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UN-Bericht : Die Corona-Krise bedroht Fortschritte für Mädchen

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Michelle Bachelet, die Hohe Kommissarin der UN für Menschenrechte, während der Eröffnung des UN-Menschenrechtsgipfels in Genfs. Bild: AFP

Die Vereinten Nationen haben ihren Weltbevölkerungsbericht vorgestellt. Er zeigt, dass Kinderehen und Genitalverstümmelung noch weit verbreitet sind.

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          Wenn es um ihre Kinder geht, wollen Eltern meist nur das Beste. Mischt sich dieser gute Wille aber mit problematischen kulturellen oder religiösen Praktiken, kann das nachhaltige psychische und physische Folgen für das Kind haben. Gerade Mädchen und junge Frauen leiden heute in vielen Entwicklungsländern noch immer unter Diskriminierung, Kinderehen und Genitalverstümmelung. Der Weltbevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) stellt in seinem am Dienstag veröffentlichten Weltbevölkerungsbericht fest, dass trotz positiver Entwicklungen die bisherigen Fortschritte nicht ausreichen, um Genitalverstümmelungen bei Mädchen bis 2030 abzuschaffen.

          Unter dem Titel „Gegen meinen Willen – Praktiken beenden, die Frauen und Mädchen schaden und Gleichstellung verhindern“ beschäftigt sich der diesjährige Bericht mit den Themen Genitalverstümmelung, Frühverheiratung und Geschlechterselektion gegen Mädchen. „Schädliche Praktiken sind der Ausdruck davon, dass Mädchen und Frauen nicht frei über ihre Körper und ihr Leben entscheiden können. Es ist unerlässlich, dass insbesondere in den betroffenen Ländern offen über die Auswirkungen dieser Praktiken gesprochen wird und Aufklärung stattfindet“, sagt Jan Kreutzberg, Geschäftsführer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung.

          Bis heute sind bereits 200 Millionen Frauen und Mädchen auf der Welt Opfer von Genitalverstümmelung geworden, nach Schätzungen sind allein in diesem Jahr 4,1 Millionen Mädchen gefährdet. Die als Menschenrechtsverletzung geltende Praktik ist vor allem in Afrika verbreitet. Dem Bericht zufolge mussten zwischen 2004 und 2018 etwa 97 Prozent der fünfzehn- bis neunzehnjährigen Somalierinnen den gewaltsamen Eingriff über sich ergehen lassen, gefolgt von Guinea mit 92 und Mali mit 86 Prozent. Außer in afrikanischen Ländern ist der Eingriff zudem in Jemen und Irak sowie weiteren asiatischen Ländern verbreitet. Wandern Menschen aus Ländern aus, in denen dieses Vorgehen üblich ist, nehmen sie die Praktik häufig mit. So wurden laut dem Bericht 2012 etwa 513000 Mädchen und Frauen in den Vereinigten Staaten tatsächlich oder potentiell Opfer weiblicher Genitalverstümmelung.

          Jeden Tag rund 33.000 Minderjährige verheiratet

          Obwohl auch Kinderehen fast überall auf der Welt verboten sind, werden jeden Tag etwa 33.000 Minderjährige verheiratet. Besonders verbreitet ist dies in armen und unterentwickelten Ländern, in ungebildeten Bevölkerungsgruppen – und in Krisenzeiten. Dem Bericht zufolge wurden bis zu diesem Jahr 650 Millionen Mädchen und Frauen im Kindesalter verheiratet. Allein 2019 waren 20 Prozent der 20 bis 24 Jahre alten Frauen weltweit schon vor dem 18. Lebensjahr verheiratet. Im Niger, dem Land mit der höchsten Quote an Kinderehen, waren es 76 Prozent.

          Um die körperliche Integrität von Frauen und Mädchen zu schützen und die Gleichbehandlung von Männern und Frauen sicherzustellen, sei der erste Schritt die Aufklärung über die gesundheitlichen Folgen, heißt es im Weltbevölkerungsbericht. Es habe sich gezeigt, dass Jungen und Männer sich verstärkt gegen die Umsetzung der Praktiken aussprächen, wenn sie deren Folgen kennen. Neben der Einführung entsprechender Gesetze und nationaler Aktionspläne fordern die Herausgeber, verstärkt Programme zu fördern, die Mädchen den Schulabschluss ermöglichen. So könne die Gefahr einer Frühverheiratung reduziert und die Chance auf ein eigenes Einkommen im Erwachsenenalter verbessert werden. Laut Weltbevölkerungsfonds sind bis 2030 Investitionen in Höhe von 3,4 Milliarden Dollar pro Jahr notwendig, um 84 Millionen Mädchen weltweit zu schützen. Die UN-Organisation finanziert sich aus freiwilligen Beiträgen der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen und privaten Spenden, insbesondere von großen Stiftungen wie der Gates- und der Clinton-Foundation. 2019 lagen die Einnahmen bei 1,41 Milliarden Dollar.

          Der Bericht wurde zu Beginn der Corona-Pandemie erstellt und enthält kaum Daten über deren Einfluss auf die schädlichen Praktiken. Dennoch sind sie Autoren sicher, dass die Corona-Krise die bisherigen Fortschritte zu gefährden droht. UNFPA, die Gesundheitsorganisation Avenir Health, die Johns Hopkins University und die Victoria University haben berechnet, dass es bei einer Verzögerung der Programme zum Schutz von Mädchen vor Genitalverstümmelung schätzungsweise zwei Millionen vermeidbare Fälle in den kommenden zehn Jahren geben wird. Beim Programm zur Verhinderung von Kinderehen führt den Wissenschaftlern zufolge bereits eine einjährige Corona-bedingte Verzögerung zu 7,4 Millionen vermeidbaren Fällen in der kommenden Dekade. Hinzu kommen noch 5,6 Millionen Kinderehen auf Grund des wirtschaftlichen Abschwungs.

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