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Falsche Ernährung : 200 Millionen Kinder weltweit sind laut Unicef krank

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Auch in Argentinien bekommen viele Kinder nicht ausreichend gesundes Essen und sind regelmäßig Gast in einer der Suppenküchen – wie jene hier in der Hauptstadt Buenos Aires. Bild: AP

Auf der ganzen Welt sind mehr als hundert Millionen Kinder zu klein oder zu dünn für ihr Alter, weil sie nicht ausreichend Nährstoffe zu sich nehmen. Auch die Welthungerhilfe beklagt in ihrem neuen Bericht einen „herben Rückschlag“.

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          Etwa 200 Millionen Kinder weltweit sind einem Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef aufgrund von zu wenig oder falscher Ernährung krank. Mindestens eins von drei Kindern unter fünf Jahren weltweit sei entweder unterernährt oder zu dick, heißt es in einem Bericht, den Unicef am Dienstag in New York vorstellte. „Trotz allem technologischen, kulturellen und sozialem Fortschritt in den vergangenen Jahrzehnten haben wir den grundsätzlichen Fakt aus den Augen verloren“, sagte Unicef-Chefin Henrietta Fore. „Wenn Kinder schlecht essen, leben sie schlecht.“

          Weltweit seien 149 Millionen Kinder in ihrer Entwicklung gehemmt oder zu klein für ihr Alter, 50 Millionen Kinder schwach oder zu dünn für ihre Größe, 340 Millionen Kinder bekämen nicht ausreichend Vitamine oder Nährstoffe und 40 Millionen Kinder seien übergewichtig.

          Das Problem beginne schon am Anfang des Lebens, hieß es in dem Bericht. Nur 42 Prozent der Kinder unter sechs Monaten bekämen ausschließlich Muttermilch, während der Verkauf von Säuglingsmilchnahrung zwischen 2008 und 2013 um 72 Prozent zugenommen habe. Anschließend bekämen zu viele Kinder zu wenig oder falsche Nahrung: Fast 45 Prozent der Kinder zwischen sechs Monaten und zwei Jahren bekämen kein Obst oder Gemüse, fast 60 Prozent keine Eier, Milchprodukte, Fisch oder Fleisch.

          Später bekämen Kinder zu viel Fastfood und zuckrige Getränke. Zwischen 2000 und 2016 habe sich die Zahl der übergewichtigen Kinder zwischen 5 und 19 Jahren fast verdoppelt. Unicef fordert deswegen von Regierungen und Herstellern weltweit unter anderem mehr Aufklärung über gesunde Ernährung.

          Welthungerhilfe: „Herber Rückschlag“

          Der Klimawandel verschärft nach Angaben der Deutschen Welthungerhilfe die Ernährungslage und gefährdet die Bekämpfung des Hungers in der Welt. Die erzielten Fortschritte seit dem Jahr 2000 seien nicht nur stark gefährdet, es gebe sogar Rückschritte in einigen Regionen, erklärte die Präsidentin der Organisation, Marlehn Thieme, am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung des jährlichen Welthunger-Index (WHI). Die seit drei Jahren steigende Zahl der Hungernden weltweit auf derzeit 822 Millionen Menschen bezeichnete sie als „einen herben Rückschlag“.

          Der Welthunger-Index kennzeichnet die Ernährungslage in 117 Ländern. Davon weisen laut Welthungerhilfe 43 Länder „ernste“ Hungerwerte auf. Als „sehr ernst“ gilt die Lage im Tschad, in Madagaskar, im Jemen und in Sambia. Im Jemen, Libanon, der Zentralafrikanischen Republik und in Venezuela seien die WHI-Werte heute schlechter als im Jahr 2000. Erfreulich sei dagegen die Entwicklung in Myanmar und im Senegal, die sich von „sehr ernst“ im Jahr 2000 auf „mäßig“ verbesserten. Fortschritte gebe es auch in Angola, Äthiopien und Ruanda.

          Der Bericht zeige, dass der Klimawandel die Ernährungslage in jenen Ländern verschlechtere, die ohnehin von Hunger und Armut betroffen sind, sagte Thieme. Wegen schwerer Dürren in weiten Teilen der Welt zwischen 2011 und 2016 seien 124 Millionen Menschen in 51 Ländern in eine krisenhafte Ernährungslage geraten.

          Der Klimawandel wirke sich zunehmend auch auf die Qualität der Nahrungsmittel aus und könne zu Mangel- und Fehlernährung insbesondere bei armen Menschen führen. Ferner seien Konfliktgebiete deutlich anfälliger für die Auswirkungen des Klimawandels. „In der Folge werden sich die Hungerzahlen weiter erhöhen“, befürchtet Thieme. Frauen und Kinder seien die Hauptleidtragenden.

          Insgesamt sind den Angaben zufolge die Index-Werte zur Hungersituation weltweit seit 2000 um 31 Prozent gefallen. Diese Fortschritte seien aber zu langsam, sagte Thieme. Bei gleichem Tempo könnten 45 Länder den Hunger nicht bis zum Jahr 2030 besiegen, wie es die Staatengemeinschaft mit den Nachhaltigkeitszielen erreichen will. 2018 hat die Welthungerhilfe rund 10,5 Millionen Menschen in 37 Ländern unterstützt.

          Grüne und FDP im Bundestag forderten von der Bundesregierung, den Kampf gegen Hungersnöte zu verstärken. Deutschland müsse entschiedener und schneller gegen die Klimakrise vorgehen und sich mehr um „vergessenen Krisen“ zu kümmern, sagte die menschenrechtspolitische Sprecherin der Grünen, Margarete Bause, der Funke Mediengruppe (Dienstag). Der entwicklungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Christoph Hoffmann, erklärte, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, müsse im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit die Landwirtschaft auch mit Hilfe neuer Biotechnologie intensiviert werden.

          Das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ und die Menschenrechtsorganisation Fian erklärten, bei der Überwindung von Hunger und Ernährungssicherheit komme Frauen eine Schlüsselrolle zu. Sie übernähmen bei Anbau, Ernte und Zubereitung von Nahrungsmitteln zentrale Aufgaben. Trotzdem seien immer noch die Mehrheit der Menschen, die Hunger leiden, Frauen und Mädchen. Beide Organisationen sind Mitherausgeber eines neuen Jahrbuchs zum Recht auf Nahrung, das zum Welternährungstag (16. Oktober) erscheint.

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