mit Freunden seine Figur „Schnulli“ tauft. Seit diesem Tag vor 16 Jahren ist er „der Schnulli“; selbst seine Mutter nennt ihn so.

          „Ich bin …“ - oft ein wichtiger, manchmal ein schöner Moment. Es sind wenige Buchstaben, die unsere Identität rahmen; doch das Umfeld macht damit oft, was es will. So ein Spitzname kann harmlos klingen, wie bei Angela Merkel, deren Schulfreunde sie, die mit Mädchennamen Kasner hieß, „Kasi“ nannten, wie sie der „Zeit“ einmal verriet. Außenminister Frank-Walter Steinmeier trug den Spitznamen „Prickel“ - aber wie er zu dem kam: „Keine Ahnung …“

          Fast muss man dankbar sein, wenn es einem erging wie Steinmeiers Vorgänger Guido Westerwelle. Nach seinem Spitznamen gefragt, erinnerte sich Westerwelle: „Ich glaube, ich hatte keinen. Soweit ich mich erinnere, wurde ich von allen immer ganz normal ,Guido‘ genannt.“

          Vor allem Kinder und Jugendliche sind bei der Namensvergabe einfallsreich - und erbarmungslos. Manchmal unterschwellig, manchmal offen. „Spitznamen heißen nicht umsonst so, sie enthalten immer eine Spitze“, sagt Regina Birlinger, Psychologin und Kommunikationstrainerin aus München. Da heißt einer „Schmitz“ und wird „Schmutzke“ genannt. Und nicht nur Namen bieten Material für Spitznamen. Ein Versprecher, ein gemeinsames Erlebnis, ein Missgeschick: Es gibt viele Ansatzpunkte.

          Und so was heutzutage, wo Namen immer mehr auch als Statussymbol und Erfolgsfaktor begriffen werden - und das nicht erst, seit eine Studie zeigte, dass „Kevin“ und „Chantal“ es in der Schule schwerer haben. „Ein Kind, das Alexander gerufen wird, hat einen ganz anderen Start ins Leben als ein Sepp“, sagt auch Birlinger. Doch für manch einen ist es sogar von Vorteil, wenn der Name leger klingt. Joe Kaeser, inzwischen Chef bei Siemens, wurde einst als Josef Käser geboren; nach einer Station in Amerika nannte er sich um, sein Name klingt jetzt mehr nach Weltkonzern.

          Was sagt „Schnulli“ Mario P. heute zu „Schnulli“? Er hat einen guten Job, fährt einen Mercedes, doch sein helles Haar und die weichen Züge sind noch immer jungenhaft. Witzig und passend sei der Spitzname, sagt P. „Er lässt die Leute schmunzeln, und alle fragen, wie ich dazu kam“, sagt er. Zwar stellt er sich nicht als „Schnulli“ vor, aber Nachteile sieht er keine, im Gegenteil: „Er lässt mich jünger wirken und gehört einfach zu mir“, meint er. Vor zwei Jahren sagte ihm seine damalige Freundin, dass sie den Spitznamen kindisch finde. Er widersprach. Die Beziehung zerbrach bald. Freunde sagen, das Liebesleben von Mario P. sei ein heikles Kapitel. Eigentlich ist es kein Kapitel. Es sind nur ein paar Zeilen.

          Psychologin Birlinger, zu „Schnulli“ befragt, kann erst kaum fassen, dass der Spitzname real existiert. Dann sagt sie: „,Schnulli‘ ist für einen erwachsenen Mann ein Knock-out-Kriterium bei der Partnersuche.“ Das Gehirn verbinde damit ein Baby oder einen kleinen Jungen.

          Und der Mensch assoziiert ständig. Deshalb mindert ein niedlich oder kindisch klingender Spitzname die Attraktivität, besonders die von Männern: Wenn ein Zwei-Meter-Kerl „Hansi“ genannt wird, wirkt der Spitzname bestenfalls ironisch. Viel eher muss man unwillkürlich an einen Jungen denken. Aber welche Frau will einen Jungen an ihrer Seite? Männer, die Spitznamen mit i- oder y-Endung tragen, landen schnell in der Kumpelschublade: Game over.

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