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Unbekannte Halbgeschwister : Warum hast du mir das verschwiegen?

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Beziehungsweise durch die Mutter. Eine Frau kann natürlich kein eigenes Kind haben, von dem sie nichts weiß, und ein halbblütiges Geschwisterkind in einer Familie ist häufiger das Kind der Mutter als des Vaters. Eine Frau, die ihr Kind weggibt, wird, ob wegen der Erwartungen an das Mutterideal oder aus anderen Gründen, oft verachtet. Ohne konkreten Anlass kommt kaum jemand auf den Gedanken, die eigene Mutter könnte ein unbekanntes Kind haben.

Trauer um andere Kinder

„Ich habe ihr immer alles erzählt. Dass sie so eine wichtige Sache vor mir geheim gehalten hat, hat erst mal mein Verhältnis zu meiner Mutter gestört, bis ich begriffen habe, was sie das auch an Schmerz gekostet haben muss, dass sie das Kind weggegeben hat“, schildert die Filmregisseurin Margarethe von Trotta ihre Reaktion auf die Nachricht, dass ihre verstorbene Mutter fünfzehn Jahre vor Margarethes Geburt ein Mädchen zur Adoption freigegeben hatte. „Ich war total erschüttert. Ich habe richtig Weinkrämpfe bekommen, weil ich ja auch meine Mutter gar nicht mehr befragen konnte. Es war ja auch niemand da, mein Vater war nicht da, der war schon lange vorher gestorben. Ich war ganz alleine mit dieser Erkenntnis und habe das meiner Mutter natürlich auch erst mal innerlich sicherlich nicht so schnell verziehen. Und dann aber habe ich überlegt – auch allerdings mit Hilfe einer Psychoanalytikerin –, dass sie mich auch schützen wollte, dass sie vielleicht Angst hatte, dass ich da plötzlich sie auch in einem anderen Licht sehe oder auch sie dränge, herauszubekommen, wo die andere Schwester ist.“ Noch fünfunddreißig Jahre später beschäftigte sie das so sehr, dass sie in ihrem Spielfilm „Die abhandene Welt“ von zwei Schwestern erzählt, die einander nicht kannten.

Gemeinsam durch die Kindheit? So etwas lässt sich nicht nachholen.

Aber auch das: Als man einer fünfzigjährigen Frankfurterin erzählte, dass sie als kleines Kind mit einem Bruder zusammengelebt hatte, den die Mutter ein Jahr nach der Geburt ins Heim gab, folgte auf die erste Fassungslosigkeit große Erleichterung: „Es war, als habe jemand einen Deckel von meinem Leben genommen. Ich kann mich an ihn überhaupt nicht erinnern, habe aber immer gespürt, dass in der Familie etwas nicht stimmt, etwas fehlt.“

Eine gemeinsame Kindheit lässt sich nicht nachholen

Viele der Verwirrungen, Gefühlsstürme und Überforderungen, die ein bislang unbekanntes Familienmitglied auslöst, liegen darin begründet, dass dieser Mensch – sozial und emotional – ein völlig Fremder und zugleich – genetisch – ein enger Verwandter ist. Wie soll man sich ihm gegenüber verhalten? Wen definiert man als Familie? Weisheiten wie „Blut ist dicker als Wasser“ entpuppen sich sofort als fragwürdig. In einem Blog begründet eine Frau ihre Weigerung, die fremde Schwester auch nur kennenzulernen: „Wir anderen sind Familie, wir waren in guten wie in schlechten Tagen, in bodenloser Trauer und großem Glück füreinander da. Bei nichts davon war sie dabei.“ Das mag brüsk klingen, ist aber vermutlich nicht ungewöhnlich, denn entscheidend für das Familiengefühl ist das soziale Miteinander. Eine gemeinsame Kindheit lässt sich nicht nachholen, Geschwistergefühle müssen nachsozialisiert werden.

Es wird für alle einfacher, wenn man sich zumindest ohne Animositäten und Misstrauen begegnen kann. Vielleicht ist man sich sympathisch, findet Interesse oder gar Gefallen aneinander, kann sich anfreunden. Miteinander anfreunden. Aber auch mit der aktuellen Situation und mit Entscheidungen, die der gemeinsame Vater oder die gemeinsame Mutter einmal getroffen haben.

Allerdings haben jene, die mit dem betreffenden Elternteil aufgewachsen sind, dem fremden Kind gegenüber oft so etwas wie ein schlechtes Gewissen, als sei es ihre Pflicht, die Schuld des gemeinsamen Vaters oder der Mutter zu begleichen. „Ich will nicht die Verantwortung haben, etwas wiedergutmachen zu müssen“, sagte eine Schwester, die beim Vater aufgewachsen war. „Aber ich will ihm Auskunft geben, was den Vater angeht. Da muss ich ein gerechtes Bild zeichnen, seine guten und seine schlechten Seiten. Wir baden ja etwas aus, wofür wir nichts können.“

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