https://www.faz.net/-gum-97huw

Unbekannte Halbgeschwister : Warum hast du mir das verschwiegen?

  • -Aktualisiert am

Heimlicher Kontakt zu anderen Kindern

Eine solche Offenbarung kann nicht nur das Bild der Eltern, sondern auch das Selbstbild ins Gleiten bringen. Da ist der Sechzigjährige, der mit strammer Stimme erzählte, das mit dem gerade aufgetauchten Sohn des Vaters „gehe schon in Ordnung“, um nach einigem Nachfragen, ob sich dadurch etwas verändert habe, hinzuzufügen, Papas Erstgeborener sei er ja nun nicht mehr. Der Vater habe ihn immer mit den stolzen Worten „Das ist mein Erstgeborener“ vorgestellt, was den Jungen angesichts vieler jüngerer Geschwister zu etwas Besonderem machte. Und jetzt? Und warum, fragt man sich, war es dem Vater so wichtig, wider besseres Wissen immer und immer wieder zu betonen, dass dieser Bub sein ältestes Kind sei?

Neben solchen Männern, die den Kontakt zu ihrem Kind und dessen Mutter abgebrochen und bestenfalls noch Alimente gezahlt haben, gibt es andere, die die Verbindung heimlich weiterführten – hinter dem Rücken ihrer Kinder und nicht selten auch dem der Ehefrau. Schwer zu sagen, welche dieser Varianten für ihre ahnungslosen Kinder die schwierigere ist.

Wie aus dem Gesicht geschnitten

Da ist die Sechzigjährige, die ihren fast neunzigjährigen Vater zu Grabe trug. Noch auf dem Friedhof sprach eine Unbekannte sie an und stellte sich als Tochter des Verstorbenen vor. Sie sei fünf Jahre jünger, wohne in derselben Stadt, der Vater habe sie seit ihrer Geburt jede Woche besucht; wenn er mit seiner „richtigen“ Familie in den Ferien war, habe er wenigstens angerufen. Da sind die Geschwister, die nach dem plötzlichen Herztod ihres Vaters feststellen mussten, dass er die gesamten Familienersparnisse einer volljährigen Tochter und deren Mutter überschrieben hatte.

Auf dem Friedhof wurde eine Sechzigjährige von einer Unbekannten angesprochen, die sich als Tochter des verstorbenen Vaters vorstellte. (Archivbild)

Manchmal erübrigen sich Zweifel. Ihrem Halbbruder, erzählt eine Pfälzerin, war „die Wahrheit ins Gesicht geschrieben. Ich kam ins Café und habe mich furchtbar erschrocken. Er sah gespuckt wie mein Vater aus, von uns Geschwistern sieht ihm keiner so ähnlich. Und er bewegt sich genau wie er, obwohl er ihn nie gesehen hat.“ Dennoch wurde, „nun ja, der Ordnung halber“, ein DNA-Test gemacht. Hat das Auftauchen dieses Sohnes ihr Vaterbild verändert? „Nein, dass er sich nicht um ihn gekümmert hat, hat es eher bestätigt. Später erfuhren wir, dass er noch eine Tochter hat, die nicht mehr auffindbar ist. Mein jüngerer Bruder war wütend, diese Doppelmoral sei typisch für unseren Vater gewesen: an uns hohe Anforderungen stellen, und selbst . . .“

Geheimhaltung sorgt für Probleme

Aber da ist auch der Potsdamer, der auf die Nachricht, dass er eine Schwester habe, ganz anders reagierte, nämlich amüsiert, fast ein wenig bewundernd. In seiner Kindheit waren seine Eltern eng mit einem Ehepaar befreundet gewesen, sein Vater und die andere Frau verliebten sich und bekamen eine Tochter, die bei der Mutter aufwuchs. Als der Potsdamer das erfuhr, war er fast vierzig Jahre alt: „Ich fand das eigentlich ziemlich cool. Das hätte ich dem Alten gar nicht zugetraut.“ Und dass er jetzt diese großartige Halbschwester habe, sei „das größte Wunder überhaupt“.

Woher kommt die Sicherheit, genau zu wissen, wie viele Nachkommen die Eltern haben? Ein sexuell aktiver Mann kann das nicht einmal selbst wissen. Es überrascht nicht, dass ein Kind, von dem der Vater selbst nichts wusste, dessen Kindern kaum psychische Probleme bereitet – was ein klares Indiz dafür ist, dass die Ursache des Schocks nicht das fremde Kind per se ist, sondern dessen Verheimlichung durch den Vater.

Weitere Themen

Topmeldungen

Trump steht innenpolitisch unter Druck, weil er die Pandemie anfangs kleingeredet hatte.

Vorwürfe gegen Trump : Wie man mit Masken Politik macht

Kauft Washington überall Atemschutzmasken auf und leitet Bestellungen um? Deutsche und französische Politiker behaupten das. Aber ist an den Beschuldigungen etwas dran – oder ist es nur Anti-Trump-Polemik?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.